Bischof Kräutler: Zerstörung Amazoniens geht weiter
St. Pölten, 5.6.08 (KAP) Allen gegenteiligen Absichtserklärungen und Gesetzesvorhaben zum Trotz schreitet die Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes und damit Amazoniens in erschreckendem Tempo und Ausmaß fort. Gleichzeitig wird mit der "wirtschaftlichen Erschließung" weiter Urwald-Territorien sowie mit Mega-Projekten wie fragwürdige Riesenstaudämme der Lebensraum der angestammten indianischen Bevölkerung noch weiter beschnitten. Darauf verwies der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler, Präsident des Indianermissionsrates (CIMI) der Brasilianischen Bischofskonferenz, Mittwochabend bei einer Veranstaltung des "Forums XXIII" in St. Pölten.
Kräutler, der aus Vorarlberg stammt und seit 1981 in Brasilien wirkt, leitet von Altamira in Amazonien aus die flächenmäßig größte Diözese Brasiliens. Der Veranstaltung im überfüllten Großen Saal des Wirtschaftsförderungsinstituts in St. Pölten wohnten u.a. Diözesanbischof Klaus Küng, ein Studienkollege Kräutlers, sowie weitere Spitzenvertreter des Diözesanklerus und des öffentlichen Lebens bei.
Wie Kräutler berichtete, habe sich selbst der brasilianische Verteidigungsminister Nelson Jobim, der im Oktober vorigen Jahres das Gebiet überflog, "erschüttert über die Zerstörung Amazoniens" gezeigt. Innerhalb eines Jahres habe das durch Abholzung, Brandrodung und Schlägerung verloren gegangene Regenwaldgebiet im Bundesstaat Para um 59 Prozent, in Mato Grosso um 84 Prozent und in Rondonia sogar um "skandalöse 602 Prozent" zugenommen. Vom ursprünglichen Tropenwald sei bereits ein Fünftel unwiederbringlich verloren. Wenn diese Entwicklung anhalte, würden nach wissenschaftlichen Untersuchungen im Jahr 2030 bereits mehr als die Hälfte des brasilianischen Regenwalds vernichtet, die "Biodiversität" gleichermaßen geschwunden und die für die Natur unentbehrlichen Regenfälle reduziert sein.
"Dieses apokalyptisches Szenarium gewährt keine Gnadenfrist", so Kräutler: "Die brasilianische Regierung muss die Zeichen der Zeit erkennen und ihre Entwicklungsstrategie einer kritischen Überprüfung unterziehen. Das unerbittliche Streben nach Rekordernten, Exportsteigerung, Wirtschaftswachstum, Handelsbilanzüberschüssen und transnationalen Investitionen und dabei Amazonien als letzten Trumpf auszuspielen, wird sich als historischer Irrtum erweisen. Der Staat wird nicht nur den Einsatz, sondern auch die Gewinne verlieren".
Ein Entwicklungsmodell, das "auf Nachhaltigkeit setzt, die Natur nutzt und sie bewahrt", sei möglich. Man müsse sich nur dazu entschließen, sagte der Bischof. Das jetzt verfolgte Konzept einer Ausdehnung der Zuckerrohrplantagen, des Soja-Anbaus, der extensiven Viehzucht, der großflächigen Schlägerung und namentlich der Ethanolherstellung für Biotreibstoff sei der falsche Weg. Dazu komme, dass die ausgedehnten Pflanzungen einen erhöhten Einsatz von Pestiziden und Düngemittel erforderten, was wiederum die Flüsse weiter kontaminiere.
Rechte der Indios weiter verletzt
Besonders am Herzen liegt dem CIMI-Präsidenten die Situation der Indios, deren Rechte "seit der Ankunft der Eroberer vor mehr als 500 Jahren missachtet" würden. Die brasilianischen Indios befänden sich auch heute oft in einer verzweifelten Situation, die nicht wenige von ihnen zum Selbstmord treibe.
In Brasilien sei die Verfassung von 1988, die den indigenen Gemeinschaften das Recht auf ihre sozialen Organisationen, Sprachen, Religionen und Gebräuche sowie das Recht auf ihre traditionellen Gebiete garantiert und ihnen die Nutzung der darin vorkommenden natürlichen Ressourcen einräumt, "wie ein Lichtstrahl am Horizont erschienen". Doch die Hoffnungen der indigenen Völker hätten sich "im Wind zerstreut". Keine der seitherigen Regierungen habe "die Verfassung und noch weniger die indigenen Völker respektiert und die historische Schuld eingelöst".
Bis 1993 sollten alle indigenen Gebiete demarkiert sein; tatsächlich seien es bis heute jedoch nur 40 Prozent. Doch selbst die Demarkierung sei kein ausreichender Schutz der Gebiete: "Nach wie vor erheben Großgrundbesitzer, Immobilienfirmen, Reis- und Sojaproduzenten, Energie-Konzerne, Bergbaugesellschaften bis hin zu Präfekturen Anspruch auf indigenes Land und bemühten - oft mit Erfolg - alle gerichtlichen Instanzen, um sich noch mehr Besitz anzueignen".
Dies sei der Interessenskomplex, aus dem auch die Drahtzieher der Morde an Menschenrechtlern und Indios kämen. Von den Mördern, die zwischen April 1997 und April 2007 das Leben von 257 Indios auslöschten, seien bisher nur acht Täter für vier Morde verurteilt worden.
Zu den Opfern gehörte auch die Ordensfrau Sr. Dorothy Stang. Deren zunächst zu 25 Jahren Haft verurteilter Mörder wurde in einem Berufungsverfahren frei gesprochen.
