Immer mehr können sich das Leben nicht mehr leisten
Wien, 13.6.08 (KAP) Zwei Obdachlosen-Betreuungseinrichtungen der Caritas der Erzdiözese Wien haben am Freitag Jubiläum gefeiert: Das Haus St. Josef in Wien-Währing ist seit 25 Jahren Anlaufstelle für wohnungslose und verarmte Menschen; und der "Louisebus", eine mobile Arztpraxis, die Menschen kostenlose medizinische Versorgung bietet, fährt seit 15 Jahren durch die Straßen Wiens.
Bei einer Pressekonferenz zum Jubiläum der beiden Caritas-Betreuungseinrichtungen warnte der Wiener Caritas-Generalsekretär Alexander Bodmann am Freitag, dass immer mehr Menschen in Österreich die gestiegene Preise für Lebensmittel, Miete und Energie nicht mehr bewältigen könnten. "In vielen unserer Einrichtungen bemerken wir, dass zunehmend Menschen kommen, die sich zwar ihre Wohnung noch leisten können, aber zu wenig Geld für Nahrungsmittel zur Verfügung haben", so Bodmann.
"Es ist ein Unrecht, dass in einem Land wie Österreich immer mehr Menschen nicht wissen, ob sie lieber Strom und Heizung bezahlen oder Lebensmittel kaufen sollen", sagte Bodmann, der die Politik aufforderte für strukturelle Veränderungen zu sorgen. So wies er darauf hin, dass es trotz zahlreicher neuer Häuser für Wohnungslose in Wien noch immer für hunderte Menschen keine Wohnung oder einen Heimplatz gebe. "Speziell für psychisch Kranke, für junge Menschen mit Drogenproblemen und vor allem für Mütter mit Kindern braucht es dringend weitere Einrichtungen mit qualifiziertem Personal", forderte Bodmann bei dem Pressegespräch im Haus St. Josef.
Das Caritas-Haus St. Josef bietet seit 25 Jahren vielfältige Hilfe für obdachlose und verarmte Menschen. Im Wohnbereich des Hauses in der Lacknergasse in Wien 18 leben derzeit 39 Frauen und Männer, die hier, meist nach vielen unsicheren Stationen und Schicksalsschlägen, die Möglichkeit für einen Neustart in ihr Leben haben. Ins Tageszentrum kommen Menschen, um sich zu duschen oder ein günstiges Mittagessen zu erhalten. Allein im Jahr 2007 wurden hier 20.000 Mahlzeiten ausgegeben.
Immer wieder gebe es Tage, an denen das Haus St. Josef wegen Überfüllung geschlossen werden müsse, sagte Caritas-Generalsekretär Bodmann bei der Pressekonferenz. Einer der Gründe dafür sei, dass auch in den neuen EU-Ländern viele Menschen unter dem Existenzminimum leben, die in Österreich Hilfe suchen. "Diesen Menschen die Hilfe zu verweigern und uns über Bettelei zu ärgern, ist einfach zu wenig", kritisierte Bodmann. Er forderte dazu auf, die Heimatländer der Betroffenen beim Aufbau funktionierender Hilfsangebote für Not leidende Menschen zu unterstützen.
15 Jahre mobile Caritas-Ordination "Louisebus"
"Wenn man im Krankenhaus arbeitet, sieht man ja gar nicht, wie groß die Gruppe von Menschen ist, die in unserem sozialen Netz unten durch fällt", sagte der Wiener Unfallchirurg Prof. Johannes Poigenfürst bei der Pressekonferenz zum Jubiläum "15 Jahre Louisebus" im Wiener Caritas-Haus St. Josef. Poigenfürst betonte, dass er vom "Louisebus" - eine Art mobile Arzt-Praxis, die Obdachlosen und Menschen ohne Krankenschein an unterschiedlichen Plätzen in Wien kostenlose medizinische Hilfe bietet - zutiefst beeindruckt sei: "Mit den beschränkten Mitteln eines Busses, in dem man ja nicht alles, was die Medizin bieten kann, unterbringt, wird mit größter Kompetenz jeder einzelne Mensch, der dort hineinkommt, untersucht beraten und behandelt."
Neben der medizinischen Betreuung liege ein Schwerpunkt der ärztlichen Arbeit im "Louisebus" im Aufbau von Vertrauen zu den Patienten, erklärte die Wiener Ärztin Monika Nowy, die seit über fünf Jahren mit dem "Louisebus" fährt. "Unser Werkzeug ist die Beziehung, dass die Patienten uns kennen und wissen, sie können mit allem zu uns kommen", so Nowy.
Die Caritas kritisiert, dass Menschen von der Straße in Krankenhausambulanzen immer weniger willkommen sind und manchmal nicht ausreichend untersucht würden. "Sie brauchen mehr Verständnis, mehr Unterstützung bei Alltagsverrichtungen und 'kosten' einfach auch mehr Zeit", berichtete "Louisebus"-Ärztin Nowy. Ihr sei bewusst, dass für die Kollegen in den Krankenhäusern der Umgang mit obdachlosen Patienten manchmal nicht einfach sei. Trotzdem dürfe es einfach nicht passieren, dass kranken Menschen die Hilfe verweigert werde, weil sie nicht versichert sind oder keinen festen Wohnsitz haben, so Nowy.
Probleme gibt es auch immer wieder im Winter, wenn Leute nicht krank genug sind, um in einem Krankenhaus aufgenommen werden zu können, aber auch zu krank sind, um weiter auf der Straße zu bleiben, wo sich ihre Krankheit verschlimmert. "Dafür gibt es noch keine wirklich Lösung", sagte Monika Nowy.
6.500 Behandlungen jährlich
Der "Louisebus" der Caritas ist im Haus St. Josef stationiert. An fünf Tagen der Woche fährt der "Louisebus" acht unterschiedliche Standplätze, u. a den Südbahnhof, den Franz-Josefs-Bahnhof und das Caritas-Obdachlosenbetreuungszentrum "Gruft", an und bietet dort kostenlose medizinische Hilfe für Obdachlose und Menschen ohne Krankenscheinan. Insgesamt betreuen die zehn Ärzte und rund 40 ehrenamtlichen Mitarbeiter jährlich rund 1.600 Menschen, die den Weg in eine Arztpraxis oder eine Spitalsambulanz aus unterschiedlichen Gründen nicht gehen können oder wollen.
Zum "Louisebus" kommen Menschen aller Altersgruppen, am häufigsten müssen Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates, Wunden und Herz-Kreislauf-Beschwerden aber auch dermatologische Krankheiten oder Allergien behandelt werden. Generell geht die Tendenz von der medizinischen Erstversorgung beim "Louisebus" hin zur Behandlung von chronischen Leiden. Möglich werde diese regelmäßige Behandlung erst durch das zunehmende Vertrauen der Patienten in die "Louisebus"-Ärzte und die regelmäßige Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern an den vom "Louisebus" angefahrenen Plätzen, hieß es.
