Bischof Kapellari warnt vor "pflegeleichtem Christentum"
Wien-Graz, 12.5.06 (KAP) Vor einem "pflegeleichten Christentum" hat der Grazer Bischof Egon Kapellari gewarnt. "Eine wirklich liebende Kirche braucht sich nicht einem Liberalismus zu verschreiben, der das Christentum immer noch pflegeleichter machen will und damit die Zukunft in Europa nicht gewinnen kann", erklärte Kapellari in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". Der Papst rede in dieser Hinsicht "nicht dröhnend, aber er redet deutlich und abseits von Laxismus und Integralismus".
Zu den medial immer wieder aufgegriffenen "heißen Eisen" der Kirche wie Empfängnisverhütung, wiederverheiratete Geschiedene, Zulassungsbedingungen zum Priesteramt und Mitbestimmung bei Bischofsernennungen wies der Grazer Bischof darauf hin, dass diese Eisen von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent "sehr verschieden heiß" seien. Benedikt XVI. habe in seiner ersten Enzyklika den Quellgrund benannt, aus dem Spannungen überwunden oder zumindest ausgehalten werden können.
In der Frage des Zölibats gebe es keinen Weg "abseits der Weltkirche", betonte Kapellari: "Das Versetzen von Grenzsteinen oder das Wegwerfen eines Schuhs, wenn er drückt, reicht zu Problemlösungen noch nicht aus". Auch bei der Frage der Weihe bewährter verheirateter Männer ("viri probati"), die "von manchen Seiten, nicht aber von der Leitung der Weltkirche" angedacht werde, sei er gegen Sonderwege, so der steirische Bischof. Das Ordensleben und der Zölibat des Weltpriesters seien, "wenn sie gelingen, eine große Kraft für die ganze Kirche und Gesellschaft".
In der Ostkirche gebe es trotz verheirateter Priester eine lebendige Tradition des Zölibats. Im Westen würde - so Kapellari - die Abkehr vom Pflichtzölibat auch die Eheprobleme der protestantischen Geistlichkeit in die katholische Kirche hineintragen. Reformen in Sachen priesterliche Existenz wollte der Bischof jedoch nicht ausschließen: "Was die katholische Weltkirche in dieser Frage in Zukunft tun wird, wissen wir nicht. Es gibt jedenfalls einen gemeinsamen Glaubensinstinkt, der uns im Ganzen ausreichend tragen und führen wird. Gott verlässt seine Kirche nicht".
Zur jüngst präsentierten Pfarrer-Initiative rund um Msgr. Helmut Schüller, die angesichts von seelsorglichen Engpässen Reformen anregte, meinte der Grazer Bischof wörtlich: "Solche Sorgen haben wir alle, ich will sie nicht klein reden". Kapellari plädierte für das Bemühen um geistliche Substanz: "Als Kirche müssten wir in den westlichen Ländern tiefer graben, wenn wir vitaler sein wollen als wir es jetzt oft sind". Ein tieferes Eintauchen einer Ortskirche in den Quellgrund des Glaubens wecke oft auch neue geistliche Berufungen.
Im Hinblick auf die jüngsten Diskussionen zum Thema "Kirche und AIDS" erinnerte Bischof Kapellari daran, dass "die katholische Kirche weltweit am meisten tut, um AIDS-Kranken beizustehen. Was man insgesamt am besten tun kann, um etwa im südlichen Afrika die AIDS-Seuche möglichst umfassend zu bekämpfen, lasse sich aus der Ferne nicht beurteilen. Die Integration von Sexualität in das Leben sei aber weltweit eine Hauptaufgabe jedes Menschen. Dazu gehöre auch eine Portion Askese, was man in Europa oft nicht wahrhaben wolle.
Auf die Frage, ob die Kirche Wünsche an den Staat habe, wies Kapellari auf das im Vergleich zu anderen Ländern sehr gute Verhältnis zwischen dem Staat und den christlichen Kirchen in Österreich hin. Die Kirchen leisteten als Anwältinnen des Lebens "sehr viel" in der Gesellschaft. Die österreichische Politik habe sich "erfreulicherweise der verbrauchenden Embryonenforschung bisher widersetzt und den Damm gegen eine aktive Sterbehilfe gehalten". Anders sehe es beim Thema Abtreibung aus. "Die versprochenen flankierenden Maßnahmen sind ganz ausgeblieben", kritisierte der Bischof: "Das ist eine soziale Wunde, mit der sich die Kirchen nicht einfach abfinden dürfen".