Europa braucht Konsens über "innere Hausordnung"
Wien, 12.6.06 (KAP) Die Religionen müssen sich in die europäische Wertedebatte einbringen, betonte der Wiener Caritasdirektor Michael Landau bei einer Podiumsdiskussion des Wiener "Instituts für die Wissenschaften vom Menschen" (IWM) über die integrative Kraft von Religionen im neuen Europa. Er sei überzeugt, so der Wiener Caritasdirektor, dass ein vielfältiges Gemeinwesen wie Europa "einen Konsens über Werte und Normen als eine Art innere Hausordnung" benötigt. Landau: "Da geht es um Rechte, aber auch um Pflichten, da geht es um kulturelle Vielfalt, nicht um Monokultur, da geht es um die Überzeugung, dass Integration beide Seiten verändert und bereichert und dass sie ein Prozess auf Gegenseitigkeit ist, also eine Bringschuld, wie auch eine Holschuld mit dem Ziel des friedlichen und respektvollen Miteinanders". Zugleich müsse man betonen, dass Europa ohne Migration und Integration nicht zu denken und nicht zu verstehen sei.
Gerade Österreich habe hier den Vorteil und die Chance einer langen und positiven Tradition im Umgang mit dem Islam, so Landau. Zugleich kritisierte der Wiener Caritasdirektor aber auch die fehlende echte Religionsfreiheit für Christen in der islamischen Welt und forderte Reziprozität ein. Zum Auftrag der Kirchen und Religionsgemeinschaften im gemeinsamen Haus Europa gehören laut Landau auch "Wachsamkeit und Widerspruch, nicht zuletzt im Blick auf religiösen, wie auch im Blick auf laizistischen Fundamentalismus".
Konkrete Aufgaben für die Religionsgemeinschaften sah der Caritasdirektor u.a. auch im Bekenntnis zur "absoluten Würde jedes Menschen", in der Achtung und Förderung des Lebens sowie im Bereich von Barmherzigkeit und dem Einsatz für Solidarität, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.
Kritik an Ghettoisierung der Muslime
Der britische Politologe Lord Bhikhu Parekh sprach sich für eine Integration der Muslime in Europa aus, die diesen Namen auch tatsächlich verdiene. Obwohl bereits Millionen Muslime in Europa leben, gebe es noch keinen wirklichen Dialog mit dem Islam, so Parekh, der die Ghettoisierung der Muslime kritisierte. Es brauche mehr Interaktion, die von beiden Seiten ausgehen müsse. Am Beispiel der Hindus, denen er auch selbst angehört, berichtete Parekh von gelungener Integration in Großbritannien. Die Hindus hätten sich mit viel Selbstbewusstsein erfolgreich in die britische Gesellschaft integriert. Von den Muslimen könne man dies nicht behaupten.
Was hält Europa zusammen?
Im Rahmen der Veranstaltung wurden auch zwei von IWM-Direktor Krzysztof Michalski herausgegebene Bände vorgestellt: "Conditions of European Solidarity". (Vol. I: "What Holds Europe Together?" Vol. II: "Religion in the New Europe"). Darin behandeln zahlreiche internationale Wissenschaftler die Frage nach jenen integrativen Werten und Kräften, die Europa in der Zukunft ausmachen sollen und werden. Zu den Autoren zählen u.a. der frühere polnische Außenminister Bronislaw Geremek, der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der ehemalige deutsche Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, der Professor für Philosophie und Recht an der Northwestern University in Chicago, Charles Taylor, sowie der amerikanische evangelische Religionssoziologe mit österreichischen Wurzeln, Peter L. Berger.
Linktipp:
Institut für die Wissenschaft vom Menschen, Wien