"Die große Stille": Ein Film wurde "Kloster"
Wien, 7.6.06 (KAP) Es herrscht ein "riesiges Defizit an wirklicher Spiritualität", es gibt viel Sinnsuche, aber es mangelt an wirklicher Sinnwahrnehmung: Mit dieser Beobachtung erklärte der deutsche Regisseur Philip Gröning bei einem Wien-Besuch, warum sein Film "Die große Stille" ein solcher Kino-Erfolg wurde. Die karge, fast ohne Sprache auskommende und inzwischen mehrfach preisgekrönte Dokumentation zeigt den Alltag der Mönche im französischen Mutterklosters des Kartäuserordens ("La Grande Chartreuse") in meditativen Bildern; 170.000 Menschen haben den Film mittlerweile in Deutschland gesehen, in Italien kurz nach dem Kinostart bereits 130.000.
Die Frage nach der Zeit und wie sie genützt werden kann, um "zu sich selbst zu kommen", sind nach den Worten des 46-jährigen Regisseurs das zentrale Thema eines Films, der in seiner Übereinstimmung von Form und Inhalt "selbst zum Kloster wurde". Das dankbare Feedback vieler Besucher belege, dass es offenbar gelungen ist zu zeigen, dass auch in einer Zeit medial durchfluteter Geschäftigkeit und eines Überangebots an Möglichkeiten ein Leben aus einem radikalen Glauben und im bewussten Verzicht auf "Nebensächliches" glücken kann, so Gröning im "Kathpress"-Interview. "Ich wollte zeigen, dass es möglich ist, so zu leben, und dass das Kräfte freisetzt", betonte der Regisseur, der für die Dreharbeiten ein halbes Jahr das Leben der Mönche geteilt hat.
Für Gröning transportiert "Die große Stille" einen Gegenentwurf zum derzeit herrschenden Anspruch, sich ständig entscheiden zu müssen, wie man leben soll, wer man sein will, wie man aussehen möchte und bei all dem möglichst erfolgreich und glücklich ist. Die permanente Forderung, sich zu formen und "sich selbst zu schaffen", sei eine "gnadenlose Überforderung" der westlichen Gesellschaft, so der Filmkünstler. Sein Film vermittle eine Freiheit, die in Glaubenshingabe liegt. Das Kartäuserkloster in den französischen Alpen stehe für eine heute "absurd" anmutende Lebenshaltung, nämlich: "Verzichte auf Besitz, auf deine eigene Zeit, deinen Willen - und du wirst feststellen, wer du bist".
Er habe bewusst Kontakt zu einem Orden gesucht, der weltliche Außeneinflüsse "sehr radikal ausschaltet": Die Mönche von "La Grande Chartreuse" haben einen extrem strukturierten Tages- und auch Nachtablauf mit häufigen Gebetszeiten und Gottesdiensten, sie betreiben Gartenbau und halten Kleinvieh, verzichten völlig auf Massenmedien und weitgehend auf Elektrizität, schneidern selbst, pflegen einander und richten sich ihre Zellen nach ihren individuellen Vorlieben ein: Für all das fand Gröning 162 Minuten lang beeindruckende Bilder, sogar beim zweieinhalbstündigen Nachtgebet war er regelmäßig mit seiner 20 Kilogramm schweren Kameraausrüstung dabei.
Er habe selber sehr profitiert von seiner mehrmonatigen Arbeit und dem "extremen Kontrast zu unserer Mediengesellschaft", sagte er im Interview: "Die Genauigkeit, in der ich sehen konnte, und auch zuhören, hat sich sehr verändert während der Dreharbeiten", und auch jetzt noch bereichere ihn seine gesteigerte "Fähigkeit, meine Gegenwart wahrzunehmen", und sei es nur das Obst auf seinem Schreibtisch. Und geblieben ist für Gröning "auch ein tiefes Bewusstsein dafür, dass die Dinge zu einem guten Ende führen".
Glück durch Hingabe an Gott
Aus Sorge, dass die Zuseher die innere Gelassenheit der Kartäuser zwar wahrnehmen, aber nicht verstehen, "woher die Freiheit dieser Menschen kommt", habe Gröning in einem aufgezeichneten Gespräch mit einem alten, blinden Mönch gegen seine Arbeitshypothese verstoßen, dass ein Schweigekloster nur abbildbar ist, "indem man einen schweigenden Film macht": Der Interviewte gibt freimütig Auskunft über seinen herannahenden Tod und sein Vertrauen auf Gott - in einer Welt, in der leider vielfach Gottferne vorherrsche. Wer diese Erkenntnis gewinnt, "dass im Blick auf das Gesamt des Lebens doch alles irgendwie Sinn ergibt und ein Ganzes geformt wird", kann - egal ob Mönch oder nicht - "tatsächlich glücklicher leben", betonte Gröning: "Das wollte ich dem Zuschauer einfach nicht verschweigen".
Sein Film zeige eine "helle Form" von Christentum, wo es nicht so sehr um Schuld und Scheitern gehe, sondern um Erlösung und Vertrauen, dass Gott richtig handelt und das Leben gelingt. Der Regisseur hält es für eine "Fehlentwicklung", dass der Katholizismus statt dieser Kernbotschaft so lange Schuld und Sühne in den Vordergrund gestellt hat. Die Kirche müsse aufhören, "sich selbst als Machtapparat zu gerieren", denn "Machtausübung beschädigt Wahrheitswahrnehmung". Zugleich hält Gröning seine Überzeugung fest, dass es dieses "helle" Christentum immer auch gab.
Wie im Supermarkt
Viele Menschen suchten heute nach einer Spiritualität, die ihre eigene und zugleich konfliktlos ist, so der Filmemacher: "Und das funktioniert so nicht". Gröning hält das gegenwärtig so inflationäre Angebot an "Pseudo-Sinn", die mit "Rezepthaftigkeit" gepaart und das Gegenteil von wirklichem Nachdenken sei, für "Supermarkt-Denken" im Sinn von: "Wenn diese Religion nicht funktioniert, kaufe ich mir einfach das nächste Modell". Dass eine Religion die eigene ist, erkennt man nach den Worten des Regisseurs daran, "dass man damit Probleme hat" und sich an ihr reiben kann.
Auch als Betrachter anderer religiöser Filme geht es Gröning um Substanz wie bei Andrej Tarkowski, Andrzej Wajda oder Robert Bresson und nicht um cineastische Effekte. Die derzeit viel diskutierte Dan Brown-Verfilmung "Sakrileg" habe er bisher nicht gesehen und werde es in Ermangelung an Interesse auch nicht. Auch wenn Filme handwerklich professionell gemacht und in der Lage seien, das Publikum in Spannung zu halten und mit dessen Emotionen zu spielen, gehe es im um anderes: "Ein mechanisches Zugehen auf den Zuschauer interessiert mich überhaupt nicht".
Philip Grönings "Die große Stille" läuft am 9. Juni in Österreich an. An diesem Tag ist die Dokumentation im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" zwei Mal - um 17 und um 21.30 Uhr - im Refektorium des Wiener Franziskanerklosters zu sehen, im Wiener Gartenbaukino sind am 9. Juni um 17 Uhr, 20 und 24 Uhr Vorstellungen geplant. In der Folge wird der Film auch in Graz, Linz, Innsbruck, Klagenfurt und Pasching zu sehen sein. (Informationen: Internet: www.langenachtderkirchen.at/termine/detail/55711, www.diegrossestille.de).