Österreichische Solidaritätsreise in den Irak
Der Wiener Weihbischof Franz Scharl führt die Delegation in das kriegsgeschüttelte Land an. "Kathpress"-Redakteur Robert Mitscha-Eibl berichtet über die schwierige Lage der Christen
Arbil, 29.10.08 (KAP) "Abwun d'bwaschmaja": In kehligem Singsang dringt das in Aramäisch - der Sprache Jesu - gesungene Vaterunser in den letzten Winkel der großen Kathedrale von Kirkuk. Die chaldäischen Katholiken, die hier unter der Leitung ihres Erzbischofs Louis Sako zur Sonntagsmesse versammelt sind, sind die Nachkommen von Christen, die seit der Frühzeit der Kirche im Zweistromland leben. Und die jetzt zur verfolgten Minderheit in dem Land geworden sind, wo während des "Babylonischen Exils" des Volkes Israel große Teile der Bibel entstanden sind und von dem aus Abraham aufbrach, als er der Verheißung glaubte. Immer mehr fanatische Ideologen in dem muslimisch dominierten, nach mehreren Kriegen ausgepowerten Irak wollen die Christen als angebliche "Eindringlinge" nicht länger dulden.
Die gegenwärtige Christenhatz in der Tigris-Metropole Mossul, wo seit September Tausende Familien vertrieben und Dutzende Morde zu beklagen waren, ist in aller Munde. In Kirkuk, nur 90 Kilometer von diesen weltweit Protest auslösenden Menschenrechtsverletzungen entfernt, ist die Lage derzeit ruhig. Doch die Straße zwischen der Kathedrale und dem benachbarten Bischofshof ist durch Betonblöcke und Stahlkreuze für Autos unpassierbar, seit hier vor Monaten ein Bombenattentat verübt wurde. Im Zuge der Aufregungen um die Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung wurde 2006 u.a. der Mesner einer Pfarrgemeinde in Kirkuk ermordet. Seither stehen vor jeder Kirche schwer bewaffnete Wächter, von den Behörden zum Schutz der Christen abgestellt. Nirgendwo im Irak kann man sich derzeit als Christ seines Lebens ganz sicher sein.
Angesichts dieser Situation ist an diesem Sonntag eine kleine Delegation aus Österreich zu Gast in der Kathedrale. Der Wiener Weihbischof Franz Scharl, Caritas-Auslandshilfe-Chef Christoph Petrik-Schweifer, der Entwicklungspolitik-Experte der Bischofskonferenz, Heinz Hödl, und der Linzer Ostkirchen-Experte und Gründer der Hilfsorganisation ICO (Initiative Christlicher Orient), Prof. Hans Hollerweger, wurden von der Österreichischen Bischofskonferenz entsandt, um Solidarität mit den bedrohten Glaubensbrüdern und -schwestern nicht nur aus der Ferne, sondern durch unmittelbare Präsenz zu bekunden.
"Wir sind gekommen, um uns ein authentisches Bild von der Situation zu machen und damit zu unterstreichen, dass andere Regionen der Welt Anteil am Schicksal der Christen im Irak nehmen", erläutert Weihbischof Scharl vor den rund 600 chaldäischen Gläubigen das Anliegen der Reise. Scharl ist einer der wenigen ausländischen Bischöfe, die seit dem letzten Irak-Krieg das Land zu bereisen wagen. "Oft waren wir schon in Gedanken und im Gebet hier. Jetzt auch persönlich", bekundet er; und als Scharl erwähnt, dass am selben Tag Gläubige auf dem Wiener Stephansplatz gegen die Gewalt gegen die Christen im Irak demonstrieren, brandet dankbarer Applaus auf.
"Ihr gehört nicht hierher!"
Die am Sonntagabend versammelte Gemeinde von Kirkuk nimmt die Besucher warmherzig auf. Dutzende Hände wollen geschüttelt werden. Es sind gebildete Leute, die sich nach der Messe im Mehrzwecksaal zu Gespräch und Tombola-Spiel versammeln. Viele sprechen Englisch, sind Akademiker oder Studenten. Etliche arbeiten in der Wirtschaft, denn Kirkuk ist das Zentrum der irakischen Erdölindustrie. "Die Christen im Irak gehören zur Elite", bestätigt Erzbischof Sako. "Schlama aloch!" (Friede sei mit dir!) - dieser in der Messe kurz zuvor ausgetauschte aramäische Friedensgruß hat gerade hier eine besondere Bedeutung. Unter den Mitfeiernden sind zahlreiche Flüchtlinge aus Mossul, die bei Verwandten in Kirkuk Unterkunft gefunden haben. "Wir gingen weg, weil wir zuletzt nicht mehr wussten, ob unsere Nachbarn nicht unsere Feinde geworden sind", erzählt einer. Drohungen seien an der Tagesordnung gewesen. "Verschwindet von hier!", stand auf anonymen Zetteln zu lesen: "Ihr gehört nicht hierher!"
Die Zentralregierung in Bagdad sowie die politische Führung der Autonomen Region Kurdistan - das Gebiet ist Hauptziel der Solidaritätsreise - haben sich von den Gewaltakten distanziert. Doch zu einem effektiven Schutz der Christen in der Drei-Millionen-Stadt Mossul ist es bisher nicht gekommen. Die Regierung muss für die Sicherheit der Minderheiten sorgen, egal welchen Glaubens oder welcher ethnischen Zugehörigkeit diese sind, fordert Erzbischof Sako immer wieder.
Als begehrter Interviewpartner auch westlicher Medien spricht er deutlich von politischen Interessen hinter den Anschlägen und Vertreibungen. Von fanatisierten Einzeltätern kann angesichts des Ausmaßes der Gewalt niemand mehr ernsthaft reden. Der umsichtige Bischof beschuldigt ohne Beweise aber niemanden persönlich und vermeidet auch jede Empfehlung für die politische Zukunft des Irak. Das sei nicht seine Aufgabe und würde nur Gegner auf den Plan rufen, sagt er den österreichischen Gästen. Die Linie des zum inoffiziellen Sprecher der chaldäischen Bischöfe gewordenen Bischofs: Die Christen wollen wie Schiiten, Sunniten, Kurden usw. Teil der irakischen Gesellschaft sein - nicht isoliert, sondern mittendrin wie ein Sauerteig.
Islam-Vertreter bekunden Solidarität
Der Erzbischof pflegt gute Kontakte zu hochrangigen islamischen Vertretern. Diese wüssten um die Bedeutung der christlichen Minderheit für die irakische Gesellschaft und hätten die Übergriffe auf die Christen mehrfach öffentlich verurteilt.
Wortreiche Sympathiebekundungen mit den verfolgten christlichen "Brüdern und Schwestern" äußern vier Imame, die auf Einladung des "Brückenbauers" Louis Sako in dessen Bischofshaus gekommen sind. Die Übergriffe in Mossul "treffen auch uns, denn wir alle sind gute Iraker, die seit Jahrhunderten zusammenleben, dieselbe Geschichte, dieselbe Sehnsucht haben", sagte einer. "We never let you alone" (wir lassen euch nicht allein), sagt ein anderer. Alle nicken bedächtig. "Möge Kirkuk eine Stadt des Friedens sein", meint Weihbischof Scharl. "Inschallah" - "so Gott will", antworten die vier Imame wie aus einem Mund.
Wie sehr Erzbischof Sakos Haus zu einer Begegnungsstätte unterschiedlicher Gruppierungen geworden ist, belegen zwei weitere Besuche an diesem Tag: Vertreter eines von Präsident Talabani initiierten Komitees für interkulturellen Dialog beteuern ebenfalls ihre Abscheu gegenüber der Gewalt an Christen, der Sicherheits-Chef der Autonomen Region Kurdistan, Oberst Salar K. Kamarkhan, wirbt zugleich bei der österreichischen Delegation um Verständnis für die noch in den Kinderschuhen steckende Demokratie: "Wir haben keine Probleme zwischen den Religionen und Ethnien, unser Problem ist die Einmischung von außen", beteuert er: "Terroristen missbrauchen den Irak als Übungsplatz".
Bei einem Empfang für die österreichische Reisegruppe im streng bewachten Rathaus von Kirkuk unterstreicht Bürgermeister Abdul Rahman Mustafa: "Die christlichen Brüder und Schwestern sind in meinem Herzen"; als länger im Zweistromland präsente Gruppe als die Muslime hätten sie hier ein Lebensrecht und würden gleich behandelt. Flüchtlinge würden sogar bei der Jobsuche unterstützt. Auch der im Anschluss besuchte Vorsitzende des Stadtparlaments äußert Bestürzung über die Vorgänge in Mossul und bezeichnet Kirkuk als Ort, wo Christen gerne aufgenommen werden.
Leben in einem "Staat der Lüge"
Im Gesamtgebiet des Irak hat sich die Lage der Christen in den vergangenen Jahren jedoch kontinuierlich verschlechtert, wie es eine Dominikanerin in Alqosh formuliert. Viele waren und sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die politischen Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten eröffneten den Christen schon vor Jahren in Bagdad keine sicheren Perspektiven. Seit dem Beginn der US-Invasion haben nach Angaben des Weihbischofs von Bagdad, Andreas Abouna, etwa 75 Prozent der christlichen Bevölkerung die Hauptstadt verlassen. Jetzt passiert dasselbe - noch brutaler - in Mossul. "Was ist das nächste Ziel"?, fragt der Rektor des gesamtirakischen Priesterseminars in der kurdischen Hauptstadt Arbil, Bashar Warda. Er würde auch nicht darauf wetten, dass die Haltung der kurdischen Regierung so christenfreundlich bleibt wie jetzt, da der christliche Finanzminister Sarkis Aghajan Mamendu - selbst ein (assyrischer) Christ - viel vom kurdischen Erdölgewinn in kirchliche Bauprojekte steckt. "Unter Saddam lebten wirin einem Staat der Angst, jetzt in einem Staat der Lüge", meint Warda düster.
Bei ihrer Solidaritätsreise zu den Christen im Nordirak wird die Delegation des Wiener Weihbischofs Franz Scharl immer wieder daran erinnert, dass sie sich in einem seit Jahrzehnten vom Krieg heimgesuchten Land bewegt. Schwer bewaffnete Soldaten werfen an den Checkpoints kontrollierende Blicke ins Wageninnere und winken die Reisenden vorbei, wenn sie die beiden Bischöfe - der chaldäisch-katholische Erzbischof von Kirkuk, Louis Sako, begleitete die Österreicher - und das am Innenspiegel baumelnde Kreuz sehen.
Krieg und Gewalt prägen seit Jahrzehnten das Leben im Irak: 1958 der Sturz der Monarchie, 1968 die definitive Machtübernahme durch die "Baath"-Partei, der immer wieder eskalierende Konflikt zwischen der kurdischen Minderheit im Norden und der Zentralregierung in Bagdad, der erste Golfkrieg gegen den Iran (1980-1988), der zweite nach dem Überfall auf Kuwait 1990, 2003 der Einmarsch der US-Amerikaner und ihrer Verbündeten, die Operationen der türkischen Armee...Kaum eine Familie, die bei all dem keinen Blutzoll entrichtet hätte. Kaum eine Familie, aus der nicht Mitglieder nach Europa, in die USA oder nach Australien emigriert wären.
Und mittendrin, oftmals als "Karte in einem politischen Spiel", wie es Rektor Bashar Warda nennt, die Christen. Wieviele Christen es im Irak wirklich gibt, weiß niemand genau. Vor 100 Jahren - als sich die osmanische Herrschaft ihrem Ende zuneigte - sollen es rund 30 Prozent der Gesamtbevölkerung gewesen sein. In den letzten Jahrzehnten sind fast zwei Millionen Christen geflohen.
Die eigentliche Kirche des Zweistromlandes ist die Apostolische Kirche des Ostens, die Kirche des alten Perserreichs, deren glanzvoller Patriarchensitz sich ursprünglich in der sassanidischen Hauptstadt Seleukia-Ctesiphon befand und dann in das von den islamischen Erobern neu angelegte Bagdad verlegt wurde. Diese heute auch als "assyrische Kirche" bezeichnete Gemeinschaft zählt ihre Märtyrer nach Millionen; ein Teil dieser Kirche suchte ab dem 16. Jahrhundert die Union mit Rom. Die chaldäisch-katholische Kirche ist heute zweifellos die größte christliche Gemeinschaft im Irak. Aber es gibt es auch römisch-katholische und syrisch-katholische Christen undebenso syrisch-orthodoxe und armenisch-apostolische sowie eine kleine Gruppe von Evangelischen.
Innehalten am Grab der Märtyrer
Östlich von Mossul erstreckt sich die Ninive-Ebene, wo traditionell viele Christen ansässig sind. Hier wird deutlich, dass auch Erzbischof Sako nicht nur wegen seiner jahrelangen Priestertätigkeit in Mossul unmittelbar vom dortigen Drama betroffen ist. In der Millionenstadt am Tigris lebten auch die beiden Schwestern des Erzbischofs, sie mussten aber ihre schönen Häuser unter Gewaltandrohung verlassen. Eine lebt jetzt mit Ehemann und 13-jähriger Tochter in einer Notunterkunft in der 4.000-Einwohner-Stadt Karamles, die derzeit von 250 Bewaffneten bewacht wird. Sakos Schwager versucht sein Geschäft als Alkoholhändler - eine christliche Domäne im islamischen Irak - fortzuführen, die Schwester sorgt trotz des beengten Zimmers für eine Labung der Gäste aus Österreich mit Tee und Süßigkeiten.
Dann ein Innehalten bei zwei Märtyrern in der Kirche von Karamles. Hinter dem Hochalter liegen nebeneinander der frühere Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho, und der Priester Ragheed Ganni begraben. Blumen schmücken die schlichten Gräber, Kerzen drücken ungebrochene Trauer aus. Ganni war der erste chaldäisch-katholische Geistliche, der im Juni 2007 dem Hass auf die Christen Mossuls zum Opfer fiel. Sein Erzbischof, der sich sehr um den christlich-islamischen Dialog bemühte, wurde im Februar dieses Jahres entführt; zwei Wochen später wurde seine Leiche außerhalb der Stadt auf einer Müllhalde aufgefunden.
Vom Terror verletzte Menschen
Karamles, Karaqosh, Bartella oder der idyllisch gelegene Bischofssitz Alqosh sind als mehrheitlich christliche Orte in der Ninive-Ebene Anlaufziele der Christen aus dem nahen Mossul. Viele finden auch bei Verwandten in christlichen Dörfern nahe der türkischen Grenze Unterschlupf. Und nicht nur die unmittelbaren Angehörigen der Vertriebenen zeigen Solidarität. Doch der Raum ist begrenzt; die Besucher aus Österreich sehen Notquartiere, in denen drei Familien mit einem 20-Quadratmeter-Zimmer auskommen müssen. Vielen ist der erlebte Terror noch ins Gesicht geschrieben. Vermummte seien nachts ins Haus eingedrungen und hätten den "guten Rat" gegeben, besser zu verschwinden, denn morgen werde eine Sprengladung detonieren. Andere hatten gerade einmal 15 Minuten Zeit, um vor der erzwungenen Flucht die wichtigsten Dokumente und Wertsachen zusammenzuraffen. Jemand erzählt von einer an die Schläfe eines Babys gehaltenen Pistole, um der Drohung Nachdruck zu verleihen. Ein anderer vom Mobbing an seinen Kindern inder Schule, die den "Makel" christlicher Vornamen tragen. Polizisten, die tagsüber im Auftrag der Stadtregierung für Sicherheit sorgen sollen, verwandeln sich nachts selbst in Terroristen, verrät ein anderer. Die Wohnungen der Christen von Mossul leeren sich, auch die Mutigen geben dem Druck nach, um das Leben ihrer Liebsten und ihr eigenes zu retten. Ob sich nicht auch hier im Flüchtlingslager islamistische Spione eingeschlichen haben, die unliebsame Stimmen zum Verstummen bringen sollen, fragt sich ein verängstigter Mann.
Die Politik tut viel zu wenig, um dem Terror Einhalt zu gebieten, sind sich alle einig. Beteuerungen dazu sowohl seitens der Stadtverantwortlichen als auch der Zentralregierung in Bagdad gebe es zuhauf, aber effektiven Schutz nicht. Eingeschüchtert sind auch die Muslime, die auf ein friedliches Zusammenleben mit den Christen Wert legen, heißt es. Sie bilden die Mehrheit, schweigen aber, um nicht selbst ins Visier zu geraten. Dennoch: Manche islamische Nachbarn zeigen Zivilcourage und Solidarität. Es gibt welche, die das Haus ihrer geflohenen christlichen Nachbarn hüten. Und in Alqosh wird die Delegation aus Österreich Zeuge eines bemerkenswerten Aktes religionsüberschreitender Menschlichkeit. Zwei schwer mit Lebensmitteln beladene Kleinbusse aus Mossul treffen ein, auf Transparenten an den Wagenseiten bekundet eine muslimische Familie ihre Anteilnahme mit den christlichen Flüchtlingen.
Seit September ist Mossul zum Fokus des Christenhasses geworden. Kenner der Situation sprechen auf die Frage nach den Gründen von der Präsenz der Al-Qaida, die gezielt Terror verbreitet, von der Teilung der Stadt in einen kurdischen und einen arabischen Teil und entsprechenden Machtkämpfen, vom wachsenden Islamismus, der mit Geld aus Saudiarabien finanziert wird und nichts außer Koran und Sharia gelten lässt. Im Dezember 2006 hatten sunnitische Extremisten in Mossul einen "Gottesstaat" ausgerufen. Seitdem nahm der Terror in Mossul signifikant zu: Polizisten, Journalisten und Frauen ohne Kopftuch wurden ebenso bedroht und ermordet wie z.B. Inhaber kleiner Fotostudios, weil das Abbilden von Lebewesen dem Islam widerspreche, oder Restaurantbesitzer, deren Speisen "unislamisch" seien, z.B. Salate mit "weiblichen" Tomaten und "männlichen" Gurken.
Welche Strategie steckt hinter der Gewalteskalation? Wem nützt die Vertreibung der als friedfertig geltenden Christen? Erzbischof Louis Sako nennt neben den islamistischen Strömungen auch die Interessen von kurdischer Seite, die die Christen in ihrem Einflussbereich konzentrieren wollen, weil sie sich dadurch Nähe zur westlichen Welt erhoffen. Auch die mächtige "assyrische" Lobby im Ausland wünsche eine christliche Autonomieregion in der Ninive-Ebene.
Autonomie oder Ghetto in der Ninive-Ebene?
Sako dagegen warnt eindringlich vor dem Plan einer solchen Region. "Christen leben nicht in einem Ghetto", sie waren immer im Kontakt mit ihrer Umwelt, haben sich in die hellenistische Welt der Antike ebenso inkulturiert wie später in die islamische. Ähnliche Vorbehalte äußern auch die anderen drei Bischöfe (Mikhael Maqdassi, Diözese Alqosh; Petros Hanna al-Harboli, Zakho; Rabban Al-Qas, Amadia), die mit der österreichischen Delegation zusammentreffen.
Wohlmeinende Stimmen im Westen - darunter viele kirchliche - fordern die Öffnung ihrer Staaten für Flüchtlinge aus dem Irak. Erzbischof Sako registriert auch dies mit gemischten Gefühlen, wie er sagt. Finden verfolgte Christen Aufnahme, diene gerade dies wiederum als Argument für ihre Vertreibung: "Geht doch nach Deutschland, nach Skandinavien, in die USA, dort nehmen sie euch auf...!" Nur relativ wenige könnten durch ihre Verstrickung mit dem früheren Regime der Baath-Partei nicht zurück in ihre Heimat. Sako zeigt auch über die Bildung chaldäischer Gemeinden in westlichen Ländern keine Begeisterung. "Die Zukunft der chaldäischen Kirche muss im Irak liegen", ist er überzeugt. Eine strikte Trennung zwischen der islamischen Welt und dem Westen werde nur gegenseitige Feindbilder verstärken. Es brauche Vermittler wie die Christen des Orients, die seit mehr als 1.000 Jahren Experten des interreligiösen Dialogs sind.
Hilfe aus Österreich
In gut einem Dutzend Ortschaften überbringen Weihbischof Franz Scharl sowie Caritas-Auslandshilfe-Chef Christoph Petrik-Schweifer, KOO-Geschäftsführer Heinz Hödl und Prof. Hans Hollerweger die Solidaritätsgrüße der Katholiken in Österreich. Es geht auf schlaglochreichen Straßen in Orte, die teils lange bestanden, bevor sie im Zuge des Kurdenfeldzuges und der Arabisierungspolitik Saddam Husseins dem Erdboden gleichgemacht und die Bewohner vertrieben wurden. Mit dem Geld der kurdischen Regierung wiederaufgebaut, siedelten sich viele z.B. aus Bagdad vertriebene Familien wieder hier in ihrer ursprünglichen Heimat an. Die kurdisch kontrollierte Region hat insgesamt rund fünf Millionen Einwohner, davon sind wahrscheinlich 500.000 Christen. Der Wechsel vom großstädtischen zum bäuerlichen Leben macht den Älteren weniger Probleme als den mit Getreideanbau und Schafzucht nicht vertrauten Jungen. Zudem sind die Transportwege der Schüler in die größeren Orte mit ausreichendem Bildungsangebot beschwerlich und für viele auch nicht erschwinglich.
Hilfe mit Schafen und Bienen
Diese und andere gravierende Probleme wie Wassermangel in dem kargen Land oder Arbeitslosigkeit versuchen die von Prof. Hollerweger gegründete "Initiative Christlicher Orient" (ICO) und ihr örtlicher Kooperationspartner, die Hilfsorganisation "Addai" (benannt nach dem Heiligen Thaddäus, dem Apostel Mesopotamiens), zu lindern. "Abuna Hans", wie der emeritierte Linzer Liturgiewissenschaftler hier respektvoll genannt wird, ist nach bereits vier Reisen in die Region bestens bekannt und Adressat vieler konkreter Bitten der Dorfbewohner. 65.000 Euro haben Hollerweger und seine ICO-Mitarbeiter heuer bereits für den Nordirak gesammelt, zahlreiche Hilfsprojekte damit finanziert. Schafe wurden angekauft, ebenso Bienenstöcke, ersehnt werden Traktoren, Kleinbusse, Wasserleitungen und -aufbereitungsanlagen, aber auch Kindergartenbedarf und Sportplätze für die Jugend.
Auch der Bischof aus dem fernen Wien ist Adressat von Wünschen. "Ich bin nicht Bill Gates", muss Franz Scharl einmal entschuldigend klarstellen. Er verteilt Mitbringsel, die als Zeichen der Verbundenheit aller Christen geschätzt werden.
Ein Bischof, der pflügt und veredelt
Im Dorf Inishky trifft die Reisegruppe auf Rabban Al-Qas, den Bischof von Amadia. Auch hier zahlreiche Flüchtlingsfamilien, die über wachsenden islamischen Fanatismus klagen. Und auch hier Sorgen wegen der agrarischen Eigenversorgung. Noch vor wenigen Jahren habe es hier blühende Obstplantagen gegeben, erzählt der Ortspriester. Jetzt liegen sie brach, jetzt würden lieber Geschäfte mit türkischen und syrischen Früchten gemacht, die die heimischen an Qualität zwar nicht überträfen, "aber die Taschen gewisser Leute besser füllen". Auf der Fahrt nach Komane, seinem Heimatdorf, wo die kurdische Regierung gerade einen riesigen Kirchenbau in die wildromantische Landschaft stellt, berichtet Bischof Rabban schmunzelnd über seine Anfänge als landwirtschaftlich ausgebildeter Priester, der den Leuten beim Pflügen, Säen oder Veredeln selbst zur Seite gestanden sei. Jetzt setzt sich der agile, drahtige Endfünfziger für ein Aufforstungsprojekt mit schnell wachsenden Paulownia-Bäumen aus China ein.
Schule soll Brücken in bessere Zukunft bauen
Sein Lieblingsprojekt ist allerdings die von ihm gegründete "International High School" in Dahuk, in der hochbegabte Schüler seit 2004 ungeachtet ihrer Religion und ethnischen Herkunft in fünf Sprachen unterrichtet werden: neben den Landessprachen Kurdisch, Arabisch und Aramäisch auch Englisch und Französisch. Muslime, Christen und auch Jeziden - Angehörige einer kurdischen monotheistischen Region - sollen von klein auf kulturelle Vielfalt erleben und so zu einer neuen Generation heranwachsen, die den Hass überwindet, erklärt Bischof Rabban die Philosophie der Modellschule. Bei der Besichtigung der Schule zeigt der Bischof stolz ein Handshake-Foto mit Fürst Albert von Monaco, der das Projekt mit Hilfe der monegassischen NGO "Mission Enfance" finanziell unterstützt.
Schulleiter ist mit Abdul Wahid A. Atrushi ein Moslem, der - wie er den österreichischen Gästen sagt - bei der Aufnahme der Schüler nie nach Religion und Herkunft fragt, sondern nur nach der Begabung. Religionsunterricht wird nicht erteilt, die Schüler nehmen aber laut Atrushi Anteil am kulturellen Hintergrund der anderen und laden einander z. B. zu religiösen Festen ein. "Für Religionskonflikte ist bei uns kein Platz", so der kurdische Pädagoge, der als gläubiger Muslim im besten Einvernehmen mit den Christen des Landes steht.
Auch Bischof Rabban Al-Qas setzt auf langjährigen Vertrauensaufbau gegenüber den Muslimen. Etliche Male hat er kranke Muslime in seinem Dorf besucht, und als er nach einem schweren Autounfall selbst im Krankenhaus lag, hätten sich die Bediensteten gewundert, dass unter seinen Besuchern mehr Muslime als Christen waren. Der bescheiden lebende Bischof will am Leben der einfachen Menschen Anteil nahmen und ist - wie er betont - in seiner gebirgigen Diözese Amadia tief verwurzelt, in der sich kurdische PKK-Kämpfer und die türkische Armee regelmäßig heiße Gefechte liefern.
Shlama - Salam - Shalom
Letzte Station der Reise ist das neue Priesterseminar von Arbil, in dem 28 Alumnen aus dem ganzen Irak eine komfortable, mit dem Geld der kurdischen Regierung gebaute Ausbildungs- und Wohnstätte haben. Fürchten sich die jungen Männer nicht, in einer so gefährlichen Situation für Christen Priester zu werden? "Nein", antwortet Rektor Bashar Warda, "sie haben einen festen Glauben und einen guten Charakter". Im Vorjahr machten sie in den Ferien Praktika in christlichen Dörfern im Nordirak, heuer absolvierten sie ohne Zaudern Einsätze auf heißen Pflastern wie Bagdad oder Basra. Mehr Probleme als die äußeren Anfeindungen macht den angehenden Priestern - so Warda - die innere Schwäche der chaldäisch-katholischen Kirche. Es gebe Uneinigkeit unter den Bischöfen, manche redeten gegenüber den politischen Autoritäten anders als untereinander. Unverblümt sagt der Rektor, der chaldäische Patriarch in Bagdad, Kardinal Emmanuel III. Delly, sei mit seinen 81 Jahren zu alt und zu weit weg, um als Integrationsfigur zu fungieren.
De-facto-Leitfigur der chaldäischen Kirche ist längst Erzbischof Sako geworden. Mit ihm als dem Koordinator der Solidaritätsreise trifft die Delegation zum Abschiedsmahl im Priesterseminar noch einmal zusammen. Er bittet die Gäste aus Österreich um ihre Hilfe, damit den Christen im Irak ein sicheres Existenzrecht und eine gute Zukunft beschieden ist.
"Schlama alochim" - der aramäische Friedensgruß, der in den Gottesdiensten auf der Reise immer wieder zu hören war, klingt zum Abschied wieder im Ohr: "Der Friede sei mit euch". Ganz ähnlich wie in der Sprache Jesu Christi heißt es im Arabischen "Salam aleikum", im Hebräischen "Shalom aleichem". Dieser Gleichklang macht die tiefe Verbindung der abrahamitischen Religionen bewusst, die an denselben Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben. Er verweist aber auch darauf, dass die Christen in der Urheimat Abrahams ein Lebensrecht als gleichberechtigte Bürger haben.