Bischöfe rufen zu nachhaltigem Lebensstil auf
Kardinal Schönborn mahnt bei Pressekonferenz, Österreich brauche eine tatkräftige Regierung. Bischöfe sprechen sich für Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag und zum Dialog mit dem Islam auf
Image (img1) invalid or missing
|
Mit Sorge kommentieren die Bischöfe in ihrem "Wort" die aktuelle politische Situation. Das Wahlergebnis sei auch Ausdruck einer Enttäuschung darüber, dass eine breite Regierungskoalition nicht zu gemeinsamen Lösungen gefunden habe. Die Bürger in einer demokratischen Gesellschaft würden zu Recht erwarten, dass die gewählten politischen Verantwortungsträger mit Blick auf das Gemeinwohl die anstehenden Probleme tatkräftig zu lösen versuchten. In weiten Teilen der Bevölkerung sei daher eine resignative Grundstimmung zu spüren, die die Fundamente der Demokratie ernsthaft gefährden kann, warnen die Bischöfe. Freilich müssten sich auch die Bürger fragen: "Was tue ich für die Republik?" und nicht nur "Was tut die Republik für mich?"
Vor diesem Hintergrund danken die Bischöfe allen, "die sich in der Politik für den Dienst am Gemeinwesen engagieren". Zugleich rufen sie die katholischen Laien dazu auf, aus christlicher Überzeugung heraus politische Verantwortung zu übernehmen.
Anstehende Probleme lösen
Die Bischöfe führen in ihrer Erklärung eine Reihe von anstehenden konkreten Probleme an: Die Einführung der bedarfsorientierten Existenzsicherung, die Lösung des Pflegeproblems, die verstärkte Befassung mit Fragen der Integration und die Vorbereitung einer Steuerreform, die keine neue Schuldenlast nach sich zieht. Weiters gehe es um ein unbedingtes "Ja zum Leben" in allen Phasen sowie die verstärkte materielle und immaterielle Unterstützung von Ehe und Familie als dauerhafte Gemeinschaft von Mann und Frau, die für Kinder offen ist. Eine große Aufgaben sei auch die Förderung ganzheitlicher Bildungskonzepte unter Einbeziehung der religiös-ethischen Dimension, der Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Armut, der Einsatz für die europäische Integration, für die internationale Solidarität und für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung.
Unverzichtbar bleibe zudem der Einsatz für die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, besonders auch der Rechtes auf Leben, auf Religionsfreiheit und auf Asyl. Gerade in diesem Bereich müsse sich Österreich nun besonders engagieren, nachdem es künftig Mitglied des UN-Sicherheitsrates sei, forderte Schönborn.
Als "beschähmend" bezeichnete der Vorsitzende der Bischofskonferenz die Tatsache, dass kirchliche Forderungen im Bereich des Lebensschutzes und der Entwicklungszusammenarbeit seit Beginn der siebziger Jahre von allen Regierungen zwar oft versprochen, aber nie verwirklicht wurden. Konkret nannte der Kardinal die Umsetzung der "flankierenden Maßnahmen" zur Fristenregelung und das UN-Milleniumsziel, das davon ausgeht, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit zu widmen.
An den Anfang ihres Wortes "zur aktuellen Situation in Kirche und Gesellschaft" stellten die Bischöfe einen Hinweis auf ein doppeltes Gedenken: Am 9. November jähre sich zum 70. Mal die nationalsozialistische Pogromnacht, als auch in Österreich "die jüdischen Gotteshäuser in Flammen aufgingen und jüdische Menschen gedemütigt, beraubt, ja getötet wurden". Für die Christen sei dieser Tag ein Anlass zu Beschämung und Trauer, aber auch zum Gebet.
Am 12. November jähre sich zum 90. Mal der Tag, an dem die Erste Republik ausgerufen wurde. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs hätten sich mit diesem Tag große Hoffnungen auf eine gerechtere Gesellschaft verbunden. Nach den vorgezogenen Wahlen vom 28. September stelle sich heute - 90 Jahre später - die Frage, wie es mit der Republik weitergehen soll, "wie in einer Zeit zunehmender wirtschaftlicher Schwierigkeiten das Gemeinwohl zu wahren ist".
Arbeitsfreier Sonntag
Ausdrücklich mahnen die österreichischen Bischöfe den verstärkten Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag ein. Dies ermögliche nicht nur die Feier des Gottesdienstes, sondern auch das gemeinschaftliche Familienleben. Auf diese Weise werde wesentlich zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beigetragen. Angesichts der stetigen Flexibilisierung der Arbeitszeit sei der arbeitsfreie Sonntag auch ein unverzichtbarer Beitrag zum Schutz der körperlichen und geistigen Gesundheit der Arbeitenden.
Es sei paradox, so Kardinal Schönborn bei der Pressekonferenz, wenn es immer mehr Bemühungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt und zugleich der arbeitsfreie Sonntag immer weiter ausgehöhlt werde.
Die Bischöfe unterstützen alle Bestrebungen, den arbeitsfreien Sonntag in der aktuell diskutierten Arbeitszeitrichtlinie der Europäischen Union zu verankern. Sie appellieren an die Europaparlamentarier, die Initiative von Abgeordneten für die Verankerung des Sonntags als wöchentlicher Ruhetag in der Richtlinie zu unterstützen. Die Abstimmung im Europaparlament soll am 17. Dezember erfolgen.
"Islamische Mitbewohner"
Ausführlich beschäftigten sich die Bischöfe bei ihrer Herbsttagung auch mit dem Islam. "Die Präsenz von islamischen Mitbewohnern hat in manchen Gebieten Österreichs zu Ängsten vor einer Destabilisierung geführt", halten sie in ihrer Erklärung fest. Viele dieser Menschen - beziehungsweise ihre Vorfahren - seien aber ab den sechziger Jahren Jahren ausdrücklich als "Gastarbeiter" nach Österreich eingeladen worden und hätten zum Aufschwung Österreichs beigetragen, rufen die Bischöfe in Erinnerung. Sie plädieren für ein "erhofftes Miteinander", das Anstrengungen von beiden Seiten brauche.
Kardinal Schönborn nahm in diesem Zusammenhang auf Anfrage zum Kruzifix-Streit in einigen Kindergärten in Österreich Stellung. Zum einen gebe es in den meisten Bundesländern klare gesetzliche Regelungen, wonach in Schulräumen mit mehrheitlich christlichen Schülern Kreuze anzubringen sind. Zum anderen sei es bedauerlich, dass in einigen Bundesländern in Kindergärten jegliche religiöse Symbole und Feiern verboten wurden. Das trage nicht zu gegenseitiger Toleranz bei, denn tolerant könne nur sein, wer um seine eigene religiöse und kulturelle Identität Bescheid wisse, so Schönborn.
Sorge um Christen im Irak
Die österreichischen Bischöfe rufen zur Solidarität mit den bedrängten Christen im Irak auf. Diese Solidarität müsse sich in dreifacher Richtung entfalten: Im Gebet, aber auch durch moralisch-politische und materielle Unterstützung. Kardinal Schönborn verwies auf die jüngste Solidaritätsreise von Weihbischof Franz Scharl, der mit einer kleinen Delegation den Nordirak bereist hat. Wörtlich heißt es in der Erklärung der Bischöfe: "Angesichts der bedrängenden Nachrichten aus dem Irak ist es nicht möglich, zur Tagesordnung überzugehen; das Leid der Christen, aber auch der Angehörigen anderer religiösen Minderheiten und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung darf niemanden kalt lassen". Die internationale Gemeinschaft müsse dafür sorgen, dass die Christen "wie alle anderen Bürger" in Mossul und im ganzen Irak wieder sicher leben können.
In der Erklärung der Bischöfe wird darauf verwiesen, dass das Christentum seit 2.000 Jahren im Zweistromland präsent ist. Große Theologen, Kirchenväter, Glaubenszeugen seien aus dieser christlichen Gemeinschaft hervorgegangen. Die Christen im Westen verdankten ihren "zu Unrecht vergessenen Glaubensgeschwistern im Orient" ungeheuer viel. Mit dem Einsatz für die verfolgten Christen von heute könne ein Teil dieser Dankesschuld abgetragen werden.
Kardinal Schönborn sagte bei der Pressekonferenz, dass die Bischöfe im Hinblick auf die Situation der Christen im Irak auch an die österreichische Politik herantreten werden. Der italienische Senat habe vor wenigen Tagen einstimmig eine sehr eindrucksvolle Resolution gegen die Christenverfolgungen in vielen Ländern, vor allem im Irak, verabschiedet. Diese Vorgangsweise solle auch andere Parlamente inspirieren.
Zugleich verwies der Vorsitzende der Bischofskonferenz darauf, dass es für die bedrängten und verfolgten Christen in Indien eine Initiative der Päpstlichen Missionswerke in Österreich gibt.
"Dialog für Österreich"
In ihrer Erklärung nehmen die Bischöfe ausdrücklich auf den "Dialog für Österreich" Bezug, dessen Salzburger Delegiertenversammlung sich zum zehnten Mal gejährt. Wörtlich schreiben die Bischöfe: "Nicht alle Erwartungen konnten erfüllt werden. Schwächen und Mängel sind aufgetreten, die wir Bischöfe mit vielen anderen sehr bedauern. Freilich muss auch betont werden, dass manche Erwartungen nicht erfüllbar waren, weil sonst der Lebenszusammenhang mit der Weltkirche verloren gegangen wäre".
Es dürfe aber auch nicht übersehen werden, dass Impulse der Delegiertenversammlung auch umgesetzt wurden. Als Früchte des Dialogs weisen die Bischöfe insbesondere auf die "Allianz für den Sonntag" und auf das ökumenische "Sozialwort der Kirchen" hin. Beide Initiativen seien weit über die Grenzen Österreichs hinaus gesellschaftlich wirksam geworden.
Weiters gebe es seit zehn Jahren regelmäßig geführte Gespräche zwischen Bischöfen und Verantwortlichen der Katholischen Frauenbewegung. Auch die Wurzeln der vielbeachteten Jugendsozialaktion "72 Stunden ohne Kompromiss" würden in der Salzburger Delegiertenversammlung liegen.
Von Salzburg führe auch eine direkte Linie zum "Mitteleuropäischen Katholikentag" 2004, der "wetterfeste Christen" aus acht Ländern in Mariazell zusammengeführt habe. Schließlich seien auch viele neue Initiativen in Verkündigung und Diakonie wie die "Stadtmission" oder die "Lange Nacht der Kirchen" im "Dialog für Österreich" begründet, führte Kardinal Schönborn aus.