Papst-Reise: Felsendom, Klagemauer, Abendmahlssaal
"Sende deinen Frieden über dieses Heilige Land, über den Nahen Osten, über die ganze Menschheitsfamilie", betete er an der Klagemauer. "Durchmischter" Start in Israel. "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Johannes Schidelko
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Jerusalem, 12.05.2009 (KAP) Drei lange Minuten verharrte Benedikt XVI. vor der Klagemauer. Still, die Hände zum Gebet gefaltet, den Blick auf die Steinquadern des vor fast 2.000 Jahren zerstörten Tempels gerichtet. "Sende deinen Frieden über dieses Heilige Land, über den Nahen Osten, über die ganze Menschheitsfamilie", schrieb er auf einen Gebetszettel, den er nach jüdischem Brauch in eine Ritze des antiken Mauerwerks der einstigen Westmauer des Tempels schob.
Die heiligsten Stätten von Muslimen, Juden und Christen standen am Dienstagmorgen nacheinander auf dem Besuchsprogramm des Papstes in Jerusalem. Im muslimischen Felsendom, an der jüdischen Klagemauer und im christlichen Abendmahlssaal (Coenaculum) ging es nicht um touristische Besichtigungen, sondern um interreligiösen Dialog. Die Besuche sollten ein "Siegel" der Kontakte und Dialoge sein, die die Kirche seit dem Konzil vor 45 Jahren aufgenommen hat, meinte ein Vatikan-Prälat.
Durch das Löwentor fuhr Benedikt XVI. am Dienstagmorgen bei strahlendem Sonnenschein zum ersten Mal in die Jerusalemer Altstadt. Vor dem Felsendom mit seiner goldenen Kuppel machte er halt. Er zog sich die Schuhe aus und besichtigte die Stätte, an der der Tradition nach Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, wo später der jüdische Tempel stand, und von wo Mohammed seine nächtliche Himmelfahrt angetreten haben soll.
Die Al-Aksa-Moschee, das nach Mekka und Medina ranghöchste Heiligtum des Islam, stand nicht auf dem Programm des Papstes - auch wenn Gerüchte am Vortag noch davon gesprochen hatten. Stattdessen traf der Papst den Jerusalemer Großmufti Muhammad Ahmed Hussein an dessen Dienstsitz in der "Kubbah al-Nahawiyya".
In seiner Ansprache beschwor der Papst das Verbindende von Juden, Christen und Muslimen. Wer an Gott als Schöpfer aller Menschen glaube, müsse sich aktiv für die Überwindung von Spaltungen und für Solidarität einsetzen. Durch Dialog müssten die an den einen Gott Glaubenden eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens aufbauen.
Wie weit dieses Ideal gerade in Jerusalem noch entfernt ist, machte das vergleichsweise simple Problem der TV-Übertragung deutlich. Das israelische Fernsehen, das den Papstbesuch in Jerusalem komplett live überträgt, durfte den Tempelberg (der unter der Autorität der islamischen Stiftungsverwaltung steht) nicht betreten. So blieben die Bildschirme schwarz. Erst später konnte das vatikanische Fernsehen CTV seine Aufnahmen in ein internes Netz einspeisen.
Der anschließende Besuch im Großrabbinat im "Hechal Shlomo" war alles andere als ein Pflichttermin. Die mit dem Konzil begonnene Aussöhnung von Juden und Christen sei unwiderruflich, stellte Benedikt XVI. klar.
Anders als bei den politischen Reden vom Vortrag ging es hier um den religiösen Dialog. Und der ist, trotz zwischenzeitlicher Rückschläge, fast eine Erfolgsgeschichte. Unabhängig von diplomatischen Fortschritten und kultureller Zusammenarbeit ist das ein Feld, das dem Papst und Professor besonders am Herzen liegt.
Zum Abschluss des langen Vormittags fuhr er dann noch zum Abendmahlssaal - wieder ein heikler Programmpunkt: Der Platz untersteht dem israelischen Tourismus-Ministerium. Trotzdem durfte Benedikt XVI. hier einen Wortgottesdienst mit den Bischöfen der Region feiern. Eine Rückgabe des Gebäudes - das in den letzten Jahrhunderten als Moschee und dann als Synagoge gedient hatte - an die Katholiken stand nicht zur Debatte. Im Vorfeld der Papstreise war von einem israelischen "Gastgeschenk" in diesem Sinn die Rede gewesen.
Nach der überaus erfolgreichen Etappe in Jordanien hatte der Besuch von Benedikt XVI. in Israel eher durchmischt begonnen. Nach dem freundlichem Empfang durch Staatspräsident Shimon Peres gab es ein geteiltes Echo auf die Papst-Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Der Papst habe nicht die Schuldfrage angesprochen, nicht die Täter benannt und seine deutsche Herkunft unerwähnt gelassen, hieß es in ersten Reaktionen.
All diese Aspekte habe Benedikt XVI. schon früher mehrfach benannt, etwa in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, betonte Vatikansprecher P. Federico Lombardi. Nicht jede Rede könne alle wichtigen Themen behandeln. Diesmal sei es um das "Erinnern" gegangen.
Und dann gab es noch die Panne beim interreligiösen Treffen vom Montagabend. Aufgrund mehrerer Missverständnisse stand Scheich Taisir Al-Tamimi plötzlich am Rednerpult und hielt auf Arabisch eine 10-minütige Rede gegen Israel. Der Papst und seine Begleiter, die nichts verstanden, brachen die Veranstaltung ab - ohne den geplanten Austausch von Geschenken.
Beim Treffen mit den Muslimen vor dem Felsendom war von dem Zwischenfall nach außen nichts zu spüren. Der Großmufti begrüßte den Papst höflich. Ob es hinter den Kulissen zu Klarstellungen kam, ist unbekannt.
Allerdings atmete die Begegnung nicht die Herzlichkeit wie beim Treffen mit den Muslimen drei Tage zuvor in Jordanien. Die vatikanische Begleitung des Papstes hofft, dass der Tamimi-Eklat keine bleibenden Auswirkungen auf den mühsam reparierten Kontakt zum Islam hat.