"Gekreuzigter Frosch": "Tabus sind unverzichtbar"
Wien, 30.7.08 (KAP) Tabus sind "nicht nur sogenannten Konservativen, sondern auch ihren Gegnern unverzichtbar" - wenn auch meist nicht bezogen auf das gleiche Thema: Darauf hat der Grazer Bischof Egon Kapellari vor dem Hintergrund der Aufregungen rund um den gekreuzigten Frosch "Fred" des deutschen Künstlers Martin Kippenberger in einem "Presse"-Gastkommentar am Mittwoch hingewiesen. Der Frosch ist seit Ende Mai im "Museion", dem Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst in Bozen, zu sehen.
Vor Jahren habe er bei einem ersten Blick auf Kippenbergers Frosch diesen irrtümlich für eine provokante Werbung für Tierschutz gehalten, so Kapellari. Zugleich habe er sich "daran erinnert, dass die Abbildung von durch Abtreibung getöteten menschlichen Föten seitens mancher Lebensschutzbewegungen von Förderern des 'Rechtes auf Abtreibung' als skandalöser Tabubruch bewertet und kritisiert worden ist", verwies der Bischof auf unterschiedliche Empfindlichkeiten.
Jenen Christen, die sich "fair und intelligent gegen eklatante Grenzüberschreitungen künstlerischer Freiheit im öffentlichen Raum zur Wehr setzen", dürfe man jedenfalls nicht "den Mund verbieten". Als Beispiele für solche Grenzüberschreitungen nannte der Bischof das "pornografisch-blasphemische" Libretto über "die Eroberung Jerusalems" von Hermann Nitsch oder ein ähnlich geartetes Bild von Otto Mühl mit herabwürdigenden Darstellungen Mutter Theresas und Johannes Pauls II.
Den 1997 in Wien verstorbenen Martin Kippenberger beurteilte Bischof Kapellari differenziert: Er habe mit seinem Oeuvre provozieren wollen "und war dabei ziemlich erfolgreich". Ein Frosch am Kreuz garantiere "außerhalb der eingeweihten Kunstszene gewiss Aufregung, vor allem bei vielen Christen, die solches als eine Verhöhnung des gekreuzigten Christus verstehen oder missverstehen". Kippenberger sei es vor allem darum gegangen, "sich selbst als Künstler am Kreuz in einer erbärmlichen Entfremdung darstellen". Der Grazer Bischof weiter: "Hätten erzürnte Christen ... gewusst, wer Kippenberger war und was er mit seiner Kunst im Ganzen und seinem Frosch am Kreuz wollte, dann wäre die Auseinandersetzung über den dort neuen, aber im Grund schon achtzehn Jahre alten Kunstskandal vielleicht anders ausgefallen."
Wenn umstrittene Kunst im öffentlichen Raum präsentiert wird, werde der Öffentlichkeit eine "Holschuld betreffend die Verstehbarkeit des Künstlers und seines Werks" zugetraut. Galeristen und Museumsdirektoren sollten sich nach den Worten Kapellaris aber "vielleicht auch eine Bringschuld auferlegen, in Form einer vorausgehenden und begleitenden Interpretation schwer verstehbarer Kunst". Dies werde dann unterbleiben, wenn Christen und Anhänger anderer Religionen einfach verhöhnt werden sollen. "Einen generellen Verzicht auf eine solche Verhöhnung wird man der Kunstszene der jüngeren Vergangenheit ja nicht leicht zuerkennen können", merkte Kapellari an.
