"Islam genauso demokratiefähig wie andere Religionen"
Wien, 23.5.06 (KAP) "Der Islam ist genauso demokratiefähig wie andere Religionen auch": Diese Überzeugung äußerte der Wiener Pfarrer Martin Rupprecht in einem "Kathpress"-Gespräch zur laufenden Debatte über die Integrationsbereitschaft in Österreich lebender Muslime. Der gebürtige Bayer, der vor fünf Jahren nach einem längeren Türkeiaufenthalt nach Österreich kam und jetzt eine Pfarre mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil leitet, sieht den Islam in einem Ringen mit demokratischen Errungenschaften, das mit jenem des Christentums in früheren geschichtlichen Epochen vergleichbar sei.
Vor Jahrzehnten hätten sich auch die christlichen Kirchen an demokratischen Mehrheitsentscheidungen etwa zum Thema Scheidung gerieben, und auch heute noch gebe es z.B. in der Frage des arbeitsfreien Sonntags eine Spannung zum säkularisierten Staat, sagte Rupprecht. Und in manchen Fragen sei eine oppositionelle Haltung gegenüber dem Zeitgeist durchaus wünschenswert, erinnerte der Pfarrer in Wien-Neufünfhaus an den biblischen Auftrag, "sich nicht dieser Welt anzupassen".
Viele Muslime, mit denen er zu tun habe, sähen sich in Österreich einem Assimiliationsdruck ausgesetzt. Viele wollte aber teilhaben an der Gesellschaft und sie mitgestalten, ohne ihre kulturelle Prägung verleugnen zu müssen. Das bedeute noch längst kein Eindringen von Fundamentalismen, betonte Rupprecht die Legitimität anderer Vorstellungen als jener der Mehrheit. Als die Gesellschaft bereichernde Beispiele dafür nannte der Pfarrer den Umgang österreichischer Muslime mit Alkohol oder Sexualität; auch deren immer noch übliche soziale Einbindung in Großfamilien sei ein positiver Kontrast zur häufigen Vereinsamung in unseren Breiten.
Die von Innenministerin Liese Prokop genannte Zahl von 45 Prozent integrationsunwilligen Muslimen nannte Rupprecht "problematisch" und eine ungerechtfertigte Pauschalierung, die "sicher nicht zutrifft". Er warnte vor "Unterstellungen" wie jener, Muslime würden - hätten sie erst einmal die Mehrheit - als Feinde der Demokratie westlicher Prägung agieren. Derartige Verdächtigungen "vergiften" die Atmosphäre, so Rupprecht.
Von Kultur anderer lernen
Der Pfarrer rechnet zugleich damit, dass es im kommenden Nationalratswahlkampf zu Angstmache in Bezug auf Ausländer kommen wird. Die Kirche solle hier mahnend einwirken und am besten auf ein glaubwürdiges "Alternativkonzept" verweisen können: Das Konzil habe den Gläubigen abverlangt, die in anderen Religionen vorhandenen Werte anzuerkennen und zu fördern. Demgemäß solle sich die Kirche um Gespräch und Verständigung mit den Muslimen bemühen, so Rupprecht, auf dessen Initiative im November 2004 Wiener Pfarrer und muslimischen Imame zu einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch zusammentrafen.
In Österreich vermisse er den Willen, andere kulturelle Traditionen wie die muslimischen "wirklich anzunehmen" und zu signalisieren: "Wir wollen mit denen, die wir nach Österreich gerufen haben, wirklich zusammenleben und von ihrer Kultur lernen". Die Kirche sollte hier - so der Wunsch Rupprechts - mit gutem Beispiel vorangehen und durch "Wetteifern in guten Werken" das gesellschaftliche Klima positiv zu prägen.
Plattform: "Zurück zur Sachlichkeit!"
Eine "Reihe offenkundiger Schwächen, die geeignet sind, die Fakten zu verzerren", hat die Plattform "Christen und Muslime" am Dienstag im Blick auf die jüngste Muslime-Studie des Innenministeriums festgestellt. Die "umstrittenen Äußerungen" von Innenministerin Liese Prokop hätten eine "vielfach polarisierende Angstdebatte über die Ausländerintegration in Österreich ausgelöst". Umso wichtiger sei es, die jetzt hohe öffentliche Aufmerksamkeit zu nutzen, um zu einer Versachlichung der Debatte über dieses sensible Thema zu kommen, heißt es in der von den katholischen Publizisten Prof. Heinz Nußbaumer und Peter Pawlowsky sowie von der Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Carla Amina Baghajati, formulierten Aussendung.
Die konkreten Kritikpunkte der seit zwei Monaten existierenden Plattform an den veröffentlichten Teilen der Integrationsstudie: Die Muslime in Österreich seien nicht repräsentativ erfasst, nur Personen aus der Türkei und Bosnien seien befragt worden; zudem fehlten alle Differenzierungen nach Alter, Geschlecht, Wohnort und Aufenthaltsdauer. Unbekannt seien sowohl die Fragestellungen, als auch das Profil der Beantworter: "Sind Frauen ausreichend zu Wort gekommen? Die Studie gibt jedenfalls über deren Selbsteinschätzung und Meinungen keine Auskunft." Die Unklarheit über das Alter lasse eine "entscheidende Frage unbeantwortet: Ob nämlich die Integration in der zweiten und dritten Generation fortschreitet".
Die Plattform "Christen und Muslime" hält es aus diesen Gründen für "leichtfertig und riskant", aus der Studie des Innenministeriums gültige Schlüsse auf die Integrationswilligkeit der in Österreich lebenden Muslime zu ziehen.