Kardinal Schönborn zu Ehe, Amstetten und Sterbehilfe
Wien, 10.5.08 (KAP) Die Kirche ist die letzte Institution, "die gegen alle Trends die Lebenslänglichkeit der Ehe verteidigt, die den Wert der lebenslangen Treue verteidigt": Das stellt nach den Worten von Kardinal Christoph Schönborn die Grundlage für die "schwierige Position der Kirche gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen" dar, die immer auch in der Zusammenschau unterschiedlicher Aspekte zu sehen sei. Die Kirche betrachte die Ehe jedenfalls "als einen Wert und nicht nur als eine Pflicht, als etwas im Letzten auch Beglückendes und nicht nur Belastendes", erklärte der Wiener Erzbischof in einem Interview für die Pfingstausgabe der Tageszeitung "Die Presse".
In der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen gelte es die "Perspektive zu weiten" auf jene hin, "die keine laute Lobby haben" - etwa zu den Scheidungs-Waisen, die im gesellschaftlichen und auch im kirchlichen Diskurs "furchtbar vernachlässigt" worden sei. Gesehen werden müssten auch die vielen "sitzen gebliebenen Partner, die es oft sehr viel schwerer haben als die, die schon wieder einen Partner gefunden haben", so Schönborn, der zudem die Frage stellte: "Wer spricht denen Anerkennung aus, die vielleicht unter großen Opfern zusammen bleiben, weil sie sich Treue versprochen haben?" Sein Anliegen sei es, die Aufmerksamkeit breiter zu streuen, betonte der Wiener Erzbischof. Man dürfe das Leid der einen nicht gegen das Leid anderer ausspielen, und auch "nicht die Barmherzigkeit, die für die einen gefordert wird, zur Vernachlässigung oder gar zur Unbarmherzigkeit anderen gegenüber werden lassen".
"Wirkliche Barmherzigkeit" in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen liegt nach den Worten des Kardinals darin, "dass zuerst einmal die Schuldgeschichte benannt und nicht schnelle Heilung durch ein sakramentales Pflaster in Aussicht gestellt" werde. Erst nach ernsthafter Trauerarbeit, Reue und "vielleicht sogar Versöhnungsarbeit" könne man "verantwortungsbewusst seelsorglich sagen, hier ist eine Situation, in der auch ein Zugang zu den Sakramentenwieder sinnvoll ist".
"Ehe" unter Gleichgeschlechtlichen undenkbar
Von "Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker nach den derzeitigen "Hauptkonfliktlinien der Kirche mit Politik und Gesellschaft" befragt nannte Schönborn den vorliegenden Gesetzesentwurf zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften: "Wir sind - ich bin sicher, mit der Mehrheit unseres Landes - nach wie vor überzeugt, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln ist." Gegen eine zivilrechtliche Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sei nichts einzuwenden, aber eine Gleichstellung mit der Ehe sehr wohl. Ehe und Familie seien "nun einmal ganz elementar und einfach die Zukunft eines Landes". Auch die Vereinten Nationen betrachteten die Ehe als eine dauerhafte Partnerschaft zwischen Mann und Frau, die grundsätzlich offen ist für Nachwuchs. Die ablehnende Haltung der Kirche zur "Homo-Ehe" habe "überhaupt nichts mit Diskriminierung zu tun", stellte Schönborn klar: "Diskriminieren hieße Gleiches ungleich behandeln. Aber Ungleiches ungleich zu behandeln, ist keine Diskriminierung."
Der Kardinal stimmte der Einschätzung zu, dass sich die Kirche klarer als früher "gegen den Mainstream" in Gesellschaft und Wissenschaft positioniert. Streitfragen über die Familie, die Bioethik oder wie jüngst mehrfach über Sterbehilfe seien freilich "Konfrontationen, die uns aufgedrängt werden", so der Erzbischof: "Wir haben es nicht gesucht, dass im Europarat eine Euthanasie-Initiative nach der anderen kommt, aber wir haben uns sehr wohl entschlossen, dass wir uns dagegen wehren, und zwar nicht nur die Christen." Das Klima in diesen Themenfeldern sei "konfrontativer geworden".
Amstettener Fall zeigt "Realität des Bösen"
Zum Amstettener Kriminalfall, der sich laut manchen Kommentatoren "unter der Oberfläche eines sehr traditionellen katholischen Umfelds" ereignet habe, erklärte Schönborn, der Inzestfall sei "eine Rückfrage an das katholische, aber auch generell an das österreichische Umfeld, eine Rückfrage an das europäische Umfeld, und wahrscheinlich ist es letztlich eine Rückfrage an den Menschen". Die Erfahrung des 20. Jahrhunderts und die Biografien der großen NS-Verbrecher habe gezeigt, "dass das Böse meistens nicht in der erschreckenden, sondern in der banalen Gestalt daherkommt, in der Gestalt äußerer Freundlichkeit und Biederkeit". Der Fall in Amstetten sei auch eine "Anfrage an uns, wie ernst wir die Realität des Bösen nehmen. Haben wir wirklich genug getan, wenn wir alles versuchen psychologisch zu erklären?" In konkreten Fall habe man den "Eindruck, mit einer abgründigen Realität des Bösen konfrontiert zu werden, die eben nicht einfach wegerklärt werden kann".
