"Verschmelzung von Religion und Politik aufgeben"
Wien, 30.5.06 (KAP) Ein gedeihliches Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen kann nur dann gelingen, wenn der Islam seinen Anspruch auf die Verschmelzung von Religion und Politik ("din wa daula") aufgibt. Das betonte der deutsche Islam-Experte und Jesuit P. Christian Troll am Dienstag im Gespräch mit "Kathpress". P. Troll hält sich derzeit auf Einladung der Stiftung "Pro Oriente" in Wien auf. Er weise im Gespräch mit Muslimen immer darauf hin, dass die Trennung von Religion und Politik nicht als westliche Forderung angesehen werden dürfe, der man sich zähneknirschend beugt, so P. Troll. Vielmehr gelte es, im Islam selbst die Grundlage für die Trennung von Staat und Religion zu erkennen. Troll: "Wenn wir gemeinsam darüber nachdenken, was notwendig ist, um solidarisch in Verschiedenheit zusammen zu leben, dann ist die Aufgabe des Anspruchs auf Verschmelzung von Religion und Politik unabdingbar". Das habe einst auch die katholische Kirche feststellen müssen, so der deutsche Jesuit. Daher sei das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit ("Dignitatis humanae") von herausragender Bedeutung.
P. Troll plädierte im "Kathpress"-Gespräch dafür, zwischen dem "Dialog des Lebens" und dem "interreligiösen Dialog" im engeren Sinn schärfer zu unterscheiden. Nur wenige Experten auf christlicher und muslimischer Seite seien dazu in der Lage, einen wirklichen interreligiösen Dialog zu führen. Dringlicher sei aber jener Dialog, wie das Zusammenleben von Christen und Muslimen in einer demokratischen Gesellschaft gelingen kann. Das führe dann zu einem Dialog über notwendige moralische Grundlagen, was aber noch lange kein interreligiöser Dialog sei.
In diesem Zusammenhang begrüßte es P. Troll, dass erst kürzlich der Päpstliche Rat für den interreligiösen Dialog in den Päpstlichen Kultur-Rat integriert wurde. Damit habe Papst Benedikt XVI. wohl auch ein Zeichen für den derzeitigen Vorrang des kulturellen Dialogs setzen wollen.
Im übrigen, so Troll, habe er bei diversen sogenannten "interreligiösen Dialogen" immer wieder feststellen müssen, dass seine muslimischen Gesprächspartner über das Christentum nur sehr wenig wissen. Kaum einer habe je die Bibel gelesen oder sich intensiver mit christlichen Traditionen befasst.
Troll gilt als einer der profundesten westlichen Islam-Experten. Er hielt u.a. auch von 1992 bis 2001 jedes Jahre Vorlesungen und Seminare an der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Zum Islam in der Türkei meinte der Jesuit, dass dieser ein wenig offener sei als in anderen muslimischen Ländern. So sei es an der Universität in Ankara zumindest möglich gewesen, dass sich einige Theologen auch historisch-kritisch mit dem Koran auseinander setzten, auch wenn sie von den anderen Professoren kritisch betrachtet wurden. Positiv zu bewerten sei auch die Tatsache, dass an türkischen Fakultäten Abteilungen für Religionsgeschichte eingerichtet wurden, wo man versucht, Religionen wie das Christentum auch ohne islamische "Brille" zu betrachten. Ebenso sei beachtenswert, dass es einen Revisionsprozess der türkischen Lehrbücher für den islamischen Religionsunterricht gebe, wobei bei der Darstellung des Christentums zunehmend von der "klassischen" islamischen Sichtweise (Verfälschung des Evangeliums durch Paulus usw.) abgegangen werde und das christliche Selbstverständnis deutlicher zum Ausdruck komme.
Der deutsche Jesuit hat auch eine private Website auf Türkisch eingerichtet, auf der er Fragen von Muslimen zum Christentum beantwortet. Diese Website sei in nur eineinhalb Jahren 80.000 Mal besucht worden. Das zeige, so der Jesuit, dass viele Türken Interesse an einem Dialog hätten. In seinen Antworten zieht P. Troll keine Vergleiche mit islamischen Vorstellungen, sondern stellt die christliche Sichtweise zentraler religiöser Begriffe dar.
Im Gespräch mit "Kathpress" teilte der deutsche Jesuit das Bedauern, dass im 20. Jahrhundert klassische Bereiche christlich-islamischer "Kohabitation" wie Kleinasien (Osmanisches Reich), Nordafrika, aber auch der Libanon oder Ägypten heute nicht mehr von diesem Miteinander geprägt seien. Freilich dürfe man daraus keine Schlüsse auf die Entwicklung in Europa oder den USA ziehen. Interessant sei vor allem, in welche Richtung sich die Schicht der Gebildeten unter den Immigranten aus islamisch geprägten Ländern entwickeln werde.
Im historischen Rückblick lenkte P. Troll die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass die antike Philosophie zwar durch die Übersetzungstätigkeit vor allem der syrischen Christen in den islamischen Kulturraum übertragen, dort aber "nicht rezipiert" wurde. Man müsse sich daran erinnern, dass die Machthaber im viel gepriesenen muslimischen Andalusien die Werke des islamischen Philosophen Averroes verbrannt hätten. Der "Mainstream" der islamischen Interpretation des Glaubens sei juridisch, nicht philosophisch geprägt, was aber die Mystik nicht ausschließe. Der deutsche Jesuit verwies in diesem Zusammenhang auf Reformbewegungen in der Türkei, die sich aus den mystischen Gruppierungen herleiten, etwa die "Fetullahis", die heute weltweit in vielen Städten - auch in Wien - durch "Dialoginstitute für den Frieden" präsent sind. Diese aus der Mystik kommenden Reformbewegungen seien "ganz anders" eingestellt als der Islamismus und sehr auf die Moderne ausgerichtet.