Papst: Schöpfungslehre nicht Gegensatz zur Wissenschaft
Kardinal Christoph Schönborn, gab vor der Päpstlichen Akademie einen vielbeachteten Überblick über die Stellungnahmen Benedikts XVI. zum Thema "Schöpfung und Evolution"
| Image (img2) invalid or missing |
Kardinal Schönborn und Papst Benedikt XVI. (Papstbesuch in Österreich, 2007) |
Das diesjährige Thema der Akademie-Vollversammlung ("Wissenschaftliche Einsichten in die Evolution von Universum und Leben") sei von großer Aktualität, sagte der Papst. Gerade heute würden viele Menschen über die letzten Ursprünge des Seins, über Ursache und Ziel, und über die Bedeutung der menschlichen Geschichte wie der des Universums nachdenken.
In dem Zusammenhang stelle sich die Frage nach der Beziehung von wissenschaftlicher Deutung der Welt und Deutung auf den Grundlagen der Offenbarung. "Wissenschaftliche Wahrheit ist selbst Teil der göttlichen Wahrheit und kann so der Philosophie und Theologie zu einem besseren Verständnis der menschlichen Person und der göttlichen Offenbarung über den Menschen helfen", zitierte der Papst seinen Vorgänger Johannes Paul II. Diese Offenbarung habe in Jesus Christus ihre Vollendung und Vollkommenheit erreicht. Für diese gegenseitige Bereicherung bei der Suche nach der Wahrheit und dem Wohlergehen der Menschheit sei er - zusammen mit der ganzen Kirche - zutiefst dankbar, so der Papst.
Kosmos, nicht Chaos
Die Natur sei wie ein Buch, das Gott schreibt, betonte der Papst unter Hinweis auf Galileo Galilei. Dieses Buch sei "entzifferbar". Die Welt sei als geordneter Kosmos zu verstehen, nicht als Produkt des Chaos. Trotz irrationaler, chaotischer und zerstörerischer Elemente im Veränderungsprozess des Kosmos sei die Materie "erkennbar", sie habe eineinnere "Mathematik".
Auf den ersten Blick erschließe sich die Harmonie oft nicht, aber es gebe ein breites Spektrum von "erkennbaren Ereignissen", der Entwicklungsprozess sei zweckgerichtet: In der anorganischen Welt zwischen Mikro- und Makrostruktur, in der organischen Welt zwischen Struktur und Funktion und in
| Image (img3) invalid or missing |
"Respekt vor dem Glauben"
Die Gespräche der Vollversammlung werden vom italienischen Physiker Nicola Cabibbo und dem Schweizer Genetiker und Nobelpreisträger Werner Arber geleitet. Im Gespräch mit "Radio Vatikan" sagte Arber: "Die große Mehrheit der Naturwissenschaftler ist sich bewusst, dass es naturwissenschaftlich nicht möglich ist, Gott zu beweisen. Das ist auch nicht das Thema unserer Vollversammlung. Dennoch möchte ich betonen, dass wir Wissenschaftler Respekt vor dem Glauben haben. Denn der Glaube spielt eine wichtige Rolle in unserem menschlichen Leben. Wissenschaft und Glaube sind dennoch zwei verschiedene Welten. Es ist aber wichtig, dass wir uns nicht gegenseitig bekämpfen, sondern miteinander unser Verständnis über den Sinn des Lebens besprechen".
Arber betonte, dass eine gute Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaften und Theologie möglich sei. Wörtlich sagte der Genetiker: "Ich bin als Nichtkatholik von der Zusammenarbeit mit dem Vatikan sehr beeindruckt. Es gibt viele Nichtkatholiken in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Auch ist es sehr bemerkenswert, dass wir Mitglieder aus allen Kontinenten haben. Und was mich sehr freut, ist die Tatsache, dass auch viele Frauen dabei sind. Das ist ein wichtiges Zeichen und scheint mir für den Vatikan sehr zukunftsbezogen zu sein".
"Finding design in nature"
Kardinal Schönborn ging vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften noch einmal auf seine eigenen Ausführungen über "Schöpfung und Evolution" ein. Ausgangspunkt war sein Gastkommentar "Finding design in nature" in der "New York Times" im Jahr 2005, der ihm den Vorwurf einbrachte, Anhänger der "Intelligent Design"-Schule zu sein. Diesen Vorwurf wies der Wiener Erzbischof nun mit dem Hinweis zurück, diese Schule stelle zwar "die richtige Frage", indem sie fragt, woher das "evidente design in der Natur" komme; sie begehe jedoch einen "methodischen Fehler", wenn sie versuche, mit naturwissenschaftlicher Methodik auf diese Frage eine Antwort zu finden. Kardinal Schönborn wörtlich: "Nicht die naturwissenschaftlich arbeitende Forschung findet das design in der Natur. Wohl aber der über seine Forschung nachdenkende Mensch, der sich fragt, was es bedeutet, dass die Materie ihm 'vernünftig' auf seine Fragen antwortet, und der darüber nachsinnt, warum seine Vernunft diese Antworten vernehmen kann".
Dass Benedikt XVI. intensiv über das Thema "Schöpfung und Evolution" nachdenke, hänge mit der Frage nach dem Wesen der Vernunft zusammen, betonte Kardinal Schönborn. Es sei für den Papst nämlich "die entscheidende Frage", "ob am Anfang der Logos oder die Un-Vernunft steht".
Einen Markstein stelle dabei die "Regensburger Vorlesung" des Papstes im Jahr 2006 dar. In dieser stand nicht etwa die Frage des Islam im Zentrum der Erörterungen, sondern vielmehr die Frage nach den Grenzen der modernen naturwissenschaftlichen Vernunft. Der Papst sei überzeugt, dass die Strömungen des Nominalismus (die Verabsolutierung der Transzendenz Gottes) sowie die Reformation Glaube und Vernunft entkoppelt und somit eine Engführung des Vernunftbegriffs auf die bloße naturwissenschaftliche Vernunft befördert hätten, erinnerte der Wiener Erzbischof. Der Papst habe auf diese Gefahr stets hingewiesen und auch in Regensburg eine "Selbstkritik der Vernunft" und eine "Ausweitung von Vernunftbegriff und -gebrauchs" eingemahnt.
Einen weiteren Markstein des päpstlichen Nachdenkens über "Schöpfung und Evolution" stelle das Treffen des "Schülerkreises" Benedikts XVI. im Jahr 2006 dar, das ebenfalls diesem Thema gewidmet war. Dabei habe der Papst eine klare Abgrenzung gegen jede Form des "Kreationismus" und die prinzipielle Offenheit des Glaubens für naturwissenschaftliche Erkenntnisse formuliert. Es liege allerdings an der Religion, darauf hinzuweisen, dass die bloße Naturwissenschaft dazu tendiere, "uns Dimensionen der Vernunft wegzunehmen, die wir weiterhin brauchen", zitierte Kardinal Schönborn aus einem Statement Benedikts XVI. beim Treffen des "Schülerkreises" in Castel Gandolfo 2006.
Wissenschaftlicher und religiöser Fundamentalismus
| Image (img4) invalid or missing |
Charles Darwin |
Zugleich könne diese Synthese von Glauben und Vernunft helfen, dem "Totalitätsanspruch des Erklärungsmodells 'Evolution'" entgegenzutreten. Als vermittelnde Instanz müsse dabei die Philosophie einspringen, so Kardinal Schönborn, da sie es vermag, "Grenzen der naturwissenschaftlichen Methoden und ihrer Reichweite zu formulieren, um Grenzüberschreitungen aufzudecken, um Verengungen des Vernunftbegriffs zu öffnen". Notwendig sei daher eine "gute Philosophie der Natur", um sowohl einen religiösen als auch einen wissenschaftlichen "Fundamentalismus zu vermeiden", so Kardinal Schönborn.
Linktipp: