Der Weltkirchenrat wird 60 Jahre alt
Genf, 14.8.08 (KAP) Am 23. August wird der Weltkirchenrat (ÖRK) 60 Jahre alt. Im Schatten des eindrucksvollen Genfer Völkerbund-Palastes liegt die Zentrale des Weltkirchenrates (ÖRK). Eine Steinskulptur mit dem Ökumene-Logo, dem Kreuz auf einem Schiff, weist den Weg. Der Bau aus den sechziger Jahren strahlt eher Arbeitsatmosphäre als Repräsentationsanspruch aus - im Gegensatz zu den UN-Bauten in der Nachbarschaft.
Schon 1920 hatte das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel - damals in einer glücklicheren Lage als heute, 50 Prozent der Bewohner der alten Kaiserstadt am Bosporus waren noch Christen, nach Ende des Ersten Weltkriegs war die Stadt von alliierten ("christlichen") Truppen besetzt - alle christlichen Kirchen zur Schaffung einer "Liga der Kirchen" aufgerufen. Misstrauen und Verbitterung sollten abgelegt und gemeinsame Wege trotz der lehrmäßigen Unterschiede begangen werden, so der Appell.
Im 60. Jahr der Gründung spricht der Weltkirchenrat für rund 350 Mitgliedskirchen aus mehr als 110 Ländern. Er repräsentiert nach eigenen Angaben mindestens 500 Millionen Christen - die schönen Religionsstatistiken, die im deutschsprachigen Mitteleuropa so sehr geliebt werden, sind allerdings "Schall und Rauch", weil in den meisten Ländern der Welt niemand die Bekenner von Religionsgemeinschaften zählt (oder zählen darf). Die katholische Kirche ist kein Mitglied des Weltkirchenrats, gehört aber einer der tragenden Säulen des ÖRK - der Kommission "Faith and Order" (Glaube und Kirchenverfassung) - als Vollmitglied an; seit 1965 gibt es auch eine gemeinsame Arbeitsgruppe des Weltkirchenrats und des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen.
Ein wichtiges Datum für den Weltkirchenrat war der Beitritt der russisch-orthodoxen Kirche im Jahr 1961. Durch die Ost-West-Bindung kam dem ÖRK in der Zeit des Kalten Krieges eine international beachtete Vermittlerrolle zu. Auch der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika zog die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den Weltkirchenrat. Die etwa alle sieben Jahre stattfindenden Vollversammlungen wurden zu politischen Foren. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs fielen diese politischen Themen weg. Es begann eine Phase der Neuorientierung im ÖRK.
"Wir müssen keine kleine UNO sein", meint das deutsche Mitglied im Zentralausschuss des ÖRK, Martin Hein, mit Blick auf das vielfältige Engagement. Der Bischof der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck begreift neben dem politischen Einsatz die authentische kirchliche Zusammenarbeit im Rat als wichtige Aufgabe.
Zwischen den orthodoxen und den reformatorischen Kirchen kam es in den neunziger Jahren zu Spannungen: Die Orthodoxen fühlten sich mit dem damaligen Mehrheitswahlsystem bei vielen Entscheidungen benachteiligt, da mehrheitlich protestantische Kirchen vertreten waren. Seit 2006 herrscht das Konsenssystem, das diesen Streitpunkt ausgeräumt hat. Weiter bestehende Konfliktfelder sieht Hein in der Sexualethik, dem Amtsverständnis und beim Thema Frauenordination.
Als weitere große Herausforderung begreift er die Auseinandersetzung mit den Pfingstkirchen, die weltweit wachsen. Sie in den ÖRK einzubinden, schätzt Hein als ebenso unrealistisch ein wie einen baldigen Beitritt der katholischen Kirche.
Doch gerade mit der katholischen Kirche sei 1982 durch die "Lima-Erklärung" über "Taufe, Eucharistie und Amt" (BEM) bereits viel bewegt worden, meint Martin Robra, Direktor der Programmeinheit "ÖRK und ökumenische Bewegung im 21. Jahrhundert". Die Kirchen setzten in der Praxis aber noch längst nicht alles um, was die ökumenische Bewegung in den vergangenen 60 Jahren bewegt habe. Vielleicht wird auch deshalb das Jubiläum in diesem Jahr in einem kleinen Rahmen begangen. "Wir haben aktuell noch so viel zu tun und können ja nicht ständig unsere grandiose Geschichte feiern", so Robra.
