"Handbuch Armut in Österreich" erschienen
Beiträge von 48 Fachleuten geben umfassendenÜberblick über den Stand der Armutsforschung und präsentieren neueste Erkenntnisse zu Ursachen, Folgen und Bekämpfung von Armut
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Wien (KAP) Ein fast 800 Seiten starkes "Handbuch Armut in Österreich" ist am Dienstag in Wien von den Herausgebern Nikolaus Dimmel, Karin Heitzmann und Martin Schenk präsentiert worden. Beiträge von insgesamt 48 Fachleuten geben darin einen umfassenden und systematischen Überblick über den aktuellen Stand der Armutsforschung in Österreich und präsentieren neueste Erkenntnisse zu Ursachen, Folgen und Bekämpfung von Armut. Bereits berücksichtigt wurden in dem Sammelband die sozialpolitischen Auswirkungen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise, die "die Armutsbedrohung breiter Schichten, auch des Mittelstandes, jetzt noch verschärft", hieß es bei der Pressekonferenz in Wien.
"Es ist genug da für die Bedürfnisse aller, aber nicht für jedes Einzelnen Gier": Mit diesem Zitat Mahatma Gandhis vor dem Hintergrund der massiven Wirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit appellierte der Sozialexperte der evangelischen Diakonie, Martin Schenk, an die politisch Verantwortlichen, die Krise "nicht auf dem Rücken der Armutsgefährdeten" auszutragen und etwa mit Sparpaketen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Soziales eine Konsolidierung des maroden Staatshaushaltes anzustreben. Gerade das Gegenteil müsste geschehen, so Schenk: Die Stärkung der Kaufkraft des untersten Einkommenssegmentes der Gesellschaft durch rasch umzusetzende Steuergutschriften sei zu ergänzen durch den Ausbau von Sozialleistungen. Wünschenswert wäre in den Augen der Armutsexperten ein drittes Konjunkturpaket im Dienstleistungssektor wie Kinderbetreuung, sozial integrative Schulen, Pflegehilfen oder aktive Arbeitsmarktpolitik.
Schenk verwies auf das Vorbild Finnlands, das 1989 wirtschaftlich "darnieder lag". Die Politik habe damals in Sozialdienstleistungen und in Bildung investiert und damit die Grundlage für die jetzige Prosperität des skandinavischen Landes gelegt. Österreich sollte sich das zum Vorbild nehmen und ebenfalls in ökonomische Zukunftssektoren wie Bildung, Forschung und Umweltschutz investieren. Der finanzielle Spielraum dafür könnte laut Schenk u.a. durch eine geänderte
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Steuerpolitik geschaffen werden: Nach den Worten des Sozialexperten ist Österreich mittlerweile eines der wenigen Länder, in denen es weder eine Vermögenssteuer noch eine Börsenumsatz-, Erbschafts- und Schenkungssteuer gibt.
Der Salzburger Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Prof. Nikolaus Dimmel nannte auch eine gezielte Einwanderungspolitik inklusive einer Integrationsförderung der Migranten als nachhaltige Maßnahme der Armutsbekämpfung. Wichtige strategische Ziele wären auch der Ausbau des geschützten Arbeitsmarktes, die soziale Absicherung von Pflegeleistungen, die zu 90 Prozent im Familienverband erbracht würden, sowie das Bemühen, "durch Bildung soziale Mobilität zu ermöglichen". Bei seinen Recherchen für das vorliegende Handbuch sei Dimmel, wie er sagte, überrascht davon gewesen, wie hoch in Österreich die "Vererbbarkeit von Armut" sei.
Karin Heitzmann, Assistenzprofessorin am Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien, äußerte Unverständnis dafür, dass die seit Jahren fundierte Armutsforschung in Österreich von den politisch Verantwortlichen kaum zur Kenntnis genommen werde. Sie plädierte dafür, bei der Armutsvorsorge weg vom Prinzip der Versicherungsleistung zu gehen und stattdessen auf universelle und bedarfsgeprüfte Sozialtransferleistungen zu setzen.
Kritik übten alle drei Herausgeber an der Verschiebung der bedarfsorientierten Mindestsicherung durch die Bundesregierung. Sozialleistungen müssten in Österreich endlich in existenzsichernder Höhe und österreichweit harmonisiert angeboten werden.
Das "Handbuch Armut in Österreich" ist mit Unterstützung des Sozial- und des Wissenschaftsministeriums im "StudienVerlag" erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich.
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