"Wir brauchen Klarheit und Wahrhaftigkeit"
Wien, 15.6.06 (KAP) Gerade in einem "Jahr des Wahlkampfs" gelte es, die Sprache zu "kultivieren", sagte Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstag beim traditionellen Wiener Stadtumgang zum Fronleichnamsfest. Die Sprache müsse von Klarheit, Wahrhaftigkeit und Einfachheit geprägt sein, stellte der Wiener Erzbischof fest. Es gehe darum, das Wort zum Aufbau und zum Trösten zu verwenden, nicht zum Zerstören.
Die "Brücke zwischen Wort und Wirklichkeit" dürfe nicht auseinander brechen, erinnerte Kardinal Schönborn. Diese Übereinstimmung zwischen Wort und Wirklichkeit sei das, was man zu Recht Wahrheit nenne. Wenn zwischen Wort und Wirklichkeit eine immer größere Kluft entsteht, dann werde die Lüge zur täglichen Umgangsform. Dabei gehe das Kostbarste in jeder menschlichen Gesellschaft verloren: das Vertrauen, die "Handschlagqualität", das "Wissen, dass das Wort gilt". Die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts habe die "vernichtende Kraft der Lüge" vor Augen geführt.
Der Wiener Erzbischof verwies auf die "Euthanasie"; mit diesem Wort vom angeblichen "guten Tod" habe das NS-Regime die Mordaktion an behinderten, alten und kranken Menschen verschleiert. In diesem Zusammenhang begrüßte es Kardinal Schönborn, dass es in Österreich einen "tiefen und hoffentlich haltbaren Konsens" unter allen politischen Parteien gebe, dass "wir diese Lüge vom 'guten Tod' nicht wollen". Ein anderes Beispiel sei das Wort von der "Schwangerschaftsunterbrechung", als ob hier etwas "wieder fortgesetzt werden könnte".
Kardinal Schönborn unterstrich in seiner Ansprache auf dem Wiener Josephsplatz die zentrale Bedeutung des Wortes in der christlichen Glaubensbotschaft. Der Prolog des Johannes-Evangeliums, "einer der schönsten und dichtesten Texte der Heiligen Schrift", zeige die Wirkmächtigkeit des "Wortes, das Gott ist": "Was es sagt, geschieht". Das Wort Gottes, der "Logos", habe "alles ins Sein gebracht, allem Sein und Leben gegeben".
Die Welt leugne zwar ihr Geschaffensein, sie habe das Staunen verlernt und nehme alles als "banale Selbstverständlichkeit", aber Gott lasse sich auch heute nicht "abschieben"; im Unterschied zu allen mythischen, religiösen und literarischen Vorstellungen sei Gott in Jesus Christus "real, konkret und wahrhaftig" in der Welt anwesend, so der Wiener Erzbischof. Daran erinnerten die Christen bei der Fronleichnamsprozession, bei der Christus im eucharistischen Brot "dankend, betend, lobend" in den vielen Prozessionen durch das Land getragen wird.
Es sei bedauerlich, wie wenig schon das irdische Brot heute geschätzt wird, sagte Kardinal Schönborn. In einer Millionenstadt wie Wien werde täglich so viel Brot weggeworfen wie die nächstgrößere Stadt des Landes - Graz - braucht. Auch die Kostbarkeit des eucharistischen Brotes werde von vielen nicht mehr wahrgenommen, wenn sie ohne Vorbereitung zur Kommunion gehen.
Am Stadtumgang nahmen mehr als 7.000 Gläubige teil, unter ihnen auch Repräsentanten des öffentlichen Lebens wie der Präsident des Obersten Gerichtshofs, Johann Rzeszut, der neue Wiener Militärkommandant Franz Reiszner und die Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, Ursula Stenzel. In besonderer Weise dankte Kardinal Schönborn dem Apostolischen Nuntius in Österreich, Erzbischof Edmond Farhat für seine Teilnahme an der Prozession. Darin komme die enge Verbindung der Kirche in Österreich mit dem Papst zum Ausdruck.