Schönborn würdigt Kapellari als geistigen "Brückenbauer"
Graz, 23.5.06 (KAP) Als einen geistigen "Brückenbauer" mit dem Mut zum Widerstand gegen "billige Argumente" hat Kardinal Christoph Schönborn den Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari gewürdigt. Kapellari wurde am Dienstag die Ehrendoktorwürde der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz verliehen. In seiner Laudatio sagte Schönborn, Kapellari war und ist eine "Autorität", bei der die "Kraft des Arguments" und der "Anspruch der Qualität" zählten. Die heutige Zeit brauche solche Autoritäten "wie das Brot zum Leben", betonte der Wiener Erzbischof und Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz.
Er selbst habe Kapellari zunächst als "begnadeten Studentenseelsorger" erlebt, so Schönborn. Das Klima in der Grazer Hochschulgemeinde sei unter seiner Leitung vor allem niemals "banal" gewesen. Burschikose Anbiederung sei Kapellari völlig fremd, ja spürbar zuwider gewesen. Und er habe unübersehbar menschliche, geistige und geistliche Ansprüche erhoben. "Es konnte über alles diskutiert werden, aber nie schlampig, ohne Argumente, 'aus dem Bauch heraus', wie es schon bald zur Mode wurde", sagte Schönborn über Kapellaris Tätigkeit als Studentenseelsorger. In einer Zeit, die Autorität dem Generalverdacht des "Paternalismus" aussetzte, habe Kapellari "echte Autorität" vorgelegt, und nur diese ermögliche Wachstum und menschliches Reifen.
"Brücken auf festen Pfeilern"
Kennzeichnend für Kapellaris "geistige Lebendigkeit" sei nicht nur die Spannweite der Themen gewesen, die zur Sprache kamen, sondern ebenso der Mut, auf allzu Modisches, Aktualistisches und Zeitgeistiges zu verzichten. "Beides zeugt von Klarheit, zeigt Standpunkt", so der Kardinal. Die weiten "Brücken", die Kapellari zu schlagen wusste und wisse, basierten auf "festen Pfeilern". Jeder billigen Lösung, jeder vorschnellen Antwort, jedem nicht durchdachten Gerede sei Kapellari bis heute abhold. Auf diese Weise habe er den Studenten "oft die Latte hoch gelegt bzw. ihnen die zähe Resistenz des Anspruchs geboten".
Bischof Kapellaris Autorität entspringe zudem seinem "Interesse", also dem "unermüdlichen Ausschau halten nach dem, was Menschen bewegt, was sie denken, schaffen, ausdrücken". Die Dichter hätten dabei einen besonderen Platz. So sei Kapellaris Buch "Aber Bleibendes stiften die Dichter" ein beredtes Zeugnis für die "besondere Fähigkeit zum Hören der Herztöne der Dichter". Als "schier unerschöpflich" bezeichnete Schönborn auch die Kraftreserven seines Grazer Amtsbruders: "Sein Interesse an Dichtern, an Kunstwerken, wird stets übertroffen vom Interesse an den Menschen."
Gespräch als "Existenzform"
Das Gespräch sei für Kapellari fast seine "Existenzform". Zugleich zeichneten Kapellari die "Gabe des genauen, treffenden Wortes", die "Freude am geschliffenen Ausdruck" und "die unerschöpfliche Kreativität seiner Formulierkunst" aus. Dabei werde nie die Brücke zwischen Wort und Wahrheit abgebrochen, das Wort nie zum Wortspiel entmündigt. Dieser große Ernst im Umgang mit der Sprache hindere den Bischof nicht daran, seinen Sprachwitz aufblitzen zu lassen. Kardinal Schönborn wörtlich: "Wie oft habe ich bedauert, dass seine kurzen, typisch schnell und halbverschluckt ausgesprochenen Zwischenbemerkungen nicht notiert werden." Denn diese könnten "gut neben Karl Kraus und Nicolas Gomez Davila stehen, minus deren Bitterkeit, denn meist sind sie von liebevollem Humor", so Schönborn in seiner Laudatio.
Wider zeitgeistige Kirchenkritik
"Unerbittlich" in der Kritik jeglicher Form von Oberflächlichkeit sei Kapellari auch ein "unermüdlicher Einredner wider die zeitgeistige Kirchenkritik", würdigte der Kardinal den stellvertretenden Vorsitzenden der Bischofskonferenz und "Medienbischof". Unaufgeregt, aber ohne Scheu gehe Kapellari gegen das vor, was er bisweilen ironisch "die wohl erworbenen Vorurteile" nennt. Sie seien in medialen Äußerungen zur Kirche besonders häufig zu finden. Bischof Kapellari gehe es dabei nie um "Schönfärberei", sondern um "Sachlichkeit". Er wünsche sich "keine Hofberichterstattung", sondern Niveau und Kompetenz. Was er viele Jahre lang mit seinen Studenten praktiziert habe, übe der "Medienbischof" mit den Journalisten: nämlich "den Abscheu vor der Mittelmäßigkeit".
Die Behutsamkeit differenzierenden Denkens entspringe bei Bischof Kapellari nicht nur einer "begnadeten Geistesschärfe". Sie komme aus dem innersten Quellgrund seines Lebens und seiner Berufung, nämlich Jesus Christus. Hier liege auch die Quelle seiner oft unerschöpflich scheinenden Energie und Ausdauer, die Kraft zur "Geduld des Reifens" und zur Vergebung. Aus dieser Mitte heraus sei auch erklärbar, warum das Thema Liturgie im Werk und im Wirken von Bischof Kapellari so wesentlich ist, hob Schönborn hervor. Es gehe ihm "nicht einfach um Ästhetik und Symbolverständnis", um heilige Zeichen und heilige Handlungen. Es gehe ihm um die "Vergegenwärtigung Christi in Wort und Zeichen".
Interdisziplinäre Ausrichtung der Theologie
In seiner Dankesrede wertete Bischof Kapellari die Universität Graz als eines jener "Häuser", die ihn besonders geprägt haben. Sieben seiner neun Hochschuljahre habe er hier als Student zugebracht. Schon drei Semester nach Abschluss seines Studiums und einer Zeit als Kaplan in einer Grazer Pfarre sei er zum Grazer Hochschulseelsorger bestellt worden. 18 Jahre habe er von den Zentren der Hochschulgemeinde in der Leechgasse aus und später auch bei den Dominikanern in der Münzgrabenstraße unzählige Verbindungen zu den drei Grazer Hohen Schulen mittragen und mitgestalten können.
Die Begegnung mit Studierenden aller Studienrichtungen sei eine ständige theologische Herausforderung gewesen. Dabei habe sich gezeigt, wie wertvoll die grundsätzlich interdisziplinäre Ausrichtung von theologischer Forschung und Lehre ist. Kapellari: "Theologie hat erkenntnistheoretische, sprachwissenschaftliche, historische, ethische und ästhetische Dimensionen, die ein inneruniversitäres geistiges Netz wesentlich mittragen können."
Die Grazer Theologische Fakultät habe die akutellen Herausforderungen durch die großen Veränderungen der Universitäten inmitten einer sich rasch verändernden Gesellschaft "elastisch und kreativ angenommen" und so ihre Reputation bewahren, ja vermehren können, unterstrich der Grazer Bischof. Auch den Wandlungen in der Kirche begegne man hier im Wissen um die große gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung von Kirche und Gesellschaft.