Wertestudie: Warnung vor "Atheismus-light"
Angesichts der Studienergebnisse müsse das Christentum "sehr aufpassen", warnte Pastoraltheologe Zulehner. Trotz beunruhigender Entwicklungen habe die Kirche heute auch Chancen
Image (img2) invalid or missing |
Wien, 8.7.09 (KAP) Auf einen "latenten Trend hin zu einem 'Atheismus-light'" in der österreichischen Bevölkerung hat der Wiener Pastoraltheologe em.Prof. Paul M. Zulehner hingewiesen. Neben dem weiterhin schrumpfenden Feld jener Menschen mit einem ererbten christlich-kirchlichen Bezug wachse unter den Österreichern der Anteil an "unbekümmerten Alltagspragmatikern", die ohne religiöse Sinnansprüche lebten, sagte Zulehner bei einer Diskussion zur kürzlich erschienenen Wertestudie 2008 in Wien.
Angesichts der Ergebnisse der Studie müsse das Christentum "sehr aufpassen", warnte Zulehner. Trotz beunruhigender Entwicklungen habe die Kirche heute aber auch zahlreiche Chancen, weil viele Menschen einen tiefen Sinn für Spiritualität besitzen würden: "Diese Chancen nutzen wir derzeit nicht".
Bei den Umfragen zur Wertestudie 2008 bezeichneten sich rund zwei Drittel (61 Prozent) der befragten Österreicher als religiöse Menschen, ein Drittel (30 Prozent) als nicht religiös. Vier Prozent halten sich für überzeugte Atheisten, fünf Prozent konnten auf die Frage nach ihrer Religiosität keine genaueren Angaben machen. Bei der letzten Befragung im Jahr 1999 gaben noch 75 Prozent der Menschen an, religiös zu sein, nur 18 Prozent sahen sich als nicht-religiös an.
Zulehner lenkte den Blick zudem erneut auf die in der Wertestudie nachgewiesenen "katastrophalen" Imagewerte der Kirche bei Jugendlichen und den dramatischen Rückgang an kirchlicher Bindung in ländlichen Regionen. Beunruhigt sei er außerdem über das Verhältnis
zwischen der Kirche und den Frauen. Er habe den Eindruck, dass die Lebenskultur junger Frauen heute nicht mehr mit Kirche kompatibel sei, sagte Zulehner.
Die christlichen Kirchen müssten die einzelnen Menschen wieder "zu einem Gefühl der menschlichen Größe führen, anstatt sie moralisch im Kleinen zu halte", meinte der Pastoraltheologe. Kirche sollte wieder "für die Heilung der Angst statt für eine moralisierende Verängstigung" stehen.
Mit Sorge beobachte er zudem eine der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Islam geschuldete Re-Politisierung des Christentums. Mit dieser Entwicklung könne man der Religion "schaden wie sonst in keiner anderen Art und Weise", warnte der Pastoraltheologe.
Kirchen als "Lebensräume"
Der Wiener Jugendseelsorger Gregor Jansen plädierte dafür, dass Kirchen wieder stärker zu "Lebensräumen" der Menschen werden sollten. Die Kirche hätte die Pflicht, den Menschen gegenüber ihre bleibende Relevanz aufzuzeigen, indem sie wieder verstärkt zu einem "Kernort der glaubwürdigen Glaubensweitergabe, des Respekts und der Toleranz" werden, so Jansen.
"Die Menschen bringen sich heute mit ihrem persönlichen Einsatz sehr stark in die Kirche ein, aber die treue Beheimatung in der Kirche verdunstet", skizzierte der Priester seine Erfahrungen aus den vergangenen Jahren. Die Bereitschaft aus der Kirche auszutreten sei im Zuge der Affären um die Pius-Brüderschaft und die "Causa Wagner" im Zentrum der Kirche angekommen - also auch bei Menschen, die sich in höchstem Maß für Kirche eingesetzt haben, so Jansen.
Diffuses Religionsbild
Die Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems, Ulrike Greiner, verwies auf den ungebremsten Trend der Pluralisierung auch unter den Studierenden. So kämen etwa immer mehr Lehramts-Studierende ohne jegliche religiöse Sozialisation an die Hochschule. Die Studierenden hätten dabei sehr wohl Interesse an Religion, sie besäßen jedoch "keine Symbolisierungsfähigkeit mehr", sagte Greiner. Auf einer emotionalen und spirituellen Ebene werde Kirche oftmals positiv wahrgenommen, selten jedoch die "kognitive Kraft" des Glaubens erkannt.
Der evangelische Oberkirchenrat Prof. Raoul Kneucker bezweifelte in der Debatte das Hauptergebnis des Religionsteils der Wertestudie, wonach sich im Bereich der Religionen eine Pluralisierung in der Gesellschaft statt einer Wiederkehr abzeichne. Er nehme stattdessen beide Phänomene gleichzeitig war. "Wir haben es heute mit privater, selbst gestrickter und sehr diffuser Religion zu tun", sagte Kneucker.
Ein scheinbares Paradoxon in der Entwicklung des Verhältnisses von Kirche und Gesellschaft sei, "dass sich viele Kirchen- und Religionsferne gerade von Kirche erwarten, dass sie als moralische Instanz auftreten", so Kneucker. Zusammen mit der größeren Bedeutung, die die Politik der Religion beimesse, beinhalte dies auch Chancen für die Kirchen. "Diese neue Rolle der Religionen kann aber nur gedacht werden, wenn man die Pluralität annimmt".