
DVD-Doku "Die letzten Zöglinge": Kritik an Einseitigkeiten
Wien, 1.7.08 (KAP) Über ein Kapitel "schwarzer Pädagogik" in katholischen Internaten berichtet die Filmdokumentation "Die letzten Zöglinge", die am Montagabend im Wiener Votivkino präsentiert wurde. Im Mittelpunkt stehen prominente ehemalige Klosterschüler wie Andre Heller, Josef Hader, Michael Köhlmeier, Reinhold Bilgeri, Josef Haslinger u.a., die in Interviews Auskunft über ihre - fast durchwegs negativen - Internats-Erfahrungen geben. Die Doku "Die letzten Zöglinge" erscheint in der "Filmladen"-Edition als 86 Minuten lange DVD; bei der Präsentation kamen der Vorarlberger Erfolgsautor Michael Köhlmeier und der Musiker Reinhold Bilgeri zu Wort, im Publikum befanden sich mit dem Wiener Bischofsvikar für die Orden, P. Michael Zacherl SJ, und Rudolf Luftensteiner von der "Vereinigung von Ordensschulen Österreichs" auch kirchliche Vertreter.
Köhlmeier und Bilgeri berichteten im Gespräch mit Moderator Otto Friedrich ("Die Furche") über die reichhaltigen Gewalterfahrungen, die systematischen Prügelstrafen, die Sadismen unter den Schülern selbst, die Freiheitseinschränkungen und den enormen Anpassungsdruck, den sie während ihrer Zeit in zwei Vorarlberger Internaten erlebten und den sie, wie die anderen Ex-Zöglinge, auch im Film schildern. Einer der Porträtierten, der Tiroler Rechtswissenschaftler Heinz Barta, merkte im Publikumsgespräch nach der Film-Vorführung an, die Dokumentation erschöpfe sich im Negativen und blende das Positive aus, das er in den Interviews vor dem Film-Schnitt durchaus auch erwähnt habe. Etwa habe er nachhaltig von der im musischen oder sprachlichen Bereich hervorragenden Ausbildung profitiert, er leide auch nicht unter den von Michael Köhlmeier beklagten dauerhaften Schuldgefühlen für nichteinmal genau benennbare Verfehlungen und habe auch nicht - wie der Schriftsteller Josef Haslinger - pädophile Übergriffe zu erdulden gehabt.
Auch Rudolf Luftensteiner, pädagogisch-organisatorischer Leiter der "Vereinigung von Ordensschulen Österreichs", kritisierte die "Ansammlung von Negativem" in den "letzten Zöglingen". Er habe "Bauchweh" dabei, mit dem pädagogischen Wissensstand der Gegenwart die Schulerziehung vergangener Generationen zu verurteilen, die damals ja "Allgemeingut" und keineswegs auf kirchliche Internate beschränkt gewesen sei. Im Gegenteil: Früher hätten Eltern den Lehrern und Erziehern sogar eine "strenge Hand" beim Umgang mit ihren Kindern empfohlen. Laut Luftensteiner darf auch nicht übersehen werden, dass damals die Gemeinschaft bei der Erziehung im Vordergrund stand, während heute allerorts Individualität betont und sogar oft überbetont werde. Wenn in früheren Zeiten Gewalt bei der Kindererziehung ein Problem darstellte und heute zu Recht kritisiert werde, dann dürfe auch die heute oft zu beobachtende Verwahrlosung und "Nicht-Beheimatung" vieler Jugendlicher nicht übersehen werden.
Katholische Schulbildung wird geschätzt
Die kirchlichen Schulen hätten jedenfalls aus Fehlern der Vergangenheit gelernt, betonte Luftensteiner. Und das werde auch honoriert: Immerhin 69.000 Kinder und Jugendliche werden in kirchlichen Privatschulen von der Volksschule bis zur AHS unterrichtet - und viele weitere müssten infolge von Platzmangel abgewiesen werden. Das zeige, dass eine wertorientierte, am christlichen Menschenbild ausgerichtete Erziehung und Bildung auch heute sehr geschätzt wird.
Auch der Benediktinerpater Tassilo Boxleitner, Internatsleiter im Stiftsgymnasium Kremsmünster, wies bei der DVD-Präsentation darauf hin, dass sich in der schulischen Erziehung vieles zum Besseren gewandelt habe und auch mit viel mehr Freude und Humor verbunden sei, als im Film zum Ausdruck kommt. Körperliche Strafen seien verpönt, und Anpassungsdruck oder das Internat als Ort der "Priesterrekrutierung" längst passe - was allein schon die Aufnahme von nichtkatholischen Schülern zeige.
Die beiden Regisseure Peter Oberdorfer und Christoph Mayr wiesen den Vorwurf von Einseitigkeit zurück, manche hätten das Gezeigte sogar als "zu positiv", gemessen an ihren Erfahrungen, bezeichnet. Der Film solle ein Beitrag zur Aufarbeitung von Erziehungsmethoden sein, die heutige Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft maßgeblich geprägt hätten und die heute "wohl den Staatsanwalt auf den Plan rufen würden".
Köhlmeier vermisst Aufarbeitung
Michael Köhlmeier gestand, vom Film "eigenartig berührt" zu sein: Die geschilderten Vorkommnisse könnten wie "Veteranengeschichten" oder Anekdoten aus der "schwarzen Pädagogik" wirken, die heute skurril anmute oder gar ungläubig schmunzeln lasse. Doch für viele frühere Zöglinge sei das damals Erlittene bis heute wirksame Realität. Bei den Diskussionen rund um die "Affäre Groer", als dem damaligen Wiener Erzbischof sexuelle Übergriffe an Internatsschülern vorgeworfen wurden, habe er gehofft, dass es endlich zu einer Aufarbeitung der kirchlichen Schulerziehung komme. Doch dies stehe nach wie vor aus, obwohl laut Köhlmeier viel dramatischere Dinge geschahen als die "verirrte Liebessehnsucht" in diesem medial breit rezipierten Fall. Der Autor erzählte, dass er und seine Mitschüler den Stock schneiden mussten, mit dem sie dann wegen nicht gewusster Lateinvokabeln geschlagen wurden, oder dass eine Schülergruppe einen schlecht Lernenden mit Billigung der Internatsleitung so verprügelte, dass der traumatisierte Betreffende eine Woche kein Wort von sich gab. Das seien Geschichten, die keine "Story" in einem Magazin ergäben, aber dennoch nicht "in der Geschichte" versinken dürften.
Die bei Filmfestivals bereits präsentierte, jedoch nie im Kino gezeigte Dokumentation "Die letzten Zöglinge" ist im Fachhandel erhältlich.
P. Zacherl: "Das ist Schwarzweiß-Malerei"
Auch der Wiener Bischofsvikar P. Michael Zacherl SJ warf dem Film "Die letzten Zöglinge" Einseitigkeiten und "Schwarzweiß-Malerei" vor. Bei all den pädagogischen Methoden, die aus heutiger Sicht strikt abzulehnen seien, dürfe nicht ausgeblendet werden, was katholische Internate durch viele Jahrhunderte hindurch an Positivem geleistet hätten. Die von den befragten "Promis" geschilderten Vorfälle seien durch Einstellungsänderungen bei Pädagogen und auch Eltern so nicht mehr möglich. Heute werde viel mehr die Eigenpersönlichkeit der Schüler gesehen.
P. Zacherl war als Schüler und später Erzieher selbst im von den Jesuiten geführten Kollegium Kalksburg tätig, sei aber - wie er im Gespräch mit "Kathpress" betonte - kein einziges Mal geschlagen worden. Später habe er als Verantwortlicher darauf geachtet, dass auch zwischen den Schülern keine Brutalitäten passieren. Dass für eine "überempfindliche Seele" wie den Ex-Zögling Andre Heller die dortige Internatserziehung "Gift" gewesen sei, mag durchaus sein, räumte der Bischofsvikar ein: "Aber das war eher Ausnahme als Regel". Den Wandel der Pädagogik auch im Zuge der 68er-Bewegung habe das Kollegium Kalksburg jedenfalls mitvollzogen und vieles im Sinn der heute anerkannten Erziehungsstandards verändert, ohne dabei Abstriche vom hohen Ausbildungsanspruch zu machen.