"Hat Erinnerung Zukunft?"
Klagenfurt, 28.7.08 (KAP) Die aktuelle europäische Identitätskrise kann nur durch eine neue Reflexion der Vergangenheit überwunden werden. Das betonte der Präsident des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs (KAVÖ), Paul Schulmeister, bei der Eröffnung der KAVÖ-Sommertagung im Bildungshaus "Sodalitas" in Tainach/Tinje (Kärnten). Schulmeister sagte, die aktuelle Identitätskrise der Europäischen Union gebe ein gutes Beispiel dafür, dass man das aus der Geschichte Gelernte auch wieder vergessen könne. Es gelte "mehr denn je aus der Geschichte zu lernen - aber das Richtige!" An der KAVÖ-Sommertagung bis 2. August, die unter dem Motto "Hat Erinnerung Zukunft?" steht, nehmen rund 40 Experten aus Österreich, Deutschland, Ungarn, Bulgarien, Weißrussland und der Tschechischen Republik teil.
Schulmeister kritisierte in seinem Eröffnungsvortrag, dass in Europa die Re-Nationalisierung wieder zunehme. Immer öfter würden die Mitglieder der EU nicht mehr die Vorteile erkennen, die sie durch die gemeinsam ausgeübte Souveränität haben, warnte Schulmeister. Immer seltener würden die Bürger einsehen, "was sie verlieren, wenn die europäische Einigung scheitert".
Im Hinblick auf die europäische Identität verwies Schulmeister auf den Holocaust als "Identitätsklammer Europas" und betonte, dass "Auschwitz" heute nicht mehr nur für eine deutsche Schuld stehe, an der viele Österreicher beteiligt waren, sondern für ein Verbrechen, in das viele Europäer als Kollaborateure verwickelt waren. Schulmeister: "Das nationale Geschichtsbewusstsein - in Österreich, aber seit einigen Jahren auch in Frankreich, Holland und Belgien, in der Slowakei, Ungarn oder Rumänien - kann und will sich gegen dieses Wissen nicht mehr abschirmen".
Schulmeister verwies auf die Erklärung "Nostra Aetate" des Zweiten Vatikanischen Konzils, mit der die katholische Kirche erstmals die Kraft gefunden hätte, die pauschale Schuldzuweisung für Jesu Tod an die Juden zu überwinden. Viele Dokumente und Gesten seien dieser "Weichenstellung" gefolgt. Ihre Wirkungen stünden erst am Anfang. Schulmeister: "Der Besuch des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. in der Großen Synagoge inRom 1986, seine umfassende Vergebungsbitte an das jüdische Volk im März 2000, sein Besuch an der Klagemauer in Jerusalem und vieles mehr machen sein bahnbrechendes Engagement unvergesslich. Sein Nachfolger Benedikt XVI. folgt diesem Weg"."
Nachholbedaf in Österreich
Im Hinblick auf Österreich sagte der KAVÖ-Präsident wörtlich: "Wenn unsere Zukunftsfähigkeit von der so aufrichtigen wie umfassenden Reflexion unserer Vergangenheit abhängt, dann bleibt für Österreich noch manches zu wünschen übrig". Schulmeister verwies u.a. auf die nach wie vor vorhandenen Schwierigkeiten vor allem bei der ÖVP, die Ursachen für die Abwendung von der Demokratie in den dreißiger Jahren schonungslos zu erforschen. Erst vor drei Jahren hätten die Sozialdemokraten "mit manchmal hörbar knirschenden Zähnen" begonnen, "ihre ziemlich schamlose Parteiaufnahme von zum Teil hohen Ex-Nazis aufzuklären". Auch die Volkspartei habe hier noch einen Nachholbedarf.
Weiters sollte man einen nationalen Gedenktag an die Shoah - wie in anderen Ländern - auch in Österreich einführen und endlich eine generelle Aufhebung aller NS-Militärgerichtsurteile gegen Deserteure durchsetzen. Schließlich brauche Österreich ein eigenes Holocaust-"Museum".
Erinnerung an Kommunismus
Durch die EU-Osterweiterungen von 2004 und 2007 seien zehn Staaten Unionsmitglieder geworden, die über eine andere Leidens- und Totalitarismuserfahrung verfügen, erinnerte Schulmeister. Es handle sich um Staaten, in deren nationaler Geschichte "ein virulenter Antisemitismus oft schrecklich gewütet hat, Staaten, die erst am Anfang ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung stehen". Die Osterweiterung der EU werde aber erst dann umfassend wirksam werden, wenn auch die Erfahrung des "Gulag" in das kollektive europäische Gedächtnis eingegliedert ist, so Schulmeister.
Dabei gehe es nicht um eine Gleichsetzung der beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, vielmehr müsse das westeuropäische Nichtwissen und Nichteinfühlen in die Unterdrückungsgeschichte des Stalinismus überwunden werden. Solange dieser blinde Fleck in der Wahrnehmung der Nachkriegsgeschichte besteht, bleibe die Erinnerung geteilt und der Zusammenhalt des gemeinsamen Europa löchrig.
"Macht des Schweigens"
Eindringlich warnte Schulmeister vor der zerstörerischen Macht des Schweigens. Verschweigen und verdrängen würden nur eine Scheinruhe erzeugen, den Menschen der nachfolgenden Generationen aber die Möglichkeit nehmen, zu integralen Persönlichkeiten zu werden. Nicht verarbeitete Schuld sei für die politische Kultur einer Demokratie zerstörerisch.
Eine weitere Gefahr sah der KAVÖ-Präsident in der zunehmenden Schnell-Lebigkeit der Gesellschaft. Das Kurzzeitgedächtnis dominiere. Immer neue Gedenkjahre würden eingeführt, immer neue Jahrestage für jedermann. In Europa sollen es, so der KAVÖ-Präsident im Vorjahr 793 gewesen sein. Schulmeister: "Es wäre die geheimnisvolle Dialektik nach dem Motto 'Öfter gedenken - schneller vergessen'".
Jeder könne heute einen rapiden Verlust des ikonographischen Gedächtnisses antiker, christlicher und klassischer Traditionen feststellen. Vermutlich laufe die Entwicklung darauf hinaus, "dass wir uns immer mehr immer weniger lange merken können", so Schulmeister unter Verweis auf den deutschen Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger.