"Gesellschaft braucht Selbstreinigung"
Mariazell, 1.5.06 (KAP) "Eine Gesellschaft ist so gesund, so stark die Kräfte der Selbstreinigung in ihr sind": Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn am Montag in Mariazell in seinen Dankesworten für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft des Pilgerorts, die ihm gemeinsam mit dem steirischen Diözesanbischof Egon Kapellari verliehen wurde. Der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz nahm auf den 1. Mai als Tag der Solidarität Bezug und sagte wörtlich: "Skandale sollten niemanden freuen, ob sie in der Kirche oder in irgendeinem Teil der Gesellschaft geschehen. Sie schaden allen, weil sie das Gemeinwohl verletzen, dem sich alle verpflichtet wissen sollen, damit es möglichst vielen gut geht". Krisen seien immer auch "Zeiten der Besinnung und hoffentlich der Umkehr, der Reinigung, um neue Hoffnung zu schöpfen".
Kardinal Schönborn unterstrich die Bedeutung der "einfachen Tugenden" des Fleißes, des Anstands, der Ehrlichkeit, der Hilfsbereitschaft, der Verlässlichkeit, der Wahrhaftigkeit, der Treue, der Güte. Es seien diese Tugenden, die ein Land, ein Volk, eine Gesellschaft zusammenhalten. Ohne diese einfachen Tugenden werde jedes Zusammenleben zur unerträglichen Anhäufung von Ungerechtigkeiten: "Dann zerbröckelt die Solidarität, dann schwindet das Vertrauen, dann wird der Betrug zum Alltag".
In Situationen wie der jetzigen gehe es um Wahrheit und Selbstbesinnung, sagte der Kardinal. Zunächst müsse ehrlich angeschaut werden, was geschehen ist. Unrecht, Rechtsverletzungen, Verbrechen müssten gerecht und klar geahndet werden. Jeder müsse sich aber auch fragen, wie es bei ihm steht - ob er sich am Prinzip orientiere "oben ist, wo ich bin" oder an der "goldenen Regel", die Jesus den Menschen gegeben hat: "Was ihr wollt, dass euch die anderen tun, das tut auch ihr ihnen".
Österreich habe viele gute Kräfte, unterstrich der Vorsitzende der Bischofskonferenz: "Sie wirken oft im Stillen, machen keine Schlagzeilen". Es seien die vielen Menschen, die tagaus tagein die "einfachen Tugenden" leben. Diese Menschen seien es, die Österreich "stark, lebenswert und liebenswürdig" machen. Daher würdenBischof Kapellari und er als zeichenhafter Ausdruck des Dankes in Mariazell auch je ein Pflegeheim und ein Pensionistenheim, das Rote Kreuz und den Karmel besuchen.
Kardinal Schönborn unterstrich in seinen Dankesworten die gesamteuropäische Bedeutung des steirischen Marienortes: "Mariazell liegt nicht nur im Herzen Europas, es ist vielmehr ein Stück des Herzens Europas". Der Wiener Erzbischof erinnerte an die "stille Kraft des Gebets", ohne die der "tägliche Kampf gegen die vielfältige Kraft des Bösen und für das lebensnotwendige Gute" nicht bestanden werden kann.
Eindrucksvoll in Erinnerung sei die "Wallfahrt der Völker" als Höhepunkt des Mitteleuropäischen Katholikentages. Wörtlich sagte der Wiener Erzbischof: "Hier vor der Gnadenmutter - der 'Magna Mater Austriae', der 'Magna Domina Hungarorum'", der 'Alma Mater Gentium Slavorum' - versammeln sich viele Völker Europas. Sie ist es, die über die Zeit hinweg ein wahres Wunder vollbracht hat. Sie führt Menschen zusammen, die hier Zuflucht suchen".
Zugleich verwies der Kardinal darauf, wie sehr Mariazell auch für die österreichischen Bischöfe Heimat geworden ist, insbesondere seit die Bischofskonferenz jeweils im Juni dort tagt. Mariazell sei ein "benediktinischer" Wallfahrtsort. Kaum ein Ordensgründer und Heiliger habe so sehr die Gastfreundschaft betont wie der Heilige Benedikt: "Möge das Benediktinische immer mehr auch diese Stadt und das ganze Mariazellerland als ein 'Land der benediktinischen Gastfreundschaft' prägen". (Ende)