Kunsthistoriker enträtselt berühmtes Gemälde Raffaels
Vatikanstadt-Wien, 6.8.08 (KAP) Raffaels letztes Gemälde, die "Transfiguration" (1517-20, Pinacoteca Vaticana), ist die berühmteste malerische Umsetzung des Verklärungsereignisses, von dem die Evangelien berichten: Jesus wird vor den drei Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes auf einem hohen Berg lichthaft verwandelt. Das Gemälde galt noch bis ins 19. Jahrhundert als das berühmteste der Welt und ist verglichen mit seinem Ruhm beinahe in Vergessenheit geraten. Namhafte Schriftsteller und Philosophen wie Winckelmann, Goethe, Hegel, aber auch die akademische Kunstgeschichte konnten trotz vieler Versuche nie in das "Wahre Gesicht" dieses wunderbaren Gemäldes enträtseln. Anschaulich in sieben "Bücher" (ein "Heptameron") gegliedert, hat jetzt der junge Wiener Kunsthistoriker Gregor Bernhart-Königstein ein vollständiges Programmbuch des Gemäldes vorgelegt. Mit Hilfe apokrypher Texte (wie der Petrus-Apokalypse) und auf der Grundlage von Schriften der Kirchenväter Origenes, Johannes Chrysostomos, Augustinus und der Verklärungslehre des späten Beda Venerabilis hat Bernhart-Königstein das berühmte Gemälde entschlüsselt: Es handelt sich demnach bei Raffaels "Transfiguration" nicht - wie seit 500 Jahre vermutet - um eine bloß historische Verklärungsdarstellung, sondern um ein "Weltgericht und vieles mehr", einer Weltverklärung als früheres Gegenstück zu Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle.
20 von 27 Figuren konnten von Bernhart-Königstein im Hinblick auf die von ihm entdeckte eigentliche Botschaft des Gemäldes neu benannt werden. Nicht die bei der Heilung eines Besessenen scheiternden neun Aposteln seien in einer erweiterten unteren Zone dargestellt, sondern in alter Zahlensymbolik die vor dem Richter versammelte endzeitliche Menschheit. Der Wiener Kunsthistoriker "entzifferte" die fürbittende Maria im Weltgericht, den Erzengel Gabriel, Paulus, Franziskus, Antonius von Padua, Johannes den Täufer, Pilatus, Judas, Kaiphas, Adam und Eva. Die gesamte christliche Heilsgeschichte, Schöpfung, Erbsünde, Inkarnation (Menschwerdung Gottes), Verklärung, Passion, Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkehr Christi, aber auch das Leid der Gottesferne sei im dem Gemälde angesprochen. Bernhart-Königstein: "Das Gemälde Raffaels ist ein gemalter Katechismus, eine Abbreviatur der Menschheitsgeschichte".
Durch den Sog des linearen Blickes aus der Zukunft zurück auf das historische Verklärungsereignis öffne sich für die Jünger im Vordergrund - wie für den Betrachter im Bildzentrum - ein Zeitfenster. Der verklärte überzeitliche Christus würde so - im Sinne einer Visualisierung der Geschichtstheologie des Heiligen Bonaventura - als die Mitte des Kosmos offenbar.
Das Bild lasse sich erst bei Kenntnis der hohen Symbolsprache der mittelalterlichen Buchmalerei widerspruchsfrei betrachten. Raffael formuliere damit alle geistigen, mystischen und künstlerischen Traditionslinien der Renaissance. Die bildhafte Umsetzung neuplatonischer und christlicher Philosophie (etwa des Augustinischen Gottesstaates, der "Civitas Dei") finde sich im Gemälde ebenso wie eine Symbiose der frühchristlichen Kunst (Ravenna) mit der Kunst der Gotik und den perspektivischen Errungenschaften der Renaissance.
Raffaels "Transfiguration", sagt Bernhart-Königstein, erreicht als "Welt-Transfiguration" eine neue Qualität der historischen Malerei, die sie gleichwertig aufsteigen lässt zu den großen literarischen und musikalischen Werken der Kulturgeschichte, wie Dantes "Divina Commedia", Shakespeares "Hamlet", Goethes "Faust" oder Mozarts "Requiem". Das Gemälde übertreffe in der Konzeption, aber auch in der individuellen Charakterisierung der Figuren wie schon in der Farbgestaltung die Werke Leonardo da Vincis und Michelangelos. Über eine kulturgeschichtliche "Wiedereinsetzung" als "berühmtestes Gemälde der Welt" (so der Titel des im "Michael Imhof"-Verlag erschienenen Werkes von Gregor Bernhart-Königstein) werde man diskutieren dürfen.(
