Sommerakademie im Stift Kremsmünster eröffnet
Heuer im Zeichen von Darwin. Plädoyer für das Gespräch von Glauben und Naturwissenschaft vom Tübinger Theologen Hünermann
Image (img2) invalid or missing |
Linz (KAP) Mit einem Plädoyer für das Gespräch von Glauben und Naturwissenschaft eröffnete der Tübinger Theologe em.Prof. Peter Hünermann am Mittwoch, 15. Juli, die 11. Ökumenische Sommerakademie im oberösterreichischen Stift Kremsmünster. Hünermann führte das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaften auf die vorausliegende Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft zurück. So aktuell die Debatte heute erscheine, so sehr habe sie bereits bei Augustinus und bei Thomas von Aquin stattgefunden. Glaube werde hier als Form des zustimmenden Denkens definiert.
Kirchengeschichtlich stelle jedoch das Erste Vatikanische Konzil einen ersten Versuch dar, diesen Kernsatz dogmatisch zu reflektieren. Dabei könne dieses Konzil jedoch nur als "50- Prozent-Lösung" angesehen werden, so Hünermann. Erst das Zweite Vatikanische Konzil habe durch sein dialogisches Offenbarungsverständnis den Weg geöffnet, dass Glaube und Vernunft als einander ergänzend aufgefasst werden. Heute könne daher das Erste Vaticanum nur mehr vom Zweiten Vaticanum her gelesen werden.
Diese Einsicht sei auch für den Fortgang des Dialogs mit den Lefebvrianern wesentlich, da diese den umgekehrten Weg propagierten, so Hünermann. Die Texte des Zweiten Vaticanums müssten heute als "konstitutionelle Texte der Kirche in der Moderne" verstanden werden. Während die Lefebvrianer meinen, die Texte des Zweiten Vaticanums seien nur pastoral und nicht dogmatisch, hätten die Konzilsväter erkannt, dass das "aggiornamento" nur im Dialog mit der Welt gelingen könne und dieser Dialog auch nach einer neuen Text- und Sprachform verlange.
Um die Realisierung des Konzils weiter voranzutreiben, ist es laut Hünermann notwendig, auch die kirchenrechtliche Umsetzung der Konzilsbeschlüsse weiter anzupassen. Das kirchliche Rechtsbuch, der "Codes Iuris Canonici" von 1983, sei in relativ kurzer Zeit erarbeitet worden. Hier sei eine Anpassung dringend notwendig.
Insgesamt zeigte sich Hünermann jedoch zuversichtlich, dass das Zweite Vaticanum "fest im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert" ist. Dies habe etwa die durchwegs kritische Reaktion auf die Aufhebung der Exkommunikation der lefebvrianischen Bischöfe gezeigt. Es gebe letztlich für die Kirche kein Zurück mehr hinter das im Zweiten Vaticanum erreichte Niveau der Auseinandersetzung zwischen Glauben und säkularem wissenschaftlichen Vernunftdenken.
Weltbild ohne religiöse Fragestellung
Einen nüchternen Blick auf ein gänzlich ohne religiöse Fragestellungen auskommendes evolutives Weltbild unternahm der Wiener Biologe und Wissenschaftstheoretiker Prof. Franz Wuketits. Insbesondere die von der Religion festgehaltene Teleologie - die Zielgerichtetheit von Entwicklung - ist evolutionstheoretisch nach Auffassung von Wuketits nicht haltbar. Nach Charles Darwin folge Entwicklung keinem Plan, sondern verlaufe in einem "Zickzackkurs" und richte sich einzig nach dem Konzept der natürlichen Auslese. Entsprechend dürfe im strengen Sinne Darwins auch der Mensch für sich keine Sonderstellung in der Welt reklamieren.
Dennoch lasse sich aus diesem evolutiven Weltbild ein "evolutionärer Humanismus" gewinnen, so Wuketits. "Wenn wir nämlich einsehen, dass wir alle auf dem selben Stammbaumast sitzen, dann können wir Rassismus und Rassenhass nicht mehr evolutiv begründen. Ein Sozialdarwinismus ist von Darwin her gar nicht möglich". Naturwissenschaft und Religion könnten sich daher laut Wuketits dort treffen, wo sie beide für die "Bewahrung des Humanums" eintreten.
Wahrheit und Wissen
Für eine Unterscheidung von Wahrheit und Wissen plädierte der Wiener Physiker em.Prof. Herbert Pietschmann. Die Wahrheit von Glaubenssätzen sei nicht mit jener "Wahrheit" zu verwechseln, die sich aus naturwissenschaftlich überprüfbaren Erkenntnissen ergebe. Während nämlich die Naturwissenschaften ein rein kausales Denk- und Wahrheitsprinzip verfolgten, ziele der religiöse Wahrheitsbegriff auf ein "finales Denken". Pietschmann wörtlich: "Die Evolutionstheorie hat den Anspruch erhoben, die Vielfalt der Arten in ihren kausalen Zusammenhängen zu beschreiben. Das hat sie auch erfolgreich unternommen. Aber daraus zu schließen, dass es keine Finalität gebe, ist ein Irrtum".
Es dürfe daher weder von Seiten des naturwissenschaftlichen Denkens noch von Seiten der Theologie eine Überschreitung der jeweiligen methodischen Grenzen geben. Wo die naturwissenschaftliche Methode ihre Erkenntnisgrenzen überschreite, münde sie letztlich in den Atheismus, wo die Religion hingegen ihren Wahrheitsbegriff auf die kausalen Zusammenhänge ausdehne, liege der Schritt etwa zum "intelligent design" nahe. Pietschmann: "Daher sind 'intelligent design' und Atheismus letztlich das selbe - nur mit umgekehrten Vorzeichen".
Eröffnung mit Pühringer, Sturm, Aichern
Vor den drei ersten wissenschaftlichen Beiträgen hatten am Mittwochnachmittag der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen, der lutherische Altbischof Herwig Sturm, und Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer die Sommerakademie offiziell eröffnet. Pühringer betonte in seiner Eröffnungsrede, dass Christentum und Wissenschaft einander nicht feindlich gegenüber stehen dürften: "Die Naturwissenschaften sind keine Bedrohung für den christlichen Glauben".
Altbischof Sturm begrüßte zur Eröffnung auch die zahlreichen anderen Kirchenvertreter, die nach Kremsmünster gekommen waren; unter ihnen der Linzer Altbischof Maximilian Aichern mit Generalvikar Severin Lederhilger, der altkatholische Bischof John Okoro und der frühere evangelische Superintendent Hansjörg Eichmeyer. Die christlichen Kirchen, so Sturm, dürften sich nicht nur miteinander beschäftigen, "sondern auch mit der Welt, in die sie gesandt sind".
Die Sommerakademie steht heuer unter dem Titel "Den Himmel offen lassen - Der christliche Glaube in der Herausforderung des wissenschaftlichen Weltbildes" und dauert bis Freitag, 17. Juli.