"Liturgie braucht Schweigen und Sensibilität für Symbole"
Wien-Madrid, 27.4.06 (KAP) "Banalität und lieblose Improvisation dürfen im Gottesdienst keinen Platz haben. Es kann nicht darum gehen, die liturgische Entwicklung seit dem Konzil umzukehren. Wohl aber soll Vergessenes wieder integriert werden: Mehr Schweigen, Einübung in die Liturgie, mehr Sensibilität für die Heiligen Zeichen": Dies betonte der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari - der viele Jahre auch Liturgiereferent der Österreichischen Bischofskonferenz war - in einem Interview mit dem Pressedienst der Universität von Navarra. Bischof Kapellari hatte am Mittwoch beim 27. Internationalen Theologischen Symposion der Theologischen Fakultät der Universität in Pamplona den Hauptvortrag über "Die Liturgie im Leben der Gläubigen" gehalten. Der Präsident des Symposions, Prof. Jose Luis Gutierrez, unterstrich bei der Eröffnung des Symposions "die enge organische Verbindung zwischen liturgischer Erneuerung und Erneuerung des ganzen Lebens der Kirche".
In dem Interview mit dem Pressedienst der Universität von Navarra verwies Bischof Kapellari darauf, dass die Zahl der Teilnehmer an der Sonntagsmesse heute nicht mehr ein "klarer Indikator für die Lebendigkeit einer Ortskirche" sei. In wohl allen Ländern Europas habe die Zahl der Gottesdienstteilnehmer abgenommen. Andererseits gebe es viel Teilnahme an der Liturgie der großen Feste wie Weihnachten und Ostern. "Jedenfalls muss die Liturgie heilig bleiben und schöner werden, die Predigten müssten besser werden, wenn die Situation sich generell bessern soll", so Kapellari.
In Österreich sei die Situation der Kirche trotz aller Umbrüche und Abbrüche "stabiler als in vielen anderen Ländern Europas", betonte der Grazer Bischof. Die Ursachen der Säkularisierung seien in Österreich grundsätzlich gleich wie in Deutschland oder Belgien, "aber sie waren nicht so radikal wirksam wie in diesen Ländern".
Freilich seien die liturgischen Symbole der Kirche vielen Christen fremd geworden, obwohl es gerade in der Gesellschaft von heute viele Symbole gibt, die sehr mächtig sind, "man denke z.B. an die Welt des Sports mit ihren säkularistischen Liturgien" oder an Film, Theater und Musik. Die Entfremdung von den Symbolen hänge auch damit zusammen, dass die Familie sie den Kindern kaum erklären kann und selbst nicht religiös praktiziert. Auch sei die "Kunst des Feierns" (ars celebrandi) bei den Priestern selbst oft sehr schwach entwickelt.
Im Gottesdienst hätten Priester und Laien prinzipiell gleichermaßen teil an der Würde ihrer Zugehörigkeit zum "einen Volk Gottes". Der Priester handle aber unverwechselbar "in persona Christi" (an Christi statt). Er stehe der Gemeinde gegenüber so wie Christus den Jüngern gegenüber gestanden ist.
Bischof Kapellari nahm auch zur Krise des Bußsakraments Stellung. Dieses Sakrament sei weithin vergessen, "weil nicht erkannt und anerkannt wird, dass es die Sünde gibt und dass der Mensch nicht glücklich sein kann, wenn er das verdrängt".
Die christlichen Wurzeln seien in Europa nicht einfach "abgestorben", unterstrich der Grazer Bischof: "Sie tragen, nähren auch heute viele Menschen unserer Länder". Das werde aber oft nicht reflektiert und gewürdigt. Das Glaubenswissen müsse vor allem bei der jüngeren Generation wieder viel stärker werden, wenn eine Wende zum Besseren eintreten soll.
"Vielerlei Freude wie auch erhebliche Sorge
Das Zweite Vatikanische Konzil habe die Liturgie als "Höhepunkt" bezeichnet, dem "das Tun der Kirche zustrebt" und zugleich als "Quelle", aus der all ihre Kraft strömt, betonte Bischof Kapellari in seinem Vortrag vor dem 27. Internationalen Theologischen Symposion von Navarra. Ein Rundblick auf den Zustand der Liturgie im deutschen Sprachraum und wohl ebenso in Spanien oder Irland gebe Anlass "zu vielerlei Freude wie auch zu erheblicher Sorge".
Bischof Kapellari stellte klar, dass es heute nicht um eine Umdrehung der nachkonziliaren Liturgiereform gehen kann. Wohl aber könnten "vergessene oder verdrängte" Perspektiven wieder Berücksichtigung finden. Es gehe dabei um die verstärkte Wiederentdeckung des Heiligen, um die Ausgewogenheit zwischen den unersetzbaren Aufgaben der Träger des Weihesakraments und den Aufgaben der zum allgemeinen Priestertum gerufenen Getauften und schließlich um die Wiedergewinnung der "ars celebrandi", die dazu beitragen kann, die Liturgie vor Banalisierung und vor einem Verlust an Kraft, Gestalt und Schönheit zu bewahren. All dies stehe freilich unter dem Vorbehalt, dass Liturgie ohne "glaubende Liebe zu Gott und zu den Menschen ihre Fruchtbarkeit verliert", betonte der steirische Bischof.
Die Begegnung mit dem Heiligen verlange "eine Balance zwischen Nähe und Distanz", unterstrich Kapellari. Sie brauche Ehrfurcht und entziehe sich dem Zugriff jeder Banalität.
Theologie der Stellvertretung
Im Hinblick auf die mancherorts schrumpfenden Gottesdienstgemeinden plädierte der Grazer Bischof für eine "Umkehr der Perspektive": Statt bekümmert bis vorwurfsvoll an die vielen Abwesenden zu denken, sollte man sich derer freuen, die miteinander vor Gott versammelt sind. Die Entwicklung einer Theologie und Spiritualität der Stellvertretung werde für die Kirche angesichts einer zunehmenden Diasporasituation immer wichtiger. Kapellari berichtete von einem eigenen Erlebnis, als er 1981 bei einer Vesperliturgie am Vorabend des orthodoxen Epiphaniefestes in einer russischen Kirche in Jerusalem anwesend war: "Ein Erzpriester, ein Diakon und einige Nonnen feierten angesichts einer Gemeinde von nur einem Dutzend Christen eine Liturgie in Kraft und Herrlichkeit mit einer solchen Intensität, als wären sie in einer überfüllten Kathedrale". Später habe man ihm gesagt, die spirituelle Kraft dieser Menschen rühre aus ihrer Überzeugung, dass sie ganz Russland an denHeiligen Stätten in Jerusalem vertreten, das halte sie aufrecht.
Dialog mit der Kunst
Eindringlich trat Bischof Kapellari in Pamplona für einen verstärkten Dialog der Kirche "mit alter und neuer bildender Kunst, Literatur und Musik" ein. Liturgie sei ja mindestens in ihrer Hochform auch ein "Gesamtkunstwerk" unter Einbeziehung aller Kunstgattungen. Das Gespräch mit Kunst könnte die Liturgie einem "heilsamen Fegefeuer" unterziehen, das viele Schlacken aus Wort, Gebärde, Musik, Gestalt und Raum beseitigen würde.
Ein besonderes Problem stelle der liturgische "Gestaltverlust" dar, der sich auf die liturgischen Geräte und Paramente, aber auch auf die "Sprachkultur oder -unkultur" vieler Zelebranten beziehe. Das liturgische Kunsthandwerk sei weitgehend kraftlos geworden, der Sinn für Qualität sei bei Herstellern und Kundschaft "schwer gestört". Der Heilige Stuhl und die Bischofskonferenzen müssten wahrscheinlich einige einschlägige Firmen gründen oder übernehmen und Musterbücher für Qualitätvolles und zugleich finanziell Erreichbares anbieten, um der Liturgie zu helfen, "edle Einfachheit statt Kitsch zurück zu gewinnen".
Vor der Technisierung hätten Kunsthandwerker bei der Schaffung heiliger Zeichen oft in schwerer Handarbeit mit dem dafür nötigen Werkstoff ringen müssen. Das habe zur Schärfung des Instinkts für eine dem Material und der dramaturgischen Situation angemessene Gestalt etwa eines liturgischen Kleides oder eines Kultgeräts geführt und damit das Eindringen von Kitsch in Liturgie und profanes Leben erschwert.
Rückbesinnung Prinzip "Einübung"
Abschließend sprach sich Bischof Kapellari für eine Rückbesinnung auf das Prinzip "Einübung" für den Gottesdienst aus. Nach 1968 habe der "Kult der Spontaneität" geherrscht. Heute werde auch im Blick auf die Liturgie wieder bewusster, dass es einer gewissen Einübung bedarf, wenn Schlampigkeit abgebaut werden soll. Erst Einübung ermögliche eine Balance zwischen Wiederholung und Spontaneität in einem vorgegebenen Rahmen.
Vor dem Konzil sei Liturgie stärker von Wiederholung als von Abwechslung geprägt gewesen. Unmittelbar nach dem Konzil habe sich das zur "Variation" ausschwingende Pendel oft über die Skala des Zuträglichen hinausbewegt. Dabei habe das Neue paradoxerweise eben dort gefehlt, wo es einen unbestrittenen Platz hat, nämlich in einer gut vorbereiteten Predigt. Inzwischen sei vieles besser geworden, mehr Einübung bei Zelebranten, Ministranten, Lektoren usw. wäre aber auch heute in vielen Gemeinden geboten. Kapellari wörtlich: "Liturgieverantwortliche sollten immer wieder versuchen, sich die Brillen eines ästhetisch sensiblen, religiös suchenden Mitchristen oder eines Agnostiker aufsetzen, der an der Schwelle von Kirchenraum und Gottesdienst negativ darüber staunt, wie manche Liturgen mit dem Heiligsten umgehen, das ihnen anvertraut ist".