Kardinal Schönborn überraschte bei "Langer Nacht"
Wien, 31.5.08 (KAP) Die "Lange Nacht der Kirchen" war nicht nur ein fröhliches und freundliches Fest der offenen Tore und der offenen Herzen, es wurde auch "tiefer geackert". In der Wiener Lutherischen Stadtkirche in der Dorotheergasse zum Beispiel ging es um die Auswirkungen der vielberufenen "Revolution von 1968" auf Kirche und Gesellschaft. Der Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner sagte es deutlich: Man muss "der Freiheit heute wieder die Gerechtigkeit abringen, ohne die Freiheit zu zerstören".
Die Freiheitsidee von 1968 sei politisch gewesen, im Sinne gesellschaftlicher Solidarität. Diese Freiheitsidee sei dann aber von vielen "privatisiert" und "konsumistisch" interpretiert worden. Angesichts der heutigen Krisenphänomene und Unsicherheiten bei den Jugendlichen gerate das Freiheitsideal wieder zunehmend ins Hintertreffen. In welche Richtung die Entwicklung gehen wird - wieder hin zu mehr Autoritätshörigkeit oder hin zu stärkerer Solidarität, lasse sich derzeit nicht absehen. Wer den positiven Aspekt von "1968" retten will, dürfe den "Hilferuf" derer nicht überhören, "die es nicht mehr alleine schaffen", so Zulehner.
Laut Zulehner besteht ein oft zu wenig beachteter Zusammenhang zwischen dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) und dessen Übernahme positiver Freiheitsimpulse in die Kirche und der "Revolution von 1968". Beide seien auch parallel in die Krise geraten; und der Konflikt zwischen Gewissen und Lehramt sei bis heute nicht gänzlich gelöst.
Weitere Teilnehmer der Diskussion unter Leitung des ORF-Moderators Udo Bachmair waren die Publizistin Traudl Brandstaller, der SPÖ-Politiker Kurt Stürzenbecher und "Furche"-Chefredakteur Rudolf Mitlöhner. Brandstaller sagte, trotz unbestreitbarer Fehleinschätzungen der "68er" - etwa dem mechanistischen Missverständnis, dass sich alles "machen" ließe, oder dem Ja mancher zur Gewalt - gebe es eine Reihe bleibender Errungenschaften. Und die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität behielten immer ihre Kraft und Aktualität.
Stürzenbecher meinte, die "68er" hätten zwar die "Herrschaftsform" nicht verändert, im alltäglichen Zusammenleben und in der Kultur habe sich aber vieles gewandelt. Denn eine Maxime der "68er" sei es, dass der Mensch grundsätzlich alles in Frage stellen und sich selbst "stets neu erfinden" müsse.
Auch Mitlöhner betonte, "1968" habe viele alltägliche Errungenschaften und Freiheiten gebracht. Diese Freiheiten würden heute auch viele von denen nicht mehr missen wollen, die der "Revolution" und ihren Folgen kritisch gegenüberstehen.
Schönborn: "Versuch es mit der Kirche"
Kardinal Christoph Schönborn war am Freitagabend in der Wiener Franziskanerkirche "Überraschungsgast" bei der Diskussion über das Thema "Kirchenaustritt". Auf seiner Tour durch die "Lange Nacht der Kirchen" wollte der Kardinal eigentlich nur kurz in der Franziskanerkirche "vorbeischauen" und diskutierte dann doch über eine Stunde lang mit.
"Ich hatte in meinem Leben das große Glück, Kirche immer als ein 'Zuhause' zu erleben", sagte der Wiener Erzbischof in der vollbesetzten Franziskanerkirche: "Ich weiß aber, dass das nicht selbstverständlich ist, dass viele Menschen das ganz anders erleben". Der Weg zum Kirchenaustritt sei meist eine Aneinanderreihung von negativen Erfahrungen. "Kirche ist auch mühsam, kann langweilig sein - die Gnade ist oft sehr versteckt", meinte der Kardinal. Wer einmal ein positives Erlebnis mit Kirche gemacht habe, könne Kirche aber ganz anders sehen. Diese Erkenntnis könne man zwar nicht automatisch produzieren, zumindest könne man es aber einmal versuchen. "Mein Ratschlag ist: Try it! Versuch' es! Lebe einmal so, als gäbe es Gott", sagte Kardinal Schönborn.
Unvermeidlich wandte sich die Diskussion auch gesellschaftspolitisch "heißen Eisen" wie Fristenregelung und Lebenspartnerschaftsgesetz zu, wobei Kardinal Schönborn für Klarheit sorgte. In Sachen Fristenregelung erinnerte der Wiener Erzbischof daran, dass sein Vorvorgänger, Kardinal Franz König, 1973 (auf dem Höhepunkt der Fristenregelungsdebatte) den Wiener Diözesanfonds für Schwangere in Not eingerichtet hatte, der seither "tausenden Müttern mit ihren Kindern" wirksam geholfen habe. Es gehe nicht darum, Frauen anzuklagen, vielmehr müsse den Frauen geholfen werden. Zugleich müsse sich die Gesellschaft die Frage stellen, wie kinderfreundlich sie wirklich ist, wenn man sich vor Augen halte, wie Müttern mit mehreren kleinen Kindern in der U-Bahn, in der Tram - und manchmal auch in der Kirche - begegnet wird.
In Sachen Lebenspartnerschaftsgesetz plädierte Kardinal Schönborn dafür, die Diskussion vom Aspekt Homosexualität wegzuführen. Es sei selbstverständlich, dass der Staat die zivilrechtlichen Aspekte des Zusammenlebens von Menschen regeln müsse, dagegen habe auch die Kirche nichts einzuwenden. Die moralische Beurteilung einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft sei nicht Aufgabe des Staates, sondern des richtig gebildeten Gewissens. Die Kirche lehne aber die rechtliche Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe zwischen Mann und Frau entschieden ab. Denn die auf der Ehe basierende Familie sei die Grundzelle der menschlichen Gesellschaft und müsse daher auch rechtlich eine Sonderstellung haben: "Das ist keine Frage der Kirche, sondern eine Frage der Vernunft".
Jeder Kirchenaustritt sei für die Kirche schmerzlich, sagte Christine Mitter von der "Kontaktstelle für Ausgetretene" der Erzdiözese Wien. Viele Menschen, mit denen sie in Kontakt sei, würden ihr sagen, dass sie sich mit dem Kirchenaustritt nicht von Gott abwenden, weil sie auch ohne Kirche an Gott glauben könnten. Insgesamt seien die Gründe für den Kirchenaustritt vielfältig, so Mitter. Der Kirchenbeitrag oder der Umgang der Kirche mit den sogenannten "heißen Eisen" seien nur letzter Anstoß für den Kirchenaustritt am Ende eines längeren Denkprozesses. Untersuchungen hätten gezeigt, dass jemand im Schnitt zehn Jahre lang überlegt, ob er wirklich diesen Schritt setzen soll, sagte Christine Mitter.
Dechant Norbert Rodt berichtete, dass es - wie in seiner Pfarrgemeinde in Gersthof - viele Menschen gebe, die sich zwar vor dem Staat "ohne Bekenntnis (o.B.)" erklärt hätten, aber weiterhin zur Messe gehen. Er versuche, ihnen mit "weitem Herzen" einen Platz in seiner Gemeinde anzubieten. "Ich glaube, dass auf diesem Sektor mehr Großzügigkeit der Kirche nötig sein wird", so Rodt.
Wie Kardinal Schönborn wies auch die evangelische Pfarrerin Ilse Beyer darauf hin, dass Kirchenaustritte ganz stark mit der jeweiligen "religiösen" Biografie der Menschen zu tun haben. "Nicht alle hatten die Chance, so wie ich in eine Kirche hineinzuwachsen und die Bibel als befreiend zu erleben", so Beyer: "Die Menschen sollen wissen, dass die Gesprächsbereitschaft von Seiten der Kirche jederzeit da ist; dass sie auch kommen können, wenn sie nicht gleich wieder eintreten wollen".
Der Guardian des Wiener Franziskanerklosters, P. Gottfried Wegleitner, sah gerade bei Taufgesprächen eine Chance, die Gottesfrage mit den Menschen zu erörtern. Die Überzeugung der Kirche, dass der Mensch kein "Produkt des Zufalls" ist und eine unverlierbare Würde hat, werde von vielen als "befreiende Botschaft" angesichts der Härte des herrschenden Materialismus empfunden.
Nach der Debatte um die Gründe für den Kirchenaustritt fragte der ORF-Journalist Johannes Kaup als Diskussionsmoderator am Ende der Veranstaltung in der Franziskanerkirche auch nach Gründen, warum es sich lohne, bei der Kirche zu bleiben. Darauf die einfache Antwort von P. Clemens Kriz, AIDS-Seelsorger der Erzdiözese Wien und Priester an der Wallfahrtskirche Maria Grün im Wiener Prater: "Wo sonst als in der Kirche können Menschen alle ihre Sorgen und Nöte - von der Bitte um eine gute Schularbeit bis hin zu existenziellen Fragen - deponieren?"
Platz für Visionen in der Ökumene
Mehr Mut in der Ökumene von allen Seiten wünschte sich in der "Langen Nacht der Kirchen" ein prominent besetztes Podium in der evangelischen "Verklärungskirche" Am Tabor in der Leopoldstadt. Weihbischof Helmut Krätzl, die evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner, die Religionspädagogen Sonja Danner und Heinz Ivkovits sowie der in der Pastoral für gemischtkonfessionelle Ehen engagierte Wolfgang Hinker legten ihre Visionen von Ökumene dar.
Weihbischof Krätzl sprach einerseits von großen Fortschritten in den vergangenen Jahrzehnten, wünschte sich zugleich aber mehr Initiativen, was die strittigen Fragen der Interkommunion und des Papstamtes betrifft. Als Bischof wolle und könne er nicht gegen die katholische Kirchenordnung agieren, er wünsche sich aber ein Nachdenken, ob es möglich wäre, dass das gemeinsame Abendmahl nicht erst am Ende der Einheitsbewegung steht. Auch was den Primat des Papstes betrifft, ist Krätzl für mehr Bewegung. Johannes Paul II. habe in seiner Enzyklika "Ut unum sint" 1995 ausdrücklich zum konfessionsübergreifenden Gespräch über das Papstamt eingeladen, erinnerte der Weihbischof.
Die evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner plädierte für mehr ökumenische Initiativen auf regionaler Ebene. Die Kirchenleitungen sollten hier ihre Gemeinden viel stärker als bisher zusammenarbeiten und auch Gottesdienst feiern lassen, so Reiner. Auch sollten sich die Theologen aller christlichen Kirchen nochmals intensiver mit der Frage von Eucharistie und Amt auseinandersetzen.
Übereinstimmend stellten Reiner und Krätzl fest, dass die christlichen Kirchen gemeinsam große Herausforderungen wie Globalisierung, Migration, Integration oder Islamismus zu bewältigen hätten. Dafür müsse man die vorhandenen Kräfte einsetzen und nicht, um sich voneinander abzugrenzen.
Die Religionspädagogen Sonja Danner und Heinz Ivkovits plädierten dafür, dass Ökumene noch viel stärker als bisher in die Ausbildung von Religionslehrern und Theologen einbezogen werden müsse. Hier gebe es noch großen Nachholbedarf. Nur so sei dann auch ein Dialog auf gleicher Augenhöhe möglich. Beide stammen aus gemischtkonfessionellen Elternhäusern und berichteten, dass dieser Umstand für ihr Leben eine große Bereicherung gewesen sei.
Ähnlich äußerte sich auch Wolfgang Hinker. Er ist selbst katholisch, seine Frau ist evangelisch. Er habe diese Tatsache immer als sehr bereichernd erlebt, so Hinker. Das müsse aber noch viel stärker als bisher zu den Kirchenleitungen vordringen. Es brauche in der Zukunft noch viel mehr Wertschätzung der noch getrennten Christen füreinander, so Hinker.
