Hengstschläger: "Babys nach Maß gibt es nicht"
Wien, 2.5.06 (KAP) "Babys nach Maß gibt es nicht", stellte Prof. Markus Hengstschläger, Ordinarius für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien und Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, am Dienstag in einem "Standard"-Gespräch klar. Diese Vorstellung sei eine "gedankliche Erfindung" und genetisch nicht möglich. Er sei nicht dafür, dass Eltern so wie in China ein Kind abtreiben, weil es ein Mädchen und kein Bub ist. In Österreich werde den Eltern das Geschlecht ihrer Kinder erst nach der zwölften Woche gesagt; damit könnten sich die Ärzte der Entscheidung entziehen.
Hengstschläger stellte in Abrede, dass bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) der Genetiker entscheide, ob ein Embryo leben darf: "Es entscheiden immer die Eltern". Die PND gebe Eltern mit erhöhtem Risiko einer genetischen Erkrankung die Möglichkeit, sich unter Umständen gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden. Die Möglichkeit, ein behindertes Kind abtreiben zu lassen, hätten sie in Österreich aber auch sonst - "sogar bis zum Einsetzen der Wehen". Nach Ansicht Hengstschlägers empöre man sich über die PID, "weil es im Reagenzglas geschieht". Der Wiener Genetiker deklarierte sich im "Standard"-Gespräch als entschiedener Befürworter der PID: "Wenn ich die Lebensfähigkeit eines Embryos untersuchen kann, dann will ich das tun. Ich will einer Frau mit Kinderwunsch nicht mehr, wie bisher, auch tote Embryonen einsetzen, wenn ich das im Vorfeld ausschließen kann".
In dem "Standard"-Gespräch meinte der Soziologe Alexander Bogner, der im Institut für Technikfolgenabschätzung arbeitet, dazu, dass bei der PID der Streit darum gehe, "was menschliches Leben ist". Diese ethische Frage sei "sozialer Sprengstoff". Die Genetik sei eine Wissenschaft, "die mehr kann als das, worüber in einer Gesellschaft ethischer Konsens herrscht". Die Forschungskritiker führten ins Treffen, dass es um "Selektion von Leben" gehe "und seit dem Nationalsozialismus haben wir da ein Problem". Auch Behinderten-Organisationen argumentierten in diesem Sinn - "weil sie ihr eigenes Existenzrecht so verteidigen", wie der Soziologe maliziös meinte.
Prof. Hengstschläger nahm in dem "Standard"-Gespräch auch zur Pränataldiagnostik (PND) Stellung. Von den jährlich 80.000 Neugeborenen in Österreichsei jedes zehnte Kind genetisch getestet. Es gebe Erkrankungen wie das "Adrenogenitale Syndrom" (Zwitterbildung), das sich behandeln lasse, wenn es in der zehnten Schwangerschaftswoche entdeckt wird. Die Grundidee der PND sei, dass Genetiker "Dinge vorhersehen" können. Doch die Zahl der genetischen Erkrankungen, für die es weder Prophylaxe noch Therapie gibt, sei groß. Hengstschläger räumte ein, dass sich viele Paare nach der PND gegen die Geburt eines schwer kranken Kindes entscheiden.