Dompfarrer Faber: Wertschätzung für Nitsch und Hrdlicka
Wien, 31.7.08 (KAP) Künstler sind keine Prediger, sondern "Propheten" und "Provokateure"; "wenn wir uns als Christen nicht mit den Eckpunkten dieser Provokation beschäftigen, entgeht uns einiges am Menschen": Das unterstrich der Wiener Domfarrer Anton Faber am Donnerstag in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse", in der er Wertschätzung für die innerkirchlich umstrittenen Künstler Alfred Hrdlicka und Hermann Nitsch äußert. Hrdlicka sehe er trotz dessen Selbstbezeichnung als Kommunist und Stalinist sogar als Christ, dessen "titanhafte Skulpturen" und leidenden, geknechteten, geschundenen Körper für ihn "auch religiös viel bedeuten".
Faber, der Kardinal Christoph Schönborn bei der Eröffnung der diesjährigen Hrdlicka-Sonderausstellung im Wiener Dommuseum vertrat und jüngst als Eröffnungsredner von Hrdlickas Skulpturenausstellung am Albertina-Platz fungierte: "Wenn ich auf einen Gekreuzigten, den Gottesknecht sehe, dann bin ich bei Hrdlicka gut aufgehoben, da erfahre ich diese Spur des menschlichen Leidens nicht ohne Sinn."
Der heuer 80 gewordene Wiener Maler und Bildhauer sei zwar "konfessionell nicht eng katholisch", sondern Altkatholik, aber ein Drittel seines Schaffens sei religiösen Themen gewidmet. Dies zeige, dass Hrdlicka "ganz eng am christlichen Leben dran ist", sagte Faber: "Wenn der Mensch der Weg der Kirche ist, dann ist Hrdlicka, der Bildhauer des Fleisches, ein Spurensucher, der einen Pfad gegangen ist, der für uns weltoffene Christen sehr genau zu studieren ist." Er selbst bewundere ihn seit seiner Studienzeit, so der Dompfarrer.
Auf die Frage nach der für viele blasphemisch wirkende, als Hommage an Pasolini titulierte und entsprechend orgiastische Abendmahl-Darstellung Hrdlickas, die nach heftigen Protesten aus dem Dommuseum entfernt wurde, meinte Faber: "Ich würde so ein Bild nie in einer Kirche ausstellen, aber in der Ausstellung waren 40 Werke Hrdlickas aus dem großen Oeuvre, das sich mit religiösen Themen befasst. Für mich hat die Provokation in einem Museum einen durchaus guten Platz."
Auftragswerk als positive Folge des Skandals
Obwohl das Bild in der Sonderausstellung "viel Ärger ausgelöst" habe, der dem Wiener Erzbischof letztlich "zu viel" geworden sei, habedas Ganze auch sein Gutes gehabt, wie der Dompfarrer erzählte: Die Aufregungen hätten dazu geführt, "dass wir mit dem Kardinal bei Hrdlicka waren und ihn, den größten zeitgenössischen österreichischen Bildhauer, gebeten haben, ein Auftragswerk zum Gedenken der Seligen Maria Restituta zu machen". Die Ordensfrau und NS-Märtyrerin sei zugleich mit kommunistischen Straßenbahnfahrern hingerichtet worden, "deren größtes Verbrechen war, einem anderen kommunistischen Straßenbahnfahrer bei seinem Begräbnis die letzte Ehre erwiesen zu haben", so Faber. Das habe Hrdlicka "sehr gepackt, er hat die Geschichte nicht gekannt". Derzeit würden Verhandlungen laufen, wo das Werk aufgestellt werden soll: im Stephansdom - was Faber bevorzugen würde - oder rund um den Dom.
Faber berichtete von seinen Bemühungen, in einer kleinen Galerie im Vorraum zur Pfarrkanzlei moderne Kunst junger Künstler zu fördern. Für nächstes Jahr plane er eine Ausstellung einer jungen Aktionskünstlerin, Hermann Nitsch solle die Schau eröffnen. Diesem werde die Präsentation seiner Werke im kirchlichen Rahmen etwa in der Steiermark verwehrt, "weil er einmal etwas in einem Werk geschrieben hat" (der bekannt kunstverständige Grazer Bischof Egon Kapellari hatte Nitschs "pornografisch-blasphemisches" Libretto über "die Eroberung Jerusalems" erst am Mittwoch als "eklatante Grenzüberschreitung künstlerischer Freiheit" bezeichnet). Dieser Bann tue ihm "sehr weh", sagte Faber, "ich schätze Nitsch sehr". Der Weinviertler Künstler zeige tiefes Verständnis für das Religiöse und näherhin vom Opfer in der Eucharistie. "Ich würde mich sogar dazu versteigen, dass Nitsch vom christlichen Opfer viel mehr versteht, als ich so viele katholische Zeitgenossen so allgemein reden höre", fügte Faber hinzu.