"Kirchen haben schlechtes Image nicht verdient"
Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner betont im "Standard"-Interview die vielfältige Bedeutung des Religionsunterrichts. Zulehner: "Wir haben die Religion in die Sakristeien verbannt"
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Prof. Paul Zulehner |
Wien, 14.08.2009 (KAP) Junge Menschen sollten in der Schule lernen, "wer sie sind, wie sie widerständig sein können und wie sie nicht ständig eine Unterwerfungsbereitschaft entwickeln, wie wir sie im Dritten Reich hatten". Das betont der Wiener Pastoraltheologe em. Prof. Paul Zulehner in einem Interview für die Internet-Ausgabe des "Standard" (derstandard.at).
Eine hohe Bedeutung bei dieser Erziehungsaufgabe misst Zulehner dem schulischen Religionsunterricht zu: "Natürlich kann man ethische Prinzipien auch auf der Basis eines Atheismus oder eines gesunden Humanismus entwickeln." Solange aber 75 Prozent der Leute ihre Ethik auch religiös begründen, sei es sinnvoll, "dass auch dort die Menschen geformt werden".
Der Religionsunterricht habe auch die Aufgabe, die "kulturelle Dimension der Religion ausreichend zu thematisieren" und sich nicht nur innerkirchlichen Anliegen zu dienen. Wichtig ist laut Zulehner auch eine Basis-Kenntnis aller großen Weltreligionen und des Atheismus. "Wir leben in einer Welt, die sich kulturell und religiös immer mehr durchmischt. Es ist eine Frage des Friedens, ob die Religionen einander schätzen und sagen, jede trägt irgendetwas vom Ringen um die Frage Gottes in sich", argumentiert der Pastoraltheologe. Ein Christ könne beispielsweise von einem Moslem lernen, dass das konkrete Alltagsleben mehr mit dem Gottesglauben zu tun hat, als das in Europa mit seiner feinsäuberlichen Trennung von Religion und Öffentlichkeit gesehen werde. Zulehner: "Wir haben die Religion in die Sakristeien verbannt."
Am "Vokabel Gott" kommt man nicht vorbei
Religionsunterricht solle aber auch Raum dafür geben, die Religion per se in Frage zu stellen, sagte der Wiener Theologe: "Wo der Mensch die Religion infragestellt, bewegt er sich auf dem religiösen Feld" und mache deutlich, dass man - auch in Form der Negation - am 'Vokabel Gott' nicht vorbeikommt. Die Religionen müssten eigentlich am meisten fürchten, dass Gott gar nicht mehr infragegestellt wird", so Zulehner wörtlich.
Der Theologe und Sozialforscher, der derzeit an der Auswertung der jüngsten Europäischen Wertestudie arbeitet, berichtet im "Standard"-Interview auch vom Trend, dass Unterwerfungsbereitschaft gerade unter Jugendlichen derzeit kulturell wieder begünstigt werde. Bei der Nationalratswahl im vergangenen Jahr habe sich gezeigt, "wie massiv rechts die Unter-Dreißigjährigen gewählt haben". Das sei nicht auf einzelne Rechtspopulisten zurückzuführen,
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Religionsunterricht habe auch die Aufgabe, die "kulturelle Dimension der Religion ausreichend zu thematisieren" |
sondern auf eine Gesellschaft, die nicht mehr imstande sei, "widerständige Leute hervorzubringen".
Fraglose Studierende
Auch im Lauf seiner 25-jährigen Lehrtätigkeit an der Universität Wien habe Zulehner verwundert festgestellt, dass - wie er sagte - "die Studierenden immer fragloser geworden sind" und sich von Kritik distanziert hätten. "Die Generationen haben sich verändert", konstatiert der Pastoraltheologe: "Die jüngere Generation braucht mehr Ich-Stärke, mehr Kampffähigkeit, mehr Daseins-Kompetenz, auch die Fähigkeit, mit Unsicherheiten zu leben. Aber: Es wächst die Unsicherheit und es schwindet die Daseins-Kompetenz."
"Kirchen haben schlechtes Image nicht verdient"
Die Tatsache, dass sich laut Wertestudie nicht einmal mehr jeder zweite Jugendliche als religiös bezeichnet, will Zulehner nicht überbewerten. Er bezweifle, dass sich die jungen Leute wirklich von der religiösen Dimension des Lebens wegentwickeln. Denn gleichzeitig mit dem Rückzug des Begriffs "Religion" stabilisiere sich der Gottesglaube. Laut Zulehner werde "Religion" immer noch sehr stark mit den christlichen Kirchen verbunden, die hierzulande jedoch "ein so schlechtes Image" hätten, "wie sie es eigentlich gar nicht verdienen". Die Kirchen würden sich durchaus in Fragen wie Ökologie und Gerechtigkeit engagieren - auch für politisch wache Jugendliche "Top-Themen". Dennoch sei es der katholischen Kirche in Österreich "gelungen", dass sich eine Kluft entwickelt hat.
Zulehner gesteht zu, dass sich die zehn Jahre vor der jüngsten Wertestudie abzeichnende Wiederkehr der Religion in Österreich nicht so deutlich fortgesetzt habe wie vermutet: "Wir haben gedacht, dass der Megatrend der Respiritualisierung stabiler und stärker ist." Aber es habe sich erwiesen, dass es "neben einem sich verdichtenden kleineren kirchlichen Feld ein wachsendes atheisierendes Feld gibt" und dazwischen ein weltanschaulich buntes "spirituelles Feld".
Schule: Gegen frühe Selektion
Im Blick auf anstehende Schulsystemreformen plädiert Zulehner gegen eine frühzeitige soziale Selektion, die Armut verfestige und auch in kulturelle Armut münde. Bildung solle auch nicht nur auf Funktionalität im Sinn des Marktes ausgerichtet sein. Die Tendenz, vorrangig in die Naturwissenschaften zu investieren und die Geisteswissenschaften "links liegen zu lassen", kenne er auch von den Universitäten. "Dass die Wirtschaft sagt, sie braucht handlungsfähige Leute in den Wirtschaftsbetrieben, ist legitim", so Zulehner: "Aber es ist zu wenig, wenn man die gesamte Schule auf ökonomistische Interessen zurückschneidet. Man raubt dem Menschen letztlich seine Flügel."
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