Gedenkfeier im ehemaligen KZ Mauthausen
Bischof Aichern war einer von sechs Vertretern der Religionsgemeinschaften, die im ehemaligen KZ Mauthausen ans Rednerpult gebeten wurde. Appell gegen Rechtsextremismus und Rassismus
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Bischof Aichern war einer von sechs Vertretern der Religionsgemeinschaften, die im ehemaligen KZ Mauthausen nahe von Linz anlässlich des diesjährigen Mottos "Widerstand aus religiösen Motiven" ans Rednerpult gebeten wurden. Weitere Redner waren Metropolit Michael Staikos als Vertreter der orthodoxen Kirchen, der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der Wiener Rabbiner Schlomo Eliezer Hofmeister und Karl Hubmann von den "Zeugen Jehovas".
Die Situation der katholischen Kirche während des NS-Terrorregimes sei "sehr schwierig" gewesen, ihr Verhalten "zwiespältig", erinnerte Aichern. Das Bemühen um einen "Modus Vivendi" und um Aufrechterhaltung der Seelsorge sei im Vordergrund gestanden. Bei Stellungnahmen zum Zeitgeschehen hätten die Verantwortlichen oft nur andeutende Worte gewählt, die den Machthabern keine Handhabe boten. Es habe auch Hilfsaktionen gegeben, "aber insgesamt müssen wir bekennen, dass viel versäumt wurde", sagte der Linzer Altbischof.
In den letzten Jahrzehnten habe die Kirche viel geschehenes Unrecht und viele Versäumnisse einbekannt. Die Bischofskonferenz habe darauf hingewiesen, dass der christliche Antijudaismus eine der wesentlichen Wurzeln für den Antisemitismus war und "sie hat Worte der Bitte um Vergebung gefunden", so Aichern. Aber es habe auch Widerstand einzelner gegen das NS-Regime aus religiösen Motiven gegeben. Der Bischof erinnerte an die Jesuiten in Linz oder an die Katholische Hochschuljugend unter der Führung von Priesterpersönlichkeiten wie Otto Mauer und Karl Strobl in Wien.
Nach den Worten von Metropolit Staikos gibt Religion den Menschen die Kraft, "gegen den Strom der Zeit zu schwimmen". Der Glaube an Gott bedeute Glaube an das Gute, die Gerechtigkeit und die Wahrheit. Die Verleugnung dieser Werte sei eine Verleugnung Gottes. Die Märtyrer aller Zeiten seien nichts anderes als Widerstandskämpfer, betonte Staikos. Widerstand im Namen der Religion sei keine politische Handlung, sondern Einsatz für die Gewissensfreiheit. Staikos wörtlich: "Man kann einen Menschen unterdrücken und töten, den Geist aber kann man nicht auslöschen".
Die evangelische Kirche habe in der NS-Zeit Schuld auf sich geladen, bekannte der evangelisch-lutherische Bischof Christoph Bünker. Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer seien die Ausnahme gewesen. Aus Einsicht und Schuldbekenntnis könnten jedoch Möglichkeiten des Neuanfangs erwachsen. Im heutigen demokratischen Österreich bedeute Widerstand "die Pflicht jedes Bürgers, Verantwortung wahrzunehmen, wo Unrecht geschieht, wo Menschenrechte nicht geachtet werden, wo Religion politisch instrumentalisiert wird".
Den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus sei die freie Wahl der Gewissensentscheidung nicht gegeben gewesen, erinnerte Rabbiner Hofmeister. Bei ihnen sei es nur noch darum gegangen, Gott und sich selbst nicht aufzugeben. Alle, die ihrem Judentum treu blieben, gelte es in Erinnerung zu halten und zu ehren. Hofmeister: "Körperlich gebeugt, jedoch innerlich aufrichtig, traten sie den Beweis an, Teil der menschlichen Zivilisation zu sein, aus deren Kreis man sie verdrängen wollte".
Die "Zeugen Jehovas" hätten die einzige Häftlingsgruppe gebildet, die nur aus religiösen Gründen verfolgt wurde, sagte Karl Hubmann. Aus Treue zum biblischen Gebot "Du sollst nicht töten und den Nächsten lieben wie dich selbst" hätten sie den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigert und sich damit dem NS-Regime unter dem Risiko ihrer Ermordung entgegengestellt.
In einem gemeinsamen Appell riefen die Religionsvertreter zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus auf. Die Politiker mögen für ein Klima sorgen, dass von Respekt für alle Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Ausrichtung, Alter, Religion und Weltanschauung getragen ist, heißt es in dem Text. Alle Kirchen und Religionsgemeinschaften hätten Verantwortung für ein Klima des Verständnisses und der Toleranz und sollten aufzeigen, wo die Menschenwürde bedroht wird. Aber auch jedem Einzelnem werde die Zivilcourage abverlangt, "ewig gestrigen Stammtischparolen und demagogischen Hetzern mutig entgegenzutreten".
Appell an die Politik
Die Repräsentanten der Kirchen und Religionsgemeinschaften und der Vorsitzende des Mauthausen-Komitees, Willi Mernyi, appellierten gemeinsam an die Sicherheits- und Justizbehörden, alle Mittel und Maßnahmen zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus auszuschöpfen. Weiters appellierten sie an die Sozialpartner, verstärkt für Gleichberechtigung und Antidiskriminierung einzutreten, um eine Arbeitswelt des Miteinanders zu gestalten. Der Appell wurde schriftlich an Bundespräsident Heinz Fischer, Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, Innenministerin Maria Fekter und Sozialminister Rudolf Hundstorfer übergeben.
Nach Angaben der Behörden waren zu der Gedenkfeier in Mauthausen rund 10.000 Personen gekommen. Laut Anmeldung waren offizielle Delegationen aus 42 Ländern vertreten. Auch der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz, der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Altbischof Herwig Sturm, die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreichs (KAÖ), Luitgard Derschmidt, und die frühere KAÖ-Generalsekretärin und Autorin Ruth Steiner waren unter den Gästen.