Wien: "Gelebter Dialog der Religionen im Krankenhaus"
Wien, 8.6.06 (KAP) Mit einem "interreligiösen Fest" unter dem Motto "Gelebter Dialog der Religionen im Krankenhaus" hat die Krankenhausseelsorge im Wiener AKH am Donnerstagabend ihr 15-jähriges Bestehen gefeiert. Die interreligiöse Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften in der AKH-Seelsorge hat Beispielswert für Europa, wie am Donnerstagvormittag bei einer Pressekonferenz im Wiener AKH betont wurde.
Bei der Pressekonferenz betonte der Wiener griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos, dass gerade in der Stunde des Schmerzes und der Krankheit die Besinnung auf das Wesentliche der menschlichen Existenz Raum brauche. Staikos: "Gemeinsam mit den Vertretern der anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften wollen wir Wege suchen, damit wir den Menschen dienen und ihre Schmerzen lindern".
Auf die guten Dienste der zahlreichen ehrenamtlichen Krankenhausseelsorger und -seelsorgerinnen wies der Wiener Weihbischof Franz Scharl hin. Zu den schönsten Früchten der gemeinsamen Arbeit im AKH gehöre, so der Weihbischof weiter, der "gelebte Dialog der religiösen Professionisten".
Franz Vock von der katholischen Krankenhausseelsorge wies auf drei Forderungen hin, die für das persönliche und spirituelle Wohlbefinden der Patienten von ganz entscheidender Bedeutung sind. Zum einen gelte es, religiöse Speisevorschriften zu beachten, wie sie vor allem für jüdische und muslimische Patienten gelten. Diese Forderung wurde auch von Willy Weisz von der Jüdischen Kultusgemeinde Wien energisch vertreten.
Weiters gelte es, so Vock und Weisz, die Intimsphäre der Patienten so weit als möglich zu bewahren und zu achten - etwa durch die Anbringung von Vorhängen bei ärztlichen Untersuchungen. Drittens stehe man für das Recht der Patienten auf seelsorgliche Betreuuung durch ihre jeweiligen Religionsgemeinschaften ein. Vock: "Hier ist auch die öffentliche Hand gefragt. Die Seelsorge ist so wesentlich und trägt zum Heilungsprozess bei, dass auch öffentliche Gelder dafür zur Verfügung gestellt werden sollten".
Der Wiener evangelische Superintendent Hansjörg Lein betonte, dass im Zentrum aller seelsorglichen Bemühungen immer der kranke Mensch und seine Angehörigen stehen müssen. Der Krankenhausseelsorger müsse signalisieren, "dass er jetzt ganz für den Patienten da ist, sich Zeit nimmt, soviel notwendig ist". Um diesen seelsorglichen Dienst gut ausüben zu können, sei sowohl für hauptamtliche als auch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine profunde Aus- und Weiterbildung nötig.
Der Vizepräsident der Islamischen Religionsgemeinde Wien, Ahmet Hamidi, sprach von einem "harmonischen Miteinander der Religionen", das in den vergangenen 15 Jahren im AKH entstanden sei. Er wisse aus eigener Erfahrung - Hamidi arbeitete neun Jahre als Arzt im AKH -, welch große Bedeutung dem Glauben gerade im Krankheitsfall zukomme.
20.000 Patienten
Koordiniert wird die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften in interreligiösen Treffen, die seit 2002 in regelmäßigen Abständen stattfinden. Insgesamt werden jährlich knapp 20.000 Personen von den Krankenseelsorgerinnen und -seelsorgern im AKH betreut. Dazu kommen täglich Gottesdienste und Gebete.
Gemeinsame Botschaft
Bei der Pressekonferenz wurde von den Religionsvertretern eine gemeinsame Botschaft der Krankenseelsorge am AKH Wien präsentiert. Wörtlich heißt es in der Botschaft: "Im AKH gibt es tagtäglich einen 'Dialog des Lebens' zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften im Dienst an den leidenden Menschen. Dieser 'Dialog des Lebens' ist davon gekennzeichnet, dass er auf 'gleicher Augenhöhe' stattfindet, dass Unterschiede nicht verwischt werden und die Identität des jeweils anderen respektiert wird. Weil das so ist, konnte in der gemeinsamen Sorge um die kranken und leidenden Menschen ein Miteinander entstehen, das von Akzeptanz und Vertrauen gekennzeichnet ist".
Die gemeinsame Basis der Krankenseelsorge im AKH laute: "Alle Menschen sind von Gott geschaffen und einmalig. Gerade in Zeiten der Krankheit und der damit verbundenen Änderung der Lebenssituation wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht, sich als von Gott geliebt zu erfahren". Jeder Einsatz in der religiösen Begleitung von Menschen in der Krankheit habe ihren Ursprung im tiefen Vertrauen auf Gott als Schöpfer und Erhalter.
Wie es in der Botschaft weiter heißt, sei das Wissen um den gemeinsamen Ursprung aller monotheistischen Religionen von entscheidender Bedeutung: "Juden, Christen und Muslime haben eine Gemeinsamkeit darin, dass sie sich auf die Gotteserfahrung Abrahams berufen, der aus radikalem Vertrauen auf diesen einen Gott Großes gewagt und die Kraft gefunden hat, zu neuen Ufern aufzubrechen". Die Besinnung auf das Vorbild Abrahams habe der Krankenseelsorge im AKH geholfen, neue Wege zu gehen.
Im Rahmen der Pressekonferenz wurde auch die neue Broschüre "Die spirituelle Meile des AKH" präsentiert. Darin finden sich zahlreiche Informationen über die vier Gebetsräume der evangelischen und katholischen Christen, der Juden und Muslime im AKH.