Kirchliches Gedenken an Novemberpogrome von 1938
In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 wurden in der "Reichskristallnacht" im deutschen Machtbereich zahlreiche jüdische Menschen getötet, Synagogen angezündet
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Die Nazis ermordeten 65.000 österreichische Juden |
Wien, 3.11.08 (KAP) Zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome des Jahres 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Wien veranstalten auch heuer wieder mehrere kirchliche und jüdische Organisationen gemeinsam vom 3. bis 12. November die Bedenkwoche "Mechaye Hametim " (Der die Toten auferweckt).
In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, die noch immer unter dem Nazi-Ausdruck "Reichskristallnacht" bekannt ist, wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte zerstört und jüdische Wohnungen verwüstet. Zahlreiche jüdische Menschen wurden getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden am 10. November 1938 insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört.
Ökumenischer Gottesdienst
Österreichweit finden angesichts der Ereignisse von vor 70 Jahren zahlreiche Veranstaltungen statt, in denen u.a. auch die kirchliche Mitschuld am Antisemitismus thematisiert wird. Im Zentrum der
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Mahnmal am Wr. Judenplatz zur Erinnerung an Ermordeten |
Am Dienstag, 4. November, veranstaltet das Wiener Kardinal König-Haus ein Kurzsymposion zum kirchlichen Antisemitismus von 1880 bis 1938 (Beginn 17.30 Uhr). Das Symposium will das Phänomen des kirchlichen Antisemitismus wahrnehmen, an ausgewählten Biografien die Vielschichtigkeit dieser Grundhaltung sichtbar machen und sich der Frage stellen, wie die Kirchen heute mit diesem Thema umgehen können. (Information und Anmeldung: Tel. 01/ 8047593)
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Wiener Leopoldstädter Tempel, zerstört bei Novemberpogromen |
Ebenfalls am 9. November (11 Uhr) lädt das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung zu einer Führung zu den zerstörten Synagogen im zweiten Wiener Bezirk. (Information und Anmeldung: Tel.: 01/2161962)
"Verborgene Seiten" des Stephansdoms
Auf die "verborgenen Seiten" des Wiener Stephansdoms will die Wiener Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl hinweisen. Im Rahmen einer Sonderführung am 5. November (Beginn: 18.30 Uhr) durch den Dom lädt sie zu einer Spurensuche nach Zeugnissen des katholischen Antijudaismus im und rund um den Dom. (Information und Anmeldung: Theologische Kurse Wien, Tel.: 01/51552-3708)
"Zeit zur Umkehr"
Im Rahmen eines Symposions und einer Podiumsdiskussion hat sich die evangelische Kirche in Österreich bereits in der Vorwoche mit ihrem Verhältnis zum Judentum auseinandergesetzt. Dabei stand u.a die Erklärung "Zeit zur Umkehr" im Mittelpunkt, die 1998 von der Generalsynode der Evangelischen Kirchen AB und HB in Österreich beschlossen wurde. In der Erklärung bekennen die Evangelischen Kirchen ihre Mitschuld am Holocaust. "Mit Scham stellen wir fest, dass sich unsere Kirchen für das Schicksal der Juden und ungezählter anderer Verfolgter unempfindlich zeigten", heißt es etwa in dem Text.
Getragen wird die Gedenkwoche "Mechaje Hametim" von der Wiener Gemeinde St. Ruprecht, der Evangelischen Akademie Wien, der Evangelischen Hochschulgemeinde Wien und der Wochenzeitung "Die Furche". Weiters beteiligen sich das Kardinal-König-Haus Wien, der Katholische Akademikerverband Wien, die Katholische Aktion Österreich, das Jüdisches Institut für
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Kirche St. Ruprecht |
Eine vollständige Veranstaltungsübersicht und Programmdetails finden sich im Internet auf der Homepage des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit: "www.christenundjuden.org".
Respektvolle Wahrnehmung des Judentums
Auch in anderen Diözesen wird der Novemberpogrome von 1938 gedacht. So erinnert etwa die Katholische Kirche in Oberösterreich mit einem von der Katholischen Aktion (KA) organisierten Gottesdienst am 9. November um 9.30 Uhr in der Pfarre Marcel Callo (Linz-Auwiesen) an die schrecklichen Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die KA sieht in dem Gottesdienst auch einen Beitrag zur Überwindung der teilweise noch heute vorherrschenden "christlichen Judenfeindschaft" hin zu einer respektvollen Wahrnehmung des Judentums.
In Graz lädt das Ökumenische Forum christlicher Kirchen in der Steiermark am Sonntag, 9. November, um 19.15 Uhr zur Besinnung und zum Gedenken in die katholische Stadtpfarrkirche ein. Im Anschluss daran findet ein Schweigemarsch mit Kerzen von der Herrengasse zur Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde statt.
Die Kinderoper Brundibar ("Die Hummel") wird am Mittwoch, 5. November, um 19 Uhr im Albert Schweizer Haus (Schwarzspanierstr. 13, 1090) aufgeführt. Die Oper wurde 1941 im jüdischen Kinderheim in Prag uraufgeführt und dann im KZ Theresienstadt 55 Mal gespielt. Die weibliche Hauptrolle der Aninka sang in Theresienstadt die gebürtige Wienerin Greta Klingsberg. Anders als ihre Schwester, der Komponist Hans Krasa und fast alle Ausführenden überlebte sie die Hölle von Auschwitz. Heute lebt sie in Jerusalem und wird nach der Aufführung ihre bewegende Geschichte erzählen.
Alei Gefen Chorus Tel Aviv
Während der Gedenkwoche wird auch der Alei Gefen Chorus Tel Aviv in Wien einige Konzerte geben. Der Chor wurde von Kardinal Christoph Schönborn in Kooperation mit dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach Wien eingeladen. Die Einladung soll ein Zeichen der Verbundenheit sowohl mit dem Judentum und seiner Kultur sowie zum Staat Israel im Gedenkjahr 2008 sein. Drei Konzerte werden mit Chorwerken christlicher (Tschaikowsky, Schubert, Mendelssohn-Bartholdy, Rutter) und jüdischer Komponisten (Cantor David Grosz, Louis Lewandowski) gestaltet. (9. November, 19 Uhr, Liberale jüdische Gemeinde Or Chadasch, Wien 2. Robertgasse 2; 10. November, 19 Uhr, Ruprechtskirche, Wien 1; 11. November, 19 Uhr, Reformierte Stadtkirche, Dorotheergasse, Wien 1.)
Vom 7. bis 23. November ist in Villach die Ausstellung "Ecclesia und Synagoga" in der evangelischen Auferstehungskirche Villach-Nord (Adalbert-Stifter-Straße 21) zu sehen. Ecclesia und Synagoga sind zwei Frauengestalten, die in der christlichen Ikonographie das Christentum und das Judentum darstellen. In Darstellungen seit dem frühen Mittelalter triumphiert Ecclesia, Synagoga wird gedemütigt, verspottet, ja sogar vernichtet. Die Bilder in den heiligen Räumen sollen symbolisch zum Ausdruck bringen, was vor der Kirchentür real geschah.
In Wien referiert dazu am Mittwoch, 12. November, um 18.30 Uhr, der evangelische Theologe Prof. Wolfgang Wischmeyer in den Räumlichkeiten der Theologischen Kurse (Stephansplat 3, 1010 Wien).
Der Katholische Akademikerverband lädt am Donnerstag, 7. November, um 19 Uhr zur Lesung "Berta Camilla von Hartlieb: Abschied von einer Jüdin aus Wien." Der Dichter Wladimir Freiherr von Hartlieb (1887-1951) wusste zunächst nicht, dass seine Frau Berta Camilla Jüdin war. Er trennte sich von ihr und verlor sie: Sie starb 1944 im KZ Theresienstadt. Erst allmählich registrierte Hartlieb die Grausamkeit des Regimes, wurde sich seiner Mitschuld bewusst und setzte der geliebten Frau ein Epos als Denkmal. (Otto-Mauer-Zentrum, Wien 9., Währinger Strasse 2-4.)
Gedenken in Innsbruck
In mehreren Veranstaltungen wird auch in Tirol am 9. November der Opfer der Pogromnacht gedacht. Um 18.30 Uhr werden in Innsbruck die Glocken der Kirchen läuten. In der Tiroler Landeshauptstadt verlief diese Nacht brutal wie kaum sonst wo: Drei Juden wurden ermordet, ein vierter erlag zweieinhalb Monate später seinen Verletzungen; zahlreiche Juden wurden verwundet und gedemütigte, die Innsbrucker Synagoge, Wohnungen und Geschäfte zerstört. Die Pogromnacht bedeutete zudem das Ende der kleinen jüdischen Gemeinde in Tirol.
Um 19.15 Uhr findet am 9. November in der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck die Gedenkveranstaltung "70 Jahre Pogromnacht" statt, zu der die Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg und das Tiroler Komitee für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit einladen. Die Festansprache wird Innsbrucks Alt-Bischof Reinhold Stecher halten.
Unmittelbar vor der Gedenkveranstaltung findet um 18 Uhr ein Totengebet (Kaddisch) beim jüdischen Mahnmal (Menorah) am Landhausplatz statt, zu dem die Kultusgemeinde einlädt.
Davor organisiert ab 16.15 Uhr die Ökumenische Landesgruppe Tirol der Friedensorganisation "Pax Christi" einen besinnlichen Gang durch die Stadt. Auf einem "Besinnungsweg" werden die Teilnehmer Innsbrucker Plätze aufsuchen, wo in der Pogromnacht Juden überfallen und ermordet wurden. Der Gang endet mit der Teilnahme am jüdischen Totengebet.
Dem Gedenken an die Reichspogromnacht sind auch ein Gottesdienst und ein Schweigemarsch gewidmet, den die Katholische Universitätspfarre Innsbruck und die Österreichische Hochschülerschaft veranstalten. Der Gottesdienst in der Universitätskirche St. Johannes am Innrain beginnt um 19 Uhr, der anschließende Schweigemarsch führt zum Christoph-Propst-Platz beim Universitäts-Hauptgebäude.
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Oberrabiner Paul Chaim Eisenberg |