Pfingstvision Weiz: Zulehner warnt vor Geistauslöschung
Graz, 13.4.08 (KAP) Christen suchen nicht Utopien, sondern "schlicht und unpathetisch Hoffnung": Dies betonte der steirische Diözesanbischof Egon Kapellari im Kunsthaus Weiz beim Festakt "20 Jahre Weizer Pfingstvision". Die "Weizer Pfingstvision" sei "ein Weg der Hoffnung ohne Anspruch auf ein geistliches Monopol", so Bischof Kapellari. "Weg der Hoffnung" lautet auch der Name einer mehrjährigen Initiative, die Christen über die oststeirische Region rund um Weiz hinaus, aber auch "Menschen guten Willens" für eine Erneuerung in Kirche und Gesellschaft vernetzen soll. Präsentiert wurde dieses vom Zweiten Vatikanischen Konzil inspirierte Projekt vom Initiator der "Weizer Pfingstvision", Fery Berger, bei der Jubiläumsveranstaltung in Weiz, bei der auch der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner und der frühere Vizekanzler Erhard Busek das Wort ergriffen.
Kapellari gegen Kleinreden von Schwierigkeiten
Bischof Kapellari sagte bei der Präsentation, es sei für "jede Frischzelle in Kirche und Gesellschaft" - so auch für die Weizer Pfingstinitiative - "entlastend", dass sie kein "Monopol auf wahre Reform in Kirche und Gesellschaft" haben muss, weil es neben und mit ihr auch viele andere alte und neue Frischzellen in der Kirche gibt. Es sei "entlastend", dass heute einer verbreiteten geistlichen Müdigkeit in manchen Großräumen der Weltkirche eine große Vitalität in anderen Großräumen gegenübersteht. Freilich dürfe der Blick auf das Ganze von Kirche und Welt nicht zu einem "Kleinreden" oder "Wegreden" von Schwierigkeiten und Defiziten führen.
Der Name "Pfingstvision" erinnere an das erste Pfingstfest der Kirchengeschichte, betonte der steirische Bischof. Der Heilige Geist erweise sich im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder als "Quelle von Begeisterung". Das sei freilich kein Dauerzustand, es gebe auch "leise, undramatische Gaben" wie "zähe Geduld, zähe Treue und Kraft zur Bewältigung des Alltags". Von Weiz aus sei in den letzten 20 Jahren viel Gutes in Gesellschaft und Kirche eingebracht worden. Sein Jubiläumswunsch sei, dass die "Weizer Pfingstinitiative" in fester Verbindung mit Diözese und Weltkirche weiter gedeihen möge, sagte Kapellari. Ausrüstung dafür seien nicht Utopien, sondern eine "lebendige Hoffnung, die aus den tiefen Brunnen der Bibel, des Gebets und der Sakramente und aus dem Wissen um Freuden und Nöte der Menschen schöpft".
"Weg der Hoffnung" soll "Geist des Konzils auffrischen"
Der "Weg der Hoffnung" soll den "Geist des Konzils auffrischen" und die berühmte Rede des Konzilstheologen Karl Rahner beim Katholikentag 1962 in Salzburg, kurz vor Konzilsbeginn, mit dem Appell "Löscht den Geist nicht aus!" in die heutige Zeitsituation übersetzen, sagte Fery Berger. Als äußerer Rahmen für den Weg sind vier Treffen von 2009 bis 2012 vorgesehen - jeweils am 11. Oktober (weil am 11. Oktober 1962 das Zweite Vaticanum begann). Das erste Treffen vom 9. bis 11. Oktober 2009 werde dem Thema Spiritualität gewidmet sein, jenes im Jahr 2010 dem Thema Solidarität. Der gemeinsame Weg soll 2012 - zum 50-Jahr-Jubiläum des Zweiten Vaticanums - in einem großen Treffen um den 11. Oktober münden.
Die Idee zum "Weg der Hoffnung" stammt - so Berger - von dem ägyptischen Jesuiten P. Henri Boulad, der mit der "Weizer Pfingstvision" seit langem verbunden ist. P. Boulad trete für eine Mobilisierung von "Hoffnung und Erneuerung" angesichts der Herausforderungen einer globalisierten Welt und für einen tiefgreifenden Prozess der Erneuerung von Kirche und Gesellschaft ein.
Kritik an "engstirnigem Kulturchristentum"
Auch der Wiener Pastoraltheologe Prof. Zulehner nahm in seiner Ansprache Bezug auf Karl Rahners Salzburger Rede, die nach wie vor "von höchster Aktualität" sei. Denn Anzeichen der Geistauslöschung gebe es auch heute viele: Zulehner wandte sich gegen einen "dumpfen Nationalismus" wie auch einen "eingeigelten Eurozentrismus", aber auch gegen ein "engstirniges Kulturchristentum", das den Glauben als "Instrument der Ab- und Ausgrenzung" missbrauche - insbesondere gegenüber dem Islam. Dabei werde vergessen, dass ein Thomas von Aquin seine grandiose Theologie nur entwickeln konnte, weil er über das islamische Spanien Zugang zu Aristoteles hatte. Auch viele Kenntnisse in der Medizin, Mathematik, Architektur oder Astronomie verdanke Europa islamischen Gelehrten. "Heute aber wollen wir von Arbeitsmigranten lediglich die Arbeitskraft", kritisierte der Theologe: "Dass solche muslimische Arbeitskräfte Familien mit vielen Kindern mitbringen, nehmen wir widerwillig in Kauf". In Europa treffe heute ein "vormoderner, glaubensstarker und kinderfreundlicher Islam" auf ein "postmodernes, glaubensschwaches und kinderarmes Christentum". Zulehners Appell: "Wir sollten unseren eigenen christlichen Glauben stärken statt mit bischöflichem Segen den Bau von Minaretten verbieten".
Nur ein weit geöffnetes Christentum, das die Vielfalt der Sprachen und Kulturen versteht "und Gottes Heilsspuren bei allen Menschen aufzuspüren vermag", sei getragen von der Vision Jesu, betonte Prof. Zulehner. Im Licht einer solchen Vision würden sich jene "kümmerlich" ausnehmen, die keinen Dialog zusammenbringen, "weder mit den christlichen Schwesterkirchen noch mit den großen Religionen der Welt und schon gar nicht mit einem lehrreichen und intelligenten Atheismus". In solcher Enge blühe die Angst. Wörtlich meinte Zulehner: "Was für ein Segen für die eine Welt wäre es, würde der pfingstliche Gottesgeist solch zukunftslose Ängstlichkeit an der Seelenwurzel der Menschen heilen".
Zulehner für "wachen und loyalen Kirchenmut"
Der mit der "Weizer Pfingstvision" seit langem freundschaftlich verbundene Pastoraltheologe plädierte auch für einen "wachen und loyalen Kirchenmut", der dazu führen solle, dass "neue Möglichkeiten in kontrollierten Experimenten ausgetestet und auf ihre weltkirchliche Tauglichkeit hin geprüft werden". Zulehner erinnerte dabei an einen "prophetischen Satz" über die Kirche des Jahres 2000, den der jetzige Papst bereits 1970 ausgesprochen habe: Von der Kirche "als kleine Gemeinschaft" sei da die Rede gewesen, die "gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen" werde.
Busek verweist auf Notwendigkeit von Werten
Der frühere österreichische Vizekanzler Erhard Busek verwies in Weiz auf die Notwendigkeit von Werten: "Zukunft braucht eine Orientierung an Werten und gerade die Bibel ist eine jener Erzählungen, die uns diese Werte geben kann". Er sei immer wieder erstaunt, so Busek, wenn man ihm sage, dass "neue Werte" benötigt würden: "Wir haben doch sehr gute alte Werte, aber die Menschen kennen die Zehn Gebote nicht mehr, schon gar nicht die ersten drei". Daher müsse es die eigentliche Vision von Pfingsten sein, "Gott, den Glauben und die Erlösung wieder zur Sprache zu bringen".
Im Hinblick auf die Globalisierung warnte Busek vor einer "fatalistischen Haltung des Wartens auf den Weltuntergang". Gerade Christen hätten biblisch den Auftrag, die Welt zu gestalten, die Einstellung "No future" habe keine Zukunft. Den anderen zu verstehen, das Pfingstwunder heute noch zu leben, sei nur möglich, wenn man sich in den anderen Menschen hineinfühle.
Der überzeugte Europäer Busek rief in seiner Rede zu mehr Weltoffenheit der Österreicher auf: "Wenn andere nicht wissen, wo Österreich liegt, sind wir gekränkt, wenn wir nicht wissen, wo andere wohnen, sind wir womöglich sogar noch stolz darauf". Auch zu einem verstärkten Bewusstsein für die Europäische Union rief Busek auf: "Wenn die Amerikaner über Amerika reden, geben sie die Hand aufs Herz, wenn wir über Europa reden, greifen wir uns mit der Hand auf der Kopf".
