25.000 Soldaten bei Wallfahrt in Lourdes
Die Internationale Soldatenwallfahrt in den französischen Marienort hat - trotz aller Nebenerscheinungen - eine eindrucksvolle religiöse Dimension - "Kathpress"-Reportage von Georg Pulling
Lourdes, 23.5.08 (KAP) Laut und bunt präsentierte sich das französische Marienheiligtum Lourdes bei der Internationalen Soldatenwallfahrt mit mehr als 25.000 Soldaten aus aller Welt. Doch trotz allen Rummels - und auch trotz des reichlich fließenden Alkohols - finden sich immer wieder Orte und Zeiten der Ruhe und des intensiven Gebets. Der norddeutsche Militärpfarrer Rainer Stahlhacke betonte im "Kathpress"-Gespräch am Rande der Soldatenwallfahrt drei entscheidende Momente: Die Begegnung mit Soldaten aus anderen Nationen, das gemeinsame Gebet um Frieden sowie die Gottesdienste. Dass das Gebet zu kurz komme, wollte Stahlhacke so nicht gelten lassen: "Gehen Sie nach Mitternacht zur Erscheinungsgrotte. Da werden Sie viele Soldaten im Gebet finden".
Auch der Wiener Militärpfarrer Harald Tripp betonte im "Kathpress"-Gespräch die religiöse Dimension der Wallfahrt: "Das hat bei uns schon bei der Anreise mit der Bahn begonnen, als wir während eines unfreiwilligen Aufenthalts in Frankreich am Bahnsteig Gottesdienst gefeiert haben".
Die jungen Soldaten würden sich freuen, hier in Lourdes "einmal etwas anderes" zu erleben, so der Geistliche, und dieses "Andere" habe durchaus sehr viel mit Glaube und Kirche zu tun. Für einige der jungen Männer und Frauen sei es so gut wie die erste Begegnung mit Kirche und Glaube, andere wiederum seien gekommen, um ihren Glauben zu vertiefen, so Tripp über die Bandbreite der Teilnehmer. Schon am Freitagmorgen betete der Wiener Militärpfarrer jedenfalls mit Soldaten aus Österreich den "Kreuzweg von Lourdes".
Als besondere Aufgabe für die Militärpfarrer hoben Tripp und Stahlhacke das seelsorgliche Gespräch mit den Soldaten hervor. Neben den Gottesdiensten sei dies wohl die wichtigste Aufgabe. Den jungen - und auch den älteren - Soldaten einfach zuzuhören, ihnen das Gefühl zu geben, für sie da zu sein und dann auch Lösungen und Wege aus dem Glauben heraus aufzuzeigen - darauf komme es an, so Pfarrer Tripp. Noch wichtiger sei das Gespräch beim Auslandseinsatz, hob der Militärgeistliche hervor, der vor zwei Jahren in Bosnien im Einsatz war.
Pfarrer Stahlhacke ist erst im März von einem halbjährigen Einsatz in Nordafghanistanzurückgekommen. Hier habe es auch Raketenangriffe und weitere Attacken gegeben. Umso notwendiger sei die Anwesenheit eines Geistlichen, so Stahlhacke: "Der Pfarrer muss darauf schauen, dass die jungen Leute nicht überfordert werden und mit ihren Ängsten umgehen können". Für viele stelle sich angesichts der ständigen Bedrohung, aber auch angesichts des Leids der heimischen Bevölkerung die Frage nach dem Sinn des Lebens. Da spielt es für den Geistlichen dann auch keine Rolle, ob seine Schützlinge katholisch sind oder einer anderen Konfession angehören (oder keiner, viele deutsche Soldaten aus den "östlichen" Bundesländern sind konfessionslos). Wenn es für den einen oder anderen dann doch zu viel ist, dann setzt sich der Pfarrer auch dafür ein, dass der betreffende Soldat vorzeitig die Heimreise antreten kann.
In Lourdes sollte das nicht notwendig sein. Stahlhacke und Tripp sind aber jedenfalls gefordert, auf das richtige Maß zwischen Gebet und Spaß zu achten. Dabei, so Tripp, sei es nicht nur so, dass er für die Soldaten da ist. Die vielen Gespräche rund um Fragen des Glaubens und des Lebens würden auch für ihn immer wieder sehr bereichernd sein. Tripp: "Aus Lourdes komme auch ich jedes Jahr wieder tief berührt und bereichert zurück".
Ganz im Zeichen des gemeinsamen Gebets und des Einsatzes für den Frieden stand am Freitagnachmittag in der unterirdischen Basilika Pie X. die offizielle Eröffnungsfeier der Soldatenwallfahrt mit Teilnehmern aus rund 50 Nationen. Zuvor waren militärische Abordnungen der teilnehmenden Nationen in einer farbenprächtigen Parade durch Lourdes gezogen. Die Palette der teilnehmenden Verbände reichte von der Schweizergarde bis zur Fremdenlegion. Auffallend stark waren die Abordnungen aus Osteuropa, Lateinamerika und Afrika vertreten (vor allem aus den französischsprachigen Ländern, aber auch aus englischsprachigen wie Südafrika, Nigeria und Uganda).
Am Samstagvormittag eröffnete der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung im Beisein des deutschen Militärbischofs Walter Mixa und des Bischofs von Lourdes-Tarbes, Jacques Perrier, das "Dorf der Friedensstifter" im Zentrum von Lourdes. Auch Jung ging dabei auf die friedensstiftende Funktion der Soldaten ein. Der deutsche Verteidigungsminister war nicht der einzige "Promi" bei der Internationalen Soldatenwallfahrt. Abgesehen vom österreichischen Verteidigungsminister Norbert Darabos, der am Samstagmittag gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn "einflog", waren u.a. auch die irische Staatspräsidentin Mary Mac Aleese und ihr montenegrinischer Amtskollege Filip Vujanovic anwesend. Auch der französische Verteidigungsminister Herve Morin, seine Vorgängerin (die heutige Innenministerin) Michele Alliot-Marie, sowie die Spitze des französischen Generalstabs nahmen teil. Aus den Niederlanden war Staatssekretär Jack de Vries gekommen; de Vries, ein Protestant, äußerte sich sehr beeindruckt nach einem Gottesdienst des niederländischen katholischen Militärbischofs Jos Punt. Er verstehe jetzt, dass die Wallfahrt den Militärangehörigen "Trost und Kraft" gebe.
Die österreichische Militärseelsorge präsentierte in ihrem Zelt im "Dorf der Friedensstifter" den selig gesprochenen Märtyrer Franz Jägerstätter. Zugleich wurde auf Schautafeln und Videomonitoren die Arbeit der Militärseelsorge und das grundsätzliche Spannungsfeld zwischen Einsatz für den Frieden und Dienst mit der Waffe thematisiert. Der deutsche Militärbischof Mixa würdigte bei seinem Besuch im Österreich-Zelt das Lebenszeugnis Jägerstätters, der stellvertretend für viele stehe.
Einer der berührendsten Momente der Wallfahrt war die große eucharistische Prozession auf der "Esplanade du Rosaire" mit anschließender Krankensegnung am Freitagabend. Dabei kam erstmals die von Militärbischof Christian Werner gestiftete neue Monstranz zum Einsatz, die in Zukunft immer bei den Soldatenwallfahrten Verwendung finden wird.
Der erste Tag der Wallfahrt schloss mit der traditionellen Lichterprozession. Danach gab eine monumentale "Son et lumiere"-Präsentation einen Rückblick auf "50 Jahre Internationale Soldatenwallfahrt" nach Lourdes. Trotz des einsetzenden Regens harrten Tausende Pilger auf der Esplanade aus.
In der "Son et lumiere"-Präsentation wurde die bewegende Geschichte der Militärwallfahrt lebendig. Eine der Schlüsselgestalten war der Militärgeistliche Andre Besombes, Kaplan an der Pfarre St. Exupere in Toulouse. Er führte im Dezember 1944 - der Zweite Weltkrieg war noch voll im Gang - eine erste lokale Militärwallfahrt nach Lourdes, an der auch amerikanische, britische und sowjetische Offiziere teilnahmen.
Besombes gelang es in den folgenden Jahren, die Wallfahrt nach Lourdes zu einem gesamtfranzösischen Ereignis zu machen (und Frankreich war damals viel größer als heute; es nahmen auch Soldaten aus Nordafrika, Schwarzafrika, Indochina teil). Aber er wollte sich nicht damit begnügen. Besombes ging es auch um den Brückenschlag zu den Feinden von gestern. Als Gefangenenkaplan hatte er den deutschen Militärgeistlichen Ludwig Steger kennen gelernt. Besombes und Steger träumten davon, die Feinde von einst zu Füßen der Madonna von Lourdes im Gebet zu vereinen. Schon 1947 lud Besombes seinen deutschen Amtsbruder diskret zur Wallfahrt nach Lourdes ein. Aber es sollte noch bis 1958 dauern, bis erstmals nach Kriegsende deutsche Soldaten in Uniform französischen Boden betreten durften, um in den Marienort in den Pyrenäen zu pilgern. 1958 wurde das 100-Jahr-Jubiläum der Marienerscheinungen in Lourdes begangen; man wollte den Feiern bewusst einen internationalen Charakter geben. So war es möglich, zur 1. Internationalen Soldatenwallfahrt von 14. bis 16. Juni 1958 auch eine Delegation deutscher Soldaten einzuladen. Der aus Algerien stammende französische Marschall Alphonse Juin (1888-1967) appellierte damals an die jungen Soldaten, "für die Versöhnung der Völker der Welt" zu beten. Juin war selbst von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges zutiefst betroffen, weil die marokkanischen Truppen unter seinem Kommando in Mittelitalien - vor allem in der "Ciociaria" - schwere Verbrechen auf sich geladen hatten, nachdem er ihnen "50 Stunden Zeit" gegeben hatte. Papst Pius XII. protestierte damals entschieden.
Die Vergangenheit von damals interessiert die jungen Soldaten, die jetzt zumeist aus Ländern kommen, die auf eine jahrzehntelange Friedenszeit zurückblicken können, freilich nur mäßig. Aber sie verstehen, dass der Frieden immer ein Geschenk ist, um das man auch beten muss. (ende)