Kyrill als neuer russisch-orthodoxer Patriarch inthronisiert
Am Gottesdienst nahmen auch Staatschef Medwedjew und Ministerpräsident Putin sowie der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, teil
Moskau, 1.2.09 (KAP) Der neue Moskauer Patriarch Kyrill I. wurde am Sonntag bei einem feierlichen Gottesdienst in der Erlöserkathedrale der russischen Hauptstadt in sein Amt eingeführt. An dem Gottesdienst nahmen auch Staatschef Dimitrij Medwedjew und Ministerpräsident Wladimir Putin sowie zahlreiche internationale Kirchenvertreter - unter ihnen der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, und der Generalsekretär des Weltkirchenrats, Pfarrer Samuel Kobia - teil. Kyrill I. war am Dienstag zum Nachfolger des im Dezember verstorbenen Patriarchen Aleksij II. gewählt worden. Die russisch-orthodoxe Kirche zählt mindestens 170 Millionen Gläubige. Sie ist heute eine Weltkirche. Vor allem ist sie in der Russischen Föderation, der Ukraine, Weißrussland, den baltischen Staaten, der Kasachischen Republik präsent. Nach dem Ende der Sowjetunion nahm das Patriarchat einen starken Aufschwung genommen. Die Zahl der Pfarren und Klöster stieg deutlich an, hat aber noch nicht den Stand von 1917 erreicht.
In seiner Dankesrede rief der neue Patriarch die orthodoxen Schwesterkirchen zur Einheit auf. Präsident Medwedjew sprach von einem "großen Ereignis im Leben der orthodoxen Völker". Er erwarte eine neue Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche in Russland.
Der neue Patriarch wurde als Wladimir Michailowitsch Gundjajew am 20. November 1946 in St. Petersburg geboren. Er war Schüler des ökumenisch orientierten Metropoliten Nikodim (Rotow) und arbeitete als russisch-orthodoxer Vertreter beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf. 1976 wurde er zum Bischof geweiht, 1989 übernahm Kyrill die Leitung des Außenamtes im Moskauer Patriarchat. Bei der Patriarchenwahl am Dienstag durch ein 711-köpfiges Landeskonzil erhielt er mehr als zwei Drittel der Stimmen.
Während westliche Kommentatoren immer wieder von Einflussnahme der Politik auf die russisch-orthodoxe Kirche sprechen, wird von Repräsentanten des Moskauer Patriarchats darauf verwiesen, dass in mitteleuropäischen Ländern wie Österreich und Deutschland das Verhältnis zwischen Staat und Kirche enger ist als in Russland - etwa im Hinblick auf Religionsunterricht oder Seelsorge bei Militär und Polizei, in Krankenhäusern und Gefängnissen. Von den Verhältnissen in den skandinavischen Staaten mit ihrem staatskirchlichen lutherischen System sei ganz zu schweigen.
Der Gottesdienst in der Erlöserkathedrale verriet zugleich viel von der Spiritualität, die die russisch-orthodoxe Kirche als eine ihrer Stärken in den ökumenischen Dialog einzubringen vermag. Drei Chöre sorgten für stimmungsvolle Gesänge in der überfüllten Kathedrale, die erst vor zehn Jahren wieder erstanden ist - auch das ein Zeichen für das Wiedererwachen des Glaubens in Russland. Stalin hatte den Vorgängerbau aus dem 19. Jahrhundert abreißen lassen.
Kyrill I. hat sich als wortgewandter Sohn eines Priesters als Vordenker des reformorientierten Kirchenflügels profiliert. Seine Publikationsliste umfasst weit mehr als 600 Titel. Die im Jahr 2000 verabschiedete Soziallehre der russisch-orthodoxen Kirche geht stark auf ihn zurück. Seit 1994 hat Kyrill eine eigene sonntägliche Fernsehsendung. Zum Kreml wahrte Kyrill stets eine gewisse Distanz.