Kirchen sollen für das Existenzrecht Israels eintreten
Wien, 9.5.08 (KAP) Die Christen und die Kirchen sind aus den Erfahrungen der Geschichte gefordert, das Existenzrecht des Staates Israel anzuerkennen und nach Kräften dafür einzutreten: Das betont der österreichische "Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit" aus Anlass des 60-Jahr-Jubiläums des Staates Israel. Am 14. Mai 1948, hatte der Jüdische Nationalrat unter der Führung von David Ben Gurion im Stadtmuseum von Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung verlesen.
Viele Kirchen haben sich zu einer Abkehr von allen theologischen Traditionen der Judenfeindschaft bekannt und den Antisemitismus als Sünde verurteilt, erinnert der Koordinierungsausschuss: "Für uns ist eine unabdingbare Konsequenz daraus die positive Würdigung des Staates Israel, der einer der Eckpfeiler jüdischen Selbstverständnisses ist".
Die Dialogplattform erinnert aber auch an die in der Region des Nahen Ostens bisher noch nicht gelösten Probleme. Diese seien der Status und die Lebensumstände der Palästinenser in arabischen Ländern, die Situation der arabischen Bevölkerung in Israel sowie die seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 von Israel besetzten Gebiete. Ein "gerechter Friede" sei ein Gebot der Stunde.
Aus Erfahrungen der Geschichte gefordert
Diese ungelösten Probleme berechtigten Christen aber "nicht zu einer grundsätzlich ablehnenden Haltung gegenüber dem Staat Israel - auch nicht unter Hinweis auf die unterschiedliche Beurteilung ihres Staates und der Politik der jeweiligen Regierung durch Juden selbst". Die Christen und die Kirchen müssten dementgegen nicht nur das Existenzrecht des Staates Israel anerkennen, sondern auch nach Kräften dafür eintreten. Dazu seien sie "aus den Erfahrungen der Geschichte gefordert".
Distanz empfiehlt der Koordinierungsausschuss allerdings gegenüber "allen Versuchen, die heutige Situation unkritisch und direkt mit biblischen Verheißungen und Heilszusagen gleichzusetzen". Wörtlich heißt es dazu: "Die konkret vorfindbare Welt mit dem nach menschlichem Maß wahrgenommenen Willen Gottes - ob als Heil oder Verwerfung - vollständig zu identifizieren, hat in der Geschichte immer wieder zu Ausbrüchen der Gewalt geführt und schränkt die Freiheit der Wege Gottes ein".
Kritik an "christlichem Zionismus"
In diesem Zusammenhang wird auch die in den USA innerhalb des evangelikalen Spektrums entstandene Bewegung des "Christlichen Zionismus" kritisiert. Die Anhänger dieser Bewegung unterstützen die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland. Die Bewegung "lässt jede Distanz zum Staat Israel vermissen und vereinnahmt ihn für fundamentalistisch verstandene christliche Heilserwartungen", so die Erklärung des Koordinieurungsausschusses.
Schwierigkeiten der arabischen Christen
Auch das Dilemma der arabischen Christen im Blick auf Israel wird thematisiert. Dazu heißt es: "Wir sind uns bewusst, dass eine positive Würdigung des Staates Israel durch arabische Christinnen und Christen heute aufgrund der konkreten Situation und politischer Spannungen nur unter Schwierigkeiten möglich ist. Ein gerechter Frieden sollte umso dringlicher ein Gebot der Stunde sein. Dieser besitzt nicht nur die alltägliche Dimension des Wohlergehens für alle Bewohnerinnen und Bewohner des Landes, sondern hat eine zutiefst spirituelle Komponente. Nur so können die biblischen Verheißungen, die für Juden, Christen, ja letztlich alle Menschen gleichermaßen gelten, ihre tatsächliche Leben stiftende Kraft entfalten".
In diesem Zusammenhang wird "das unermüdliche Engagement vieler Christinnen und Christen im Nahen Osten" gewürdigt. Sie seien Leidtragende des Konfliktes "und doch auch als Brückenbauer immer wieder vermittelnd und versöhnend" am Werk. "Weltweit müssen Christinnen und Christen daran interessiert sein, dass jene auch in Zukunft in ihrem Land sicher wohnen können und dass Friedenskräfte aller Bekenntnisse auf allen Seiten konkrete Unterstützung finden", heißt es in der Erklärung des Koordinierungsausschusses, in dem Christen verschiedener Konfession sowie Vertreter des Judentums kooperieren. (Informationen: http://www.christenundjuden.org/)
Plassnik: "Belastbare Freundschaft" mit Israel
Außenministerin Ursula Plassnik erinnerte anlässlich der Gründung Israels vor 60 Jahren an die "Last der Geschichte", die in den Beziehungen zwischen Österreich und Israel stets ein Rolle spiele. "Am Verbrechen und Zivilisationsbruch der Shoa und am Ungeist der Vertreibung des Geistigen haben auch viele Österreicher als Täter mitgewirkt. Unsere Beziehungen waren lange überschattet von den Verbrechen während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, von der erst sehr spät anerkannten Verantwortung für Verfolgung, Vertreibung und Ermordung österreichischer Juden in der Shoa", schrieb Plassnik in einer Aussendung. Heute verbinde die beiden Staaten "eine vertrauensvolle Partnerschaft und eine belastbare Freundschaft".
In den vergangenen Jahren hat sich nach Ansicht der Ministerin "viel am Umgang mit unserer Geschichte geändert". Mit dem "aufrichtigen Bekenntnis zur österreichischen Verantwortung für die Opfer des Nationalsozialismus" habe ein neues Kapitel im bilateralen Verhältnis begonnen. "Aus unserer Geschichte nehmen wir die Entschlossenheit zum 'Nie wieder' mit", so Plassnik. In Erinnerung an den Österreicher Theodor Herzl, der die Vision einer "Heimstätte des jüdischen Volkes" in Palästina artikuliert habe, schrieb die ÖVP-Politikerin weiter: "Österreich war und bleibt ein Land jüdischen Schicksals und jüdischer Schicksale."
Wie kein anderer Staat sei Israel von seinem Gründungstag an infrage gestellt und herausgefordert gewesen. Unter schwierigsten Bedingungen sei aber "beeindruckende Aufbauarbeit geleistet" worden; in vielen Bereichen seien Spitzenleistungen erbracht worden. Der kulturelle Reichtum Israels habe sie bei jedem Besuch beeindruckt, betonte Plassnik, die zum Nahost-Konflikt die österreichische Position bekräftigte, wonach ein nachhaltiger Friede zwischen Israelis und Palästinensern "nur auf Basis einer Zwei-Staaten-Lösung und bei vollem Respekt des Existenzrechts Israels möglich" sei.