Es wäre genug für alle da
Kardinal Schönborn richtet eindringlichen Appell zur Bekämpfung von Hunger und Unternährung. UN-Experte Stelzer und Caritas-Direktor Landau sprachen über die Hintergründe der Hungerkrise und mögliche Gegenmaßnahmen
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Kardinal Christoph Schönborn |
Wie Kardinal Schönborn betonte, seien Hunger und Unterernährung inakzeptabel in einer Welt, die über ausreichendes Produktionsniveau, Ressourcen und Kenntnisse verfüge, um die dramatische Welternährungskrise zu überwinden. Papst Benedikt XVI. habe darauf verwiesen, dass durch die bisher unternommenen Bemühungen die Zahl der Hungernden in der Welt nicht wesentlich geringer geworden ist, "obwohl alle anerkennen, dass es ein Grundrecht auf Nahrung gibt". Offenbar werde hauptsächlich aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus gehandelt und dabei die Priorität der ethischen Dimension vergessen, "den Hungernden zu essen zu geben". Schönborn weiter unter Zitierung des Papstes: "Wer sich vom Brot Christi nährt, kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber all jenen, denen es auch heute am täglichen Brot mangelt". Das Ziel, den Hunger zu bekämpfen, erfordere eine besondere Nutzung der Ressourcen, bei der die Schöpfung geachtet wird, sagte der Wiener Erzbischof im Hinblick auf den kirchlichen "Schöpfungstag", der am 1. September begangen wird.
Die Politik sollte ihr oftmals gegebenes Versprechen einlösen, die echten Leistungen für Entwicklungszusammenarbeit (EZA) auf 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens zu erhöhen, betonte Kardinal Schönborn. Davon sei man derzeit aber "weit entfernt", bedauerte der Wiener Erzbischof und erinnerte daran, dass in Österreich erstmals 1969 die 0,7 Prozent versprochen wurden.
Es wäre genug für alle da
Botschafter Stelzer wies auf die wichtige Rolle der Zivilgesellschaften bei diesem Thema hin: Solange Politiker den Eindruck hätten, Wahlen eher mit dem Dichtmachen der Grenzen zu gewinnen als mit einer den Wohlstand ausgleichenden, langfristigen Politik, sei dem Welthunger nicht beizukommen. Bei der Sensibilisierung der Zivilgesellschaft für das Thema Hunger habe die Kirche mit ihrer sozialen Kompetenz eine wichtige Rolle.
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Thomas Stelzer, UN-Diplomat |
Die Welt produziert genügend Nahrung, um alle Menschen versorgen zu können, so der UN-Spitzendiplomat. Während in den westlichen Industriestaaten Probleme durch Überernährung entstünden, habe die "food crisis" die Armen der Welt in eine überaus prekäre Lage versetzt. In manchen Ländern wie Haiti würden Menschen bereits gesalzene Erde essen, um zu überleben.
Die Ursachen der "food crisis" seien vielfach, betonte Stelzer. Vor allem sei es durch die Verdreifachung des Reispreises und die Verdoppelung des Weizenpreises zu einer Preiskrise gekommen. Für die Armen - eine Milliarde Menschen muss von umgerechnet einem US-Dollar pro Tag leben, weitere 1,8 Milliarden von umgerechnet zwei US-Dollar - kamen diese Grundnahrungsmittel damit nicht mehr in Frage. Faktoren der Krise seien die Zerstörung der lokalen Märkte in den Ländern des "Südens" durch hochsubventionierte Nahrungsmittelexporte aus den reichen Staaten, die Verteuerung des Transports durch die parallel laufende Energiekrise, die Verwendung von Getreide (vor allem Mais) als Biotreibstoff und das gentechnisch veränderte Saatgut, das "selbstzerstörend" wirke und jedes Jahr neu gekauft werden müsse. Auch der erhöhte Fleischbedarf von Schwellenländern wie China oder Indien heize die Krise an. Die Folge: Ein Drittel der Weltbevölkerung sei nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt.
Die UNO habe rasch auf die Hungersituation reagiert und ein Dreipunkteprogramm verabschiedet, das auch Weichen für eine nachhaltige Entwicklung stelle, berichtete Stelzer. Zunächst sei es darum gegangen, akute Not durch Nahrungsmittellieferungen zu lindern. Das "World Food Programme" der Vereinten Nationen (WFP) versorgt jetzt bereits mehr als 100 Millionen Menschen. Weiters stelle man Saatgut für die Aussaat für das kommende Jahr zur Verfügung, damit es nicht - wie derzeit zu befürchten sei - 2009 zu einer noch schlimmeren Situation komme als heuer. Schließlich gehe es um die Förderung einer langfristigen Entwicklung, die gefährdeten Ländern wieder die Eigenversorgung sichere. Dazu müssten Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft sowohl in den Empfänger- als auch in den Geberländern zusammenstehen. Nach der Einschätzung Stelzers ist ein Finanzaufwand von rund 28 bis 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr notwendig, ein Betrag, der nicht leicht aufzubringen sei, so der UNO-Diplomat. Gemessen an den globalen Rüstungsausgaben handle es sich aber um eine kleine Summe, doch stelle sich die Frage nach dem politischen Willen in einer Welt, in der die reichen Länder viel mehr auf Abschottung vor der Armut setzten als auf deren Überwindung.
Er habe eine Zeitlang in Zentralamerika gelebt und sich angesichts von verbarrikadierten und bewachten Häusern der Reichen gefragt, ob so ein Leben wirklich lebenswert sei, wenn es eine so große Kluft zwischen wenigen Reichen und vielen Armen gibt, erzählte Stelzer. Er sei der Überzeugung, dass alle davon profitierten, wenn Wohlstand geteilt wird. In Europa könne man mit geringem Aufwand und ohne Abstriche beim Lebensstandard viel bewirken. Die Zivilgesellschaften in den europäischen Ländern müssten ihre Politiker unter Druck setzen, über die üblichen Zyklen der Legislaturperioden hinauszudenken.
Alle fünf Minuten stirbt ein Kind an Hunger
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Michael Landau, Caritas-Direktor |
Landau kritisierte vor diesem Hintergrund, dass die Regierungen Europas deutlich hinter ihren eigenen Vorgaben für die Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zurückbleiben, auch Österreich habe das vor nahezu 40 Jahren beschlossene O,7-Prozent-Ziel nicht erreicht. Zuletzt seien 0,49 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklung ausgegeben worden, allerdings habe man dabei auch Entschuldungen einberechnet. Diese Entschuldungen fallen im kommenden Jahr weg. Österreich stehe somit an einer "Wegkreuzung", sagte Landau: Laufe die EZA weiter wie bisher, komme man 2009 nur mehr auf einen Anteil von maximal 0,29 Prozent.
Der Wiener Caritasdirektor appellierte an die künftige Regierung, den beschlossenen Stufenplan einer Erhöhung der EZA-Mittel auf 0,51 Prozent des Bruttonationaleinkommens bis zum Jahr 2010 und auf 0,7 Prozent bis 2015 umzusetzen. Zudem sollten nur Geldmittel berücksichtigt werden, die unmittelbar der Armutsbekämpfung dienen. In einem ersten Schritt sei wenigstens "eine Verdoppelung des Budgets der 'Austrian Development Agency' (ADA) von derzeit knapp 100 auf 200 Millionen Euro notwendig".
Schließlich wiederholte Landau auch die oftmals geäußerte Forderung nach der Absetzbarkeit von Spenden für EZA. Dies wäre ein wichtiger Anreiz für die Österreicher, die Pro-Kopf-Spenden für Entwicklung von derzeit 37 Euro auf ähnliche Summen zu steigern wie in Deutschland (61 Euro) oder der Schweiz (71 Euro), wo - wie in fast allen europäischen Ländern - Spenden steuerlich absetzbar sind.
O-Töne des Hintergrundgespräches können unter www.katholisch.at/o-toene abgerufen werden.
Linktipps:
> UN-Welternährungsorganisation FAO
> Caritas
> UN-Millenniumsziele (englisch)