Fall Arigona: zwischen Anfeindungen und Solidarität
Linz, 26.5.08 (KAP) "Man soll die Hoffnung nie aufgeben", so Pfarrer Josef Friedl, der seit Monaten die durch Abschiebung getrennte kosovarische Familie Zogaj betreut, am Montag über die Situation der in Österreich verbliebenen Arigona und ihrer Mutter Nurije Zogaj. Doch die Aussichten von Mutter und Tochter seien alles andere als rosig: Nach wie vor stehe der negativen Asyl-Bescheid im Raum, Innenminister Günther Platter habe einen Verbleib nur bis zum Ende des laufenden Schuljahres im Polytechnikum zugesagt, danach droht Mutter und Tochter - wie auch dem Vater und vier anderen Zogaj-Kindern - die Abschiebung. Der näher rückende Schulschluss und die generell fehlende Lebensperspektive im Kosovo würden einen Druck auf Arigona und Nurije Zogaj ausüben, "den man sich gar nicht vorstellen kann", sagte Friedl im Gespräch mit "Kathpress".
Der Pfarrer bestätigte dabei einen Bericht des "Kurier" vom Sonntag, wonach Nurije Zogaj zu Pfingsten einen Selbstmordversuch unternommen habe und derzeit im Spital in Vöcklamarkt liege. Die Frau sei schon nach der erzwungenen Trennung von ihrem Mann und ihren anderen Kindern "völlig zusammengebrochen" und in einem permanent labilen Zustand. Es sei unmöglich, sie in der jetzigen Situation außer Landes zu bringen - "aber vielleicht schiebt man ja auch mit einem Krankenwagen ab", so Friedl bitter über das harte Vorgehen der Behörden.
Er setze seine Hoffnung auf den Umstand, dass ein medizinisches Gutachten bestätigen könnte, dass eine Abschiebung die Gesundheit von Arigona und Nurije Zogaj gefährden würde und damit nicht rechtens wäre. Friedl fühlt sich jedenfalls weiter für die Familie verantwortlich und sammelt für die in Oberösterreich und auch die im Kosovo lebenden Zogajs Spenden - und spendet selbst am meisten. Denn auch wenn Minister Platter ein befristetes Verbleiben von Arigona und Nurije Zogaj gestattet habe, öffentliche Gelder zum Leben gebe es für die beiden nicht.
Keine Perspektiven im Kosovo
Auch die Lage des im Kosovo befindlichen Teils der Familie sei trist, berichtete Pfarrer Friedl. Zuletzt sei einer der Brüder Arigonas fast gestorben, weil er sich auf einer Müllhalde, auf der Suche nach etwas Essbarem, beinahe vergiftet habe und nur durch die zufällige Anwesenheit eines österreichischen Journalisten gerettet worden sei.
Vater Dzevat Zogaj sowie Alban (18), Alfred (16), Albin (9) und Albona (8) wurden am 27. September des Vorjahres in den Kosovo geflogen, nachdem sich davor ihr Asylverfahren jahrelang hingezogen und die Familie in Oberösterreich bestens integriert war. Seither leben sie in Kaliqan, ihrem ehemaligen Dorf, eineinhalb Autostunden von Pristina entfernt. Das Haus der Zogajs wurde - wie alle anderen im Ort - zerstört. Sie schliefen zuerst im Zimmer der 86-jährigen Großmutter, später in einem gemieteten Häuschen. Die Miete und das Geld für den Lebensunterhalt schickt Pfarrer Friedl, der sein Gehalt von 1.500 Euro mit den Zogajs teilt.
Albin und Albona besuchen keine Schule, sprechen kaum albanisch. Vor Monaten übersiedelten sie zu einer Tante in die Nähe von Pristina. Dann zurück zu einer Nachbarin. Jetzt sind sie wieder bei der Tante. Vater Dzevat suche derzeit irgendwo im Land nach Arbeit. "Keiner fühlt sich für die Kinder verantwortlich. Sie werden hin- und hergeschoben. Niemand will sie wirklich haben", sagte Josef Friedl im "Kurier".
Zwischen Anfeindungen und Solidarität
Der Einsatz des Pfarrers gefällt nicht allen in seiner Gemeinde. Der Bürgermeister von Frankenburg, dem Heimatort der Zogajs im oberösterreichischen Hausruck-Gebiet, Franz Sieberer, sprach gegenüber dem "Kurier" davon, dass Österreich "ein Rechtsstaat" sei und die Entscheidung, den Zogajs kein Asyl zu gewähren, nun einmal gefallen sei. "So denken auch die meisten Frankenburger", gab Sieberer die Stimmung wieder. Pfarrer Friedl bestätigte den Gesinnungswandel: "Seit der Innenminister im Dezember im ORF bekanntgab, dass das Ansuchen auf humanitären Aufenthalt abgelehnt wird, ist ein Stimmungswandel eingetreten. Seit damals trauen sich auch viele, ihre Fremdenfeindlichkeit offen kundzutun". Dass dies öfters mit der Diktion des Jahres 1938 geschieht, erschüttere ihn mehr als persönliche Anfeindungen oder ein per Post zugeschickter Strick "zum Aufhängen", sagte er im Gespräch mit "Kathpress". Ärger empfinde er, dass man "ein Mädchen nicht so sein lässt, wie 16-jährige in dem Alter sind", so Friedl: "Sie soll sich wie eine Heilige verhalten. Zerlumpt und demütig herumrennen. Das erwarten die Leute". Sobald Arigona irgendwo eine Pizza esse, liefere das Anlass für bissige Kommentare.
Beim Pfarrgemeinderat von Ungenach finde er jedenfalls immer noch viel Unterstützung und Rückhalt, auch die Pfarrgemeinde insgesamt sei solidarisch. Er werde weiterhin versuchen, die rund um den 4. Juli drohende Abschiebung zu verhindern und hoffe immer noch, dass die Causa ein gutes Ende findet. "Denn Hoffnung ist mein Geschäft", so der Pfarrer. (Spenden: Kto. Nr. 2424042 Raika Ungenach, BLZ 34710, Kennwort "Arigona"). (ende)