350 Mio. Christen feierten am Wochenende Ostern
Wien (KAP) Rund 350 Millionen orthodoxe und altorientalische Christen weltweit feiern am Sonntag, 27. April, das Osterfest. Die mitgliederstärksten Kirchen mit diesem Ostertermin sind die russisch-orthodoxe Kirche (110 Millionen Mitglieder) und die äthiopisch-orthodoxe Kirche (45 Millionen Mitglieder).
Auf Grund unterschiedlicher Kalender und Berechnungsmethoden feiern die Christen in Ost und West das Osterfest zu unterschiedlichen Terminen. In der Orthodoxie wird der Ostertermin nach dem Julianischen Kalender berechnet. So kommt es im Vergleich zu den Christen westlicher Tradition zu Terminverschiebungen, die sich aus den jährlich differierenden Abweichungen von julianischer Zeitberechnung und astronomischem Sonnen- und Mondlauf ergeben.
Die unterschiedliche Konzeption zwischen westlicher und östlicher Christenheit wird in der Liturgie sichtbar, die in der orthodoxen Kirche den Charakter eines "Mysterienspiels" hat, das in ganzheitlicher Weise - weit über das rationale Verstehen-Wollen hinaus - den Gläubigen die Geheimnisse der Erlösung durch Christus vermittelt. Möglichst alle Sinne der Mitfeiernden sollen angesprochen werden: Sie sehen den mehrmaligen feierlichen Ein- und Auszug der Priester und Diakone, sie hören die Chöre, riechen die Kerzen und den Weihrauch und schmecken beim Ausgang das gesegnete Brot (Antidoron).
Auf Grund der historischen Tradition Österreichs finden sich in Wien und den meisten Bundesländerhauptstädten Gemeinden fast aller orthodoxen und altorientalischen Kirchen. Mit außerordentlicher Feierlichkeit wird die Osterliturgie in den beiden orthodoxen Wiener Kathedralen begangen: Der griechisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale am Fleischmarkt, wo der zum Patriarchat von Konstantinopel gehörende Wiener orthodoxe Metropolit Michael Staikos seinen Sitz hat, und der russisch-orthodoxen St. Nikolaus-Kathedrale, dem Sitz von Bischof Hilarion Alfejew, im 3. Bezirk.
Die Zahl der Orthodoxen und Altorientalen in Österreich ist offiziell nicht erfasst, hat aber in den letzten 40 Jahren durch die Zuwanderung aus von der Balkanhalbinsel, aus Osteuropa und aus dem Nahen Osten deutlich zugenommen. Schätzungen besagen, dass in Österreich bis zu 400.000 Angehörige der orthodoxen und altorientalischen Kirchen leben.
Das "heilige Feuer" aus dem Grab Jesu
Am orthodoxen Osterfest feiern Pilger aus aller Welt in der Grabeskirche das "Wunder von Jerusalem"- "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Gabi Fröhlich
Jerusalem, 25.4.08 (KAP) Am orthodoxen Karsamstag, der in diesem Jahr auf den 26. April fällt, vibriert die Altstadt von Jerusalem: Alle Einwohner des christlichen Viertels sind auf den Beinen, mit ihnen drängen Tausende Pilger aus Osteuropa durch die schmalen Gassen zur Grabeskirche. Schon vor Sonnenaufgang hat die israelische Polizei alle Hände voll zu tun, um den Ansturm einigermaßen zu ordnen. In der Grabeskirche schiebt die Menschenmenge gegen die Absperrungen, um möglichst nah zum Ort des Geschehens vorzudringen, der Kapelle über dem Grab Jesu. Gemeinsam mit Millionen vor den Bildschirmen in aller Welt warten die Gläubigen mit großen Kerzenbündeln in der Hand auf das alljährlich sich wiederholende Wunder in der orthodoxen Welt: das "heilige Feuer".
Die Berichte über das Geschehen sind schillernd und schwanken zwischen gläubiger Bewunderung und harscher Kritik - seit Jahrhunderten. Nach dem Volksglauben entzündet sich am frühen Nachmittag dieses "Samstags des Lichts" während der Zeremonie des "heiligen Feuers" im Grab Jesu auf wundersame Weise eine bläulich schimmernde Flamme. In den ersten Minuten sei die heilige Flamme kühl und verbrenne nicht. Gott schenke dieses Wunder als Bestätigung für die Autorität der orthodoxen Mutterkirche von Jerusalem.
Erste schriftliche Zeugnisse über das "Wunder des Heiligen Feuers" stammen aus der Zeit um das Jahr 1000. Die eigentliche Feier ist jedoch noch älter: Schon im 4. Jahrhundert beschreiben Pilger jene österliche Liturgie, während der eine Flamme an einer Öllampe im Grab Jesu entzündet und als Zeichen der Auferstehung Jesu an die wartenden Gläubigen weitergereicht wurde. Dass die Beschreibungen später von einer wundersamen Herabkunft des Osterfeuers sprachen, wird von manchen Historikern auf die Auseinandersetzung mit dem triumphierenden und die Macht ausübenden Islam zurückgeführt.
Spuren dieses Zusammenhangs finden sich bis heute in der Zeremonie: So versiegelt nach alter Tradition ein Muslim das Grab Jesu, bevor die kirchlichen Vertreter es betreten, um das Osterfeuer zu empfangen - als Garantie für die Authentizität des Wunders. Nicht immer sahen Muslime in dem christlichen Fest einen Widerspruch zu ihrem eigenen Glauben. Aus der Zeit um das Jahr 900 stammen Berichte, die von einer regelrechten Vereinnahmung durch die islamischen Herrscher sprechen: Damals sei die Flamme vom Gouverneur selbst aus dem Grab Jesu genommen und in die Moscheen der Stadt getragen worden. Spätere muslimische Herrscher waren allerdings weniger begeistert und geißelten das christliche Wunder als "pyrotechnischen Mönchsbluff": So ließ im Jahr 1009 der gefürchtete Kalif Hakim die Grabeskirche schleifen, offenbar auch um der "Gotteslästerung" ein Ende zu machen.
Die katholische Kirche stand der symbolträchtigen Feier zunächst wohlwollend gegenüber: In seinem Aufruf zum ersten Kreuzzug forderte Papst Urban II. noch, dass das jährliche göttliche Wunder im heiligen Grab von den Ungläubigen nicht unterbunden werden dürfe. Zur Zeit des lateinischen Königreichs war es denn auch der katholische Patriarch, der die symbolträchtige Zeremonie leitete. Das änderte sich allerdings, nachdem das Königreich Jerusalem zusammengebrochen war: 1238 verkündete Gregor IX. mit einer päpstlichen Bulle den offiziellen Ausstieg der katholischen Kirche aus der Feier des heiligen Feuers, die er als "Aberglauben" bezeichnete. In der Zeremonie hat daher als einziger Katholik der franziskanische Mesner einen festen Platz, der als "Zeuge" das Geschehen von seinem Platz neben der Tür der Grabeskapelle aus verfolgt.
Dennoch gilt die "Herabkunft des heiligen Feuers" heute als Höhepunkt der christlichen Osterfeiern in Jerusalem - nicht nur für die orthodoxen Christen, sondern auch für viele einheimische Katholiken und Lutheraner. Der Ritus, der eigentlich nur die Vorbereitung für die anschließende Liturgiefeier sein soll, scheint auf den ersten Blick kaum etwas mit der strengen Gestaltung eines traditionellen ostkirchlichen Gottesdienstes zu tun zu haben. Einzelne Gruppen belagern schon vom Vortag an die Grabeskirche, um das "Wunder" aus der Nähe zu erleben. An den Absperrungen rund um die Kirche spielen sich dramatische Szenen ab, wenn von weit her angereiste Pilger an der israelischen Polizei scheitern, weil sie keine Eintrittskarten besitzen. Manchmal ist auch trotz gültiger Karten kein Durchkommen möglich. Wer es schafft, bis in die Grabeskirche vorzudringen, muss sich auf stundenlanges Stehen in der Menge einstellen. Immer wieder werden Ohnmächtige hinausgetragen.
Kraftakt für die Polizei
Für die israelische Polizei ist die Zeremonie ein alljährlicher Kraftakt - so wie sie es zuvor für die jordanischen, britischen und türkischen Sicherheitskräfte war. Dabei spielen sie in den Augen der Gläubigen nolens volens die Rolle der römischen Soldaten, die damals den Leichnam Jesu im Grab bewachen sollten. Besonders kritisch ist, dass die Grabeskirche nur einen einzigen Ausgang hat; schon mehrfach kam es in früheren Zeiten zu Massenpaniken während der Liturgie. Deshalb sind Hunderte von Beamten im Einsatz, um die Gläubigen hinter ihren Absperrungen zu halten. Das Gotteshaus ist genau aufgeteilt unter den beteiligten Konfessionen: Griechisch-Orthdoxe, Armenier, Syrer und Kopten - damit ist diese Feier die größte regelmäßige ökumenische Veranstaltung im Heiligen Land. Regierungsdelegationen aus Russland und anderen orthodoxen Ländern besetzen die Logenplätze.
Wenn schließlich der griechisch-orthodoxe Patriarch um die Mittagszeit als letzter und wichtigster Kirchenvertreter in feierlicher Prozession einzieht, brodelt das Heiligtum regelrecht: Einzelne Gläubige sind auf die Grabeskapelle oder an Säulen hochgeklettert, Kameraleute versuchen sich mühsam auf den Beinen zu halten. Arabische Jugendliche reiten auf den Schultern ihrer Altersgenossen vor dem Grab auf und ab und heizen mit Trommeln Sprechchöre wie "Jesus lebt" oder "Wir sind Christen" an. Der Patriarch zieht mit seinen Begleitern dreimal um das Grab Jesu, begleitet von Fahnenträgern aus den 13 wichtigsten orthodoxen Familien Jerusalems. Auch die gelb-weißen Farben des Vatikans flattern unter den Bannern.
Zum Höhepunkt der Zeremonie entkleidet sich der Patriarch als Geste der Demut vor der göttlichen Nähe bis auf das weiße Untergewand. Nun wird das Siegel über der Tür zum Grab Jesu wieder aufgebrochen und er tritt ein, gefolgt von einem Vertreter der Armenier - außer ihm dem einzigen Zeugen für das Geschehen in der kleinen Kapelle. Der armenische Patriarch selbst nimmt einen Logenplatz in der Rotunda ein, während Vertreter der Kopten und Syrer vor dem Eingang der Kapelle Position beziehen.
Seit Jahrhunderten ist es Streitpunkt, wem welche Rolle in der heiligen Handlung zukomme. Armenier und Griechen sind deswegen sogar vor israelische Gerichte gezogen, ohne dass die sich jedoch befugt gesehen hätten, in den Kircheninterna zu entscheiden. Bis in jüngste Zeiten kam es so während des Höhepunkts der Zeremonie manchmal zu würdelosen Rangeleien unter den Kirchenvertretern in der Grabeskapelle. Geht die Zeremonie ihren geregelten Lauf, so kniet der griechisch-orthodoxe Patriarch nun vor dem Grab Jesu nieder und spricht dort leise ein altes hymnenartiges Gebet, das Christus als "das Licht der Welt" besingt. In der Grabeskirche ist es mittlerweile ganz still geworden, alle Lampen wurden gelöscht. Tausende blicken erwartungsvoll auf die dunkle kleine Kapelle.
Flamme breitet sich aus
Auf einmal geht alles rasend schnell: Im Grab Jesu scheint eine Flamme auf, die von den beiden Kirchenvertretern durch jeweils ein rundes Loch in der Seitenwand der Kapelle nach außen gereicht wird. Läufer rennen damit los, um sie zu den Wartenden in der Stadt zu tragen. Innerhalb von Minuten scheint das Licht in allen Gassen auf, macht sich auf die Reise in die Nachbarstaaten und über den Flughafen in entfernte Länder. In der Grabeskirche selbst hat die Polizei Mühe, die nach vorn Drängenden zu bändigen: Jeder versucht, sein Kerzenbündel an den beiden fackelartigen Flammen zu entzünden, die der Patriarch mit weit ausgebreiteten Armen aus dem Grab trägt.
Aus 33 schmalen Kerzen besteht jedes Bündel, Symbol für die Lebensjahre Jesu. Die Polizei steht überall mit kleinen Feuerlöschern parat, um die Brandgefahr einzugrenzen. Im zentralen "Katholikon" der Orthodoxen beginnt nun die eigentliche Ostervigil.
Die Kirchenführung hat sich über den Ursprung des "heiligen Feuers" bisher zumeist zurückhaltend geäußert. Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., sagte dazu auf Nachfrage vorsichtig: Das Feuer stehe für die Kraft des Heiligen Geistes. Die Menschen hätten bei der Feier eine geistliche Erfahrung, die der Macht des Gebetes und des Glaubens entspringe, und niemand habe das Recht, dieses Erleben lächerlich zu machen. Theologen aller Glaubensrichtungen bedauern allerdings, dass darüber das eigentliche Mysterium der Feier in Vergessenheit gerate: das Hinabsteigen Jesu ins Totenreich und seine Auferstehung. Ähnliche Kritik klingt bei Theophilos III. an, wenn er mahnt, bei aller Begeisterung müsse die Liturgie des "heiligen Feuers" doch transparent bleiben für das große Wunder, das sie symbolisiere.