Erzbischof Tutu erhielt Ehrendoktorat der Uni Wien
Versöhnungsprozess zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika werde noch viel Zeit brauchen, glaubt der Friedensnobelpreisträger. Auszeichnung für Leistungen um "Theologie der Befreiung"
Image (img2) invalid or missing |
Wien (KAP) Obwohl seit dem Ende des Apartheidregimes in Südafrika mehr als 15 Jahre vergangenen sind, wird der Versöhnungsprozess zwischen Schwarzen und Weißen noch viel Zeit brauchen. Darauf hat der südafrikanische anglikanische Alterzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu am Freitag in einem Gespräch mit "Kathpress" hingewiesen. Die Menschen in Südafrika seien durch die mehr als 300 Jahre lang getrennt worden. Zu glauben, dass es schon nach so kurzer Zeit eine vollständige Versöhnung geben könne, sei "schlichtweg unrealistisch", so Tutu.
Versöhnung bestehe nicht aus einer einzelnen Handlung, sondern aus einem Prozess, erinnerte der Alterzbischof. Gemessen an der Ausgangslage sei der heutige Grad der Stabilität in Südafrika aber erstaunlich; man habe Fortschritte gemacht. Tutu: "Es ist wunderbar zu sehen, wenn die Kinder in die selben Schulen gehen und es gemischte Ehepaare gibt". Noch vor wenigen Jahren sei dies ebenso undenkbar gewesen, wie Vororte, in denen Menschen mit schwarzer und weißer Hautfarbe gemeinsam wohnen, erinnerte Tutu: "Als ich Erzbischof von Kapstadt wurde, war es eine Straftat, dass ich in meiner offiziellen Residenz gewohnt habe, weil diese in einem 'weißen' Gebiet lag".
Erzbischof Tutu hält sich derzeit im Rahmen einer Europareise in Österreich auf. Am Freitag wurde er von der Universität Wien für seine international beachteten Leistungen um die Entwicklung der "Theologie der Befreiung" ("Ubuntu"-Theologie) mit einem Ehrendoktorat ausgezeichnet.
Mandela ist "Ikone der Versöhnung"
Die Initiative zur Verleihung des Ehrendoktorats kam von der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Damit sollen Tutus Leistungen als Theologe herausgestrichen werden, sagte der ebenfalls aus Südafrika stammende Dekan der Fakultät, Prof. James Loader, in seiner Laudatio bei der akademischen Feier. Tutu habe mit seiner wissenschaftlichen Arbeit "Menschen und die Theologie in die Höhe gehoben" und der Theologie zu einem "neuen Gesicht" verholfen, dem einer "Theologie des Mitgefühls und der menschlichen Solidarität".
Desmond Tutu erinnerte in seinen Dankesworten an die ersten demokratischen Wahlen vor rund 15 Jahren in Südafrika. Mit der Wahl Nelson Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten eines freien, demokratischen Staates sei Wirklichkeit geworden, woran viele in den Jahren davor nicht geglaubt hätten. Mandela sei zur "Ikone der Versöhnung" geworden. Anders als von manchen befürchtet, habe nach dem Ende der Apartheid in Südafrika nicht Rache das Leben bestimmt.
Der Friedensnobelpreisträger rief dazu auf, auch für Kriege und Konflikte wie in Sri Lanka, Pakistan, Afghanistan, im Irak oder im Gaza-Streifen die Hoffnung nicht aufzugeben. Die hoffnungsvollen Entwicklungen in Südafrika zeigten, dass "Gott in die Welt" gekommen sei. Irgendwann, so Tutu wörtlich, "beißen die Hitlers dieser Welt, die Mussolinis, Francos oder Idi Amins alle ins Gras".
Gegen Ungerechtigkeit auftreten
"Ein Mensch wird nur durch den Kontakt mit anderen Menschen ein Mensch", erklärte Tutu im "Kathpress"-Interview die zentrale Botschaft der von ihm entwickelten "Ubuntu"-Theologie. Sie beruht auf einer Grundhaltung, die sich auf wechselseitigen Respekt und Anerkennung, Achtung der Menschenwürde und das Bestreben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft stützt. "Menschsein lernt man nur von anderen Menschen", sagte Tutu und zitierte Martin Luther King: "Wenn wir nicht lernen als Brüder und Schwestern zu leben, werden wir als Dummköpfe untergehen".
Seinen persönlicher Einsatz für die Menschen bezeichnete Tutu in dem Interview als Konsequenz seines Christseins. "Der Glaube an Gott macht es unumgänglich, sich Ungerechtigkeiten zu widersetzen, besonders wenn sie anderen Menschen widerfahren". Jeder Mensch sollte mit seinen Möglichkeiten gegen Ungerechtigkeit auftreten, appellierte der anglikanische Alterzbischof.
Desmond Tutu wurde 1931 in Südafrika geboren. Er wuchs in Johannesburg auf und wurde Lehrer. Als das Apartheid-Regime das Unterrichtssystem immer mehr seiner Ideologie untertan machte, gab er den Lehrberuf auf und wurde 1961 anglikanischer Priester. 1962 bis 1966 lebte Tutu mit seiner Familie in London, wo er einen Masterabschluss der Theologie erwarb. Von 1967 bis 1972 lehrte er Theologie in Südafrika, drei weitere Jahre verbrachte er als Assistant Director an einem theologischen Institut in London. 1975 kehrte er nach Johannesburg zurück, wo er - als erster Schwarzafrikaner - Dekan der anglikanischen St. Mary's Cathedral wurde.
1976 wurde Desmond Tutu Bischof von Lesotho, 1978 Generalsekretär des South African Council of Churches. 1984 wurde Desmond Tutu für sein Engagement gegen die Apartheid der Friedensnobelpreis verliehen. 1985 wurde er Bischof von Johannesburg und 1986 Erzbischof von Kapstadt. 1996 wurde er als Erzbischof emeritiert.
Aktuell kämpft Desmond Tutu vor allem gegen die Ausbreitung von AIDS in Südafrika. Rund 1.000 Menschen sterben in dem Land täglich an der Immunschwächekrankheit. Er habe Hoffnung, dass in dieser Frage in Südafrika künftig eine bessere Politik gemacht werde, meinte Tutu im Gespräch mit "Kathpress". Der Ansatz der von ihm unterstützten Organisationen liege in der "ABC-Formel": Enthaltsamkeit ("abstain"), Treue ("be faithful") und die Verwendung von Kondomen ("Condoms").
Auch die Religionsvertreter des Landes, deren Zusammenarbeit im Kampf gegen HIV noch nicht so stark sei, wie im gemeinsamen Kampf gegen die Apartheid, würden die ernste Situation langsam realisieren.
Tutus besondere Sorge gilt den AIDS-Waisenkinder. Für diese setzt er sich mit seiner "Desmond Tutu HIV Foundation" ein. Zu Gunsten der Stiftung findet am Samstag um 17 Uhr in der Lutherischen Stadtkirche (Dorotheergasse 18, 1010 Wien) ein Benefizkonzert statt. Auftreten wird dabei u.a. der Staatsopern-Startenor Johan Botha.