Kardinal Schönborn: "Nicht richten, sondern helfen"
Pressburg, 7.7.08 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat bei der großen Marienwallfahrt nach Levoca in der Ostslowakei zur Abtreibungsproblematik Stellung genommen. Wörtlich sagte der Wiener Erzbischof vor den rund 500.000 Pilgern: "Nicht richten und urteilen, sondern klug und praktisch helfen: das können wir alle tun, damit möglichst viele Mütter zu dem Kind, das sie empfangen haben, 'ja' sagen können". Es sei leicht, "gegen die Abtreibung" zu sein, betonte Kardinal Schönborn; es sei auch richtig, "gegen die Abtreibung" zu sein. Aber es genüge nicht. Der Wiener Erzbischof zitierte die selige Mutter Teresa von Kalkutta, die immer gesagt habe: "Tötet die Kinder nicht, gebt sie mir". Mutter Teresa habe nicht verurteilt, sondern geholfen. Viele tausende Kinder seien auf diese Weise gerettet worden. Zugleich erinnerte Kardinal Schönborn daran, dass sein "großer Vorgänger", Kardinal Franz König, 1973 den "Diözesanen Hilfsfonds für Schwangere in Not" begründete, als "positive Maßnahme" gegen die neue Abtreibungsgesetzgebung. Der "Hilfsfonds" konnte in den letzten 35 Jahren tausenden Müttern in schwierigen Situationen helfen, "sodaß sie nicht abgetrieben haben und zu ihrem Kind 'ja' sagen konnten".
In seiner Predigt arbeitete Kardinal Schönborn heraus, wie hoch die Kirche das "Geheimnis der Schwangerschaft, das Wunder des neuen Lebens" schätzt. Ein Hinweis darauf sei das Fest "Maria Heimsuchung", bei dem die Kirche der Begegnung zweier schwangerer Frauen - Maria und Elisabeth - gedenkt. Jeder Mensch verdanke sein Leben dem "ja" seiner Mutter. Am Fest "Maria Heimsuchung" dürften alle ihren Müttern danken, dass sie dieses "ja" gesagt haben. Das Wort von Elisabeth an Maria - "Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ" - gelte allen Müttern.
Zugleich lud der Wiener Erzbischof die Pilger in Levoca ein, für jene Frauen zu beten, die zu ihrem Kind nicht "ja" gesagt haben: "Es sind in unserem heutigen Europa sehr viele und es ist ein großes Drama, eine Tragödie, eine schmerzliche Wunde". Christus verurteile keine Frau, die diese Sünde begangen hat. Er helfejeder, die Sünde zu bereuen und seine Barmherzigkeit und seine Vergebung zu erfahren. Kardinal Schönborn erinnerte an das Leid, die seelischen Qualen, die Selbstvorwürfe wegen der Sünde der Abtreibung: "Immer ist es eine tiefe Wunde, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind nicht annehmen kann. Immer aber ist Jesus bereit, ihr zu verzeihen, wenn sie es bereut und um Verzeihung bittet".
Die Begegnung von Maria und Elisabeth erinnere daran, wie wichtig es auch heute sei, dass die Mütter einander helfen, "auch die Väter und die Familien". Viele Menschen hätten heute nicht mehr die Hilfe einer großen Familie, in der es viele Kinder, Eltern, Großeltern, Verwandte gab, ein "Sicherheitsnetz", das den Einzelnen auffangen konnte, wenn sich Schwierigkeiten einstellten, betonte der Wiener Erzbischof. Die meisten Menschen leben in Kleinstfamilien, in anonymen Wohnblocks, wo wenig Platz für Kinder ist, Mann und Frau müssten arbeiten. Eine unerwartete Schwangerschaft löse dann oft Bestürzung aus: "Wie werden wir das schaffen?".
"Froh und dankbar" für Europa
Vor den Pilgern in Levoca nahm Kardinal Schönborn auch auf die europäische Einigung Bezug. Wörtlich sagte der Wiener Erzbischof: "Ich bin gestern in die Slowakei gereist - ohne Grenze. Wie genau erinnere ich mich an den 'Eisernen Vorhang', an die schrecklichen Grenzkontrollen der kommunistischen Staaten. Heute gibt es nicht einmal mehr Grenzposten. Europa wächst zusammen". Darüber müsse man sehr "froh und dankbar" sein, auch wenn es so manche Schwierigkeiten gibt, "manche Sorgen über die weitere Entwicklung der europäischen Integration".
Eine Hoffnung sei das "Europa der Marienheiligtümer" von Fatima bis Levoca, so Kardinal Schönborn: Maria lade zur Versöhnung ein, zum Frieden, zur gegenseitigen Hilfe. Niemand verbinde die Menschen mehr als Maria. Die Mutter Jesu komme zu allen Völkern, "sie ist jedem Volk nahe". Der Wiener Erzbischof erinnerte an den Höhepunkt des Mitteleuropäischen Katholikentags, die "Wallfahrt der Völker" nach Mariazell im Mai 2004, als Pilger aus acht europäischen Ländern im steirischen Marienort zusammenkamen. Kardinal Schönborn verwies aber auch auf das Heiligtum von Kleinmariazell, wo vor einigen Monaten mit dem Bischof der Zips, Frantisek Tondra, die Erhebung der Wallfahrtskirche zur "Basilica minor" gefeiert wurde. Überall könnten die Menschen die Nähe Mariens, ihre mütterliche Liebe, erfahren. Der Wiener Erzbischof schloss seine Predigt mit den Worten: "Bitten wir Maria um ihre Hilfe, damit in Europa das Ja zum Leben wieder stark und kraftvoll wird".
Kardinal Schönborn hatte Begrüßung und Einleitung auf Slowakisch formuliert, was von den Pilgern mit viel Beifall quittiert wurde. Der Wallfahrtsgottesdienst wurde von slowakischen TV-Sendern direkt übertragen.
