"EU-Beitritt wird für Bulgarien kein 'Wunder' bewirken"
Wien, 12.5.06 (KAP) Er erwarte kein "Wunder" durch den für 2007 vorgesehenen EU-Beitritt Bulgariens. Dies betonte der Wiener bulgarisch-orthodoxe Bischofsvikar Iwan Petkin bei einer gemeinsamen Veranstaltung seiner Kirche mit der Stiftung "Pro Oriente" zur Präsentation des "Frühlings" im bulgarischen Mönchtum an Hand des Beispiels des Klosters Ruen. Er freue sich persönlich über den EU-Beitritt Bulgariens, sagte der Bischofsvikar, aber dieser Schritt werde mit großen Anstrengungen verbunden sein; vielfach gebe es in Bulgarien in diesem Zusammenhang auch Illusionen. Auch betrachte er es als "eine Schande für Europa", dass es nicht gelungen sei, die christlichen Wurzeln des Kontinents in der EU-Verfassung zu benennen.
Er sehe aber die bulgarisch-orthodoxe Kirche "auf dem richtigen Weg in Richtung Europa", betonte Petkin. Der spezifische Beitrag der Kirche für Europa bestehe insbesondere "in der Erinnerung an die christlichen Werte".
Die Einstellung der bulgarisch-orthodoxen Kirche zur Ökumene sei trotz des Austritts aus dem Weltkirchenrat "ganz positiv", unterstrich der Bischofsvikar. Zwei bulgarisch-orthodoxe Metropoliten hätten an der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Porto Alegre teilgenommen, "höchstwahrscheinlich" werde das bulgarisch-orthodoxe Patriarchat wieder als Mitglied in den Weltkirchenrat eintreten. Der Austritt sei vor allem dadurch begründet gewesen, dass man "nicht einverstanden war mit der Art, wie die Protestanten die Frage der Homosexualität gehandhabt haben".
Der junge Abt des Ruen-Klosters, Priestermönch Polikarp, sagte, der Begriff des "Frühlings" lasse sich im Blick auf die bulgarisch-orthodoxe Kirche insbesondere auf das Mönchtum anwenden, das nach der "Wende" von 1989 eine starke Erneuerung erfahren habe und sich eines starken Zulaufs erfreue. Insgesamt gehe der Aufbruch in Bulgarien jedoch "leider sehr langsam vor sich": Zum einen sei die bulgarisch-orthodoxe Kirche nach dem Fall des Kommunismus vor einem Schisma gestanden und diese Herausforderung habe jegliche Fortentwicklung "sehr gebremst", zum anderen müsse man die desolate soziale Situation in Bulgarien sehen.
Heute spiele die bulgarisch-orthodoxe Kirche jedoch wieder "eine wichtige Rolle für die bulgarische Gesellschaft", da sie "das Prinzip der Einheit des bulgarischen Volkes verkörpert" und sie "die einzige Institution" sei, "die den Menschen heute Hoffnung geben kann für eine bessere geistliche und soziale Zukunft". Daher unterstütze die bulgarisch-orthodoxe Kirche auch "alle Bestrebungen des Staates in Richtung eines Beitritts und einer Öffnung zur Europäischen Union".
"Pro Oriente"-Präsident Hans Marte lobte die Wiener Zusammenkunft als "Treffen der Spiritualitäten". Ökumenische Begegnungen dürften heute "nicht mehr nur in akademischen Geplänkeln erfolgen", vielmehr sei auch ein vermehrter spiritueller Austausch notwendig. Dabei komme gerade den Klöstern eine besondere Rolle zu.
Auf den Spuren des Heiligen Iwan Rilski
Priestermönch Polikarp war von zwei Mitbrüdern begleitet, den Priestermönchen Makarij und Luka. Makarij ist Hauptzelebrant im Ruen-Kloster und im benachbarten Nonnen-Kloster Resilovo, sowie gleichzeitig auch Koch des Klosters. Luka ist Ikonenmaler und Leiter des Chorgesangs.
Das Ruen-Kloster im Struma-Tal ist dem heiligen Demetrios von Thessaloniki geweiht. Der Heilige Iwan Rilski, der Nationalheilige Bulgariens, empfing dort die Mönchsweihe. Im Jahre 1400 wurde das Kloster von den Osmanen vollkommen vernichtet, 1483 jedoch wieder aufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kloster neuerlich zerstört; ab 1998 wurde auf Initiative des benachbarten Nonnen-Klosters Resilovo mit dem Wiederaufbau des Klosters begonnen; 2002 begann das eigenständige Mönchsleben im neugebauten Kloster. Abt Polikarp war schon als Kind und Jugendlicher mit den Nonnen von Resilovo sehr verbunden gewesen. Im Herbst 2005 wurde im Ruen-Kloster die erste bulgarisch-orthodoxe Radiostation eingerichtet. Heute leben im Kloster acht Mönche und acht Novizen.
In den nächsten Monaten möchte sich "Pro Oriente" vor allem mit Bulgariens Geschichte, Kultur und orthodoxer Tradition befassen und diese in Österreich bekannter machen. Außerdem ist auch eine wissenschaftliche Tagung in Varna geplant. Kardinal Christoph Schönborn hat seine Teilnahme an der Tagung zugesagt. 2007 wird das Wiener Dom- und Diözesanmuseum in Kooperation mit "Pro Oriente" eine Ausstellung von Ikonen aus dem Nationalen Kirchenmuseum in Sofia zeigen.