"Wir sind herausgefordert, das 'Ja zum Leben' zu fördern"
Ansprache in Klagenfurt:
Lieber Herr Bischof! Liebe Pilgerinnen und Pilger! Liebe Gäste am Ufer
und auf den Booten! Lieber Herr Altbürgermeister! Liebe Frau Herzig als
Vertreterin des Bürgermeisters!
Seit 55 Jahren findet diese Wallfahrt statt und Jahr für Jahr begrüßen
wir Maria mit dem Gruß, mit dem unzählige Male auf der ganzen Welt Maria
gegrüßt wird: Gegrüßet seist du, Maria. Sie ist der eigentliche
Ehrengast heute. Sie ist der Ehrengast auf dem Marienschiff und wir sind
eigentlich ihre Gäste. Sie hat für uns alle Platz, weil sie für uns alle
ein Herz hat. In ihrem Herzen ist Platz für uns alle.
Was ist das, so frage ich mich oft, dass Maria überall auf Erden, in
allen Ländern, allen Sprachen, allen Nationen geliebt wird? Es kann doch
wohl nur den einen Grund haben, dass sie ein Herz hat, das so groß ist,
so weit ist, dass kein Mensch sich von ihr ausgeschlossen fühlt. Mit der
Weite ihres Herzens umfasst sie die ganze Menschheit und jeden
Einzelnen. Ihr Verstehen kommt aus ihrem großen Herzen. Sie hat Erbarmen
mit jedem Menschen. Für Maria gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Dort,
wo wir Menschen versucht sind, andere abzuschreiben, auszugrenzen,
abzuschieben - da hat sie immer noch ein Herz, weil sie immer noch
Hoffnung hat. Weil sie in jedem von uns das Gute sieht und weiß, dass
dieses Gute stärker ist. Sie ist die Mutter aller Lebenden.
In diesem Vertrauen beginnen wir die Wallfahrt. Im Vertrauen zu ihr und
durch sie zu ihrem Sohn. Wir bitten sie für uns, für alle, die wir im
Herzen auf dieser Wallfahrt mitnehmen. Wir bitten sie jetzt und in der
Stunde unseres Todes. Amen.
Ansprache in Krumpendorf:
Liebe Pilgerinnen und Pilger auf den Booten! Liebe Teilnehmer am Ufer!
Auf das Wort des Engels hin hat Maria geantwortet: "Mir geschehe, wie du
gesagt hast. Mir geschehe nach deinem Wort". Das Ja-Wort Marias hat die
Welt verändert. Sie hat ja gesagt im Glauben, ohne zu wissen, wohin sie
das führen wird. Sie hat sich auf Gott eingelassen, auf sein Angebot.
Aber fragen wir uns: Was bedeutet das für uns? Ich darf Ihnen drei kurze
Gedanken dazu sagen:
1. Wer ja sagt, sagt nicht nur ein Wort, sondern er tut etwas.
2. Aber woher wissen wir, dass wir auch durchhalten können, wenn wir
Gott das Ja-Wort sagen?
3. Ohne Ja-Wort gibt es keine Bindung. Erst die Bindung macht uns frei.
Der erste Gedanke: Wer ja sagt, tut gleichzeitig etwas. Wenn zwei
Menschen einander das Ja-Wort zur Ehe geben, dann tun sie gleichzeitig
das, was sie mit dem Wort sagen. Sie schließen einen Bund, und dieser
Bund ist fürs Leben: "Ich verspreche dir Treue". Eigentlich können wir
uns nicht vorstellen, dass man das nur provisorisch tut und zum Beispiel
sagt: "Ich verspreche dir Treue für die nächsten drei Monate oder die
nächsten drei Jahre". Es ist etwas, das uns ganz betrifft. Das Ja-Wort
bindet und schafft eine neue Wirklichkeit. Und bei vielen, die einander
das Ja-Wort gegeben haben, ist dann die Frucht normalerweise das Kind,
die Kinder, die die beiden binden, weil es ihre Kinder sind.
Unverbindlichkeit tut auf die Dauer niemandem gut, ja sie tut uns sogar
weh. Maria ist das Ja zum Bund Gottes mit den Menschen. Aber ihr Ja-Wort
ist eine Antwort. Am Anfang steht Gottes Ja - und das ist nicht
unverbindlich, denn er macht Ernst, er wird Mensch durch das Ja-Wort
Marias. Endgültig. Er sagt nicht: "Ich probier's einmal. Ich werde auf
Probe Mensch", sondern er ist wirklich und für immer einer von uns
geworden. Und das heißt für uns: Sein Ja ist treu und fest. Wie schön
ist es, wenn wir uns darauf einlassen, auf seine Treue. Maria hat sich
darauf eingelassen und hat ja gesagt, und dieses Ja machte sie zur
Mutter des Erlösers - für immer.
Der zweite Gedanke: Wir alle wissen, menschliche Ja-Worte sind
gebrechlich, sie können auch scheitern. Das Ja-Wort der Ehe, aus ganzem
Herzen gesprochen, kann doch im Leben auch scheitern. Maria fragt zu
Recht den Engel: "Wie soll denn das geschehen?" Es scheint ihr schwer:
Wie soll sie ein Kind bekommen, wo sie doch nicht verheiratet ist? Was
wird man sagen? Was werden die Leute sagen? Man wird auf sie zeigen.
Viele junge Menschen haben heute nicht erlebt, was es heißt, wenn ein
Ja-Wort ihrer Eltern ein ganzes Leben lang hält. Durchhält durch alle
Prüfungen, durch alle Höhen und Tiefen. Wir müssen als Menschen sehen
können, dass das Ja-Wort möglich ist, dass es hält. Wir müssen es
erfahren können. Viele von uns erleben heute das Scheitern des
Ja-Wortes. Wenn wir es in der Familie erleben, bei den Eltern, unseren
Bekannten, Verwandten, Freunden - wenn wir rundum sehen, wie brüchig
Beziehungen sind, dann wird es umso wichtiger, dass wir im Glauben
erfahren: Trotzdem ist Gott treu. Mit ihm im Bund kann ein Ja-Wort
gelingen, denn bei ihm ist nichts unmöglich.
Damit bin ich bei meinem dritten Gedanken: Warum haben heute so viele
Menschen Scheu, sich zu binden? Weil wir zu oft erleben, dass Bindungen
brüchig sind, dass sie nicht halten. Und so leben wir in vieler Hinsicht
in einer provisorischen Haltung. Wir schauen einmal, wir halten uns
möglichst viele Möglichkeiten offen. Aber wer sich alles offen halten
will, dem zerrinnt das Leben in den Händen. Erst Bindung macht das Leben
fest, bindet es und lässt damit das Leben Gestalt annehmen. Hingabe
macht das Leben erst lebendig. Aber diese Hingabe, dieses Engagement,
dieser Einsatz hat nur dann einen Sinn, wenn ich weiß: Selbst wenn ich
es nicht schaffe, Gottes Treue ist größer. Wenn ich mich von Gott
gehalten weiß, dann kann ich auch die Hingabe wagen, selbst dann, wenn
sie nicht ganz und hundertprozentig gelingt. Und deshalb ist Maria uns
das große Vorbild, weil sie diesen Schritt des Vertrauens getan hat:
Dein Wille geschehe. Auf deinen Willen lasse ich mich ein. Auf dein Wort
hin wage ich es, mich zu binden, wage ich es, ja zu sagen. Eigentlich
kann Bindung auch zwischen Menschen nur gelingen, wenn wir Gottvertrauen
haben. Nur in diesem Vertrauen kann ich mich binden, engagieren, kann
ich verbindlich sein und damit wirklich für andere da sein, ja sagen,
auch ins Ungewisse hinein. Ja zu Gott im Wissen, dass er zu mir "Ja"
gesagt hat und dass er treu ist. Amen.
Ansprache in Pörtschach:
Ich begrüße Sie alle, die an dieser Marien-Wallfahrt teilnehmen,
herzlich mit dem Gruß, mit dem Elisabeth, die Verwandte Mariens, sie
begrüßt hat, als Maria mit dem Kind unter dem Herzen zu ihr kam, zu ihr,
die ebenfalls ein Kind erwartete.
Im heutigen Festevangelium vom Großen Frauentag ist von dieser Begegnung
die Rede. Zwei schwangere Frauen begegnen einander. Beide tragen unter
dem Herzen ein Kind. Diese Begegnung ist etwas Wunderschönes, etwas ganz
Natürliches und gleichzeitig ganz Übernatürliches - ein Geheimnis des
Lebens und der Gnade. Und ich lade Sie ein, ein wenig diese Begegnung
der beiden Frauen mit mir zu betrachten. Elisabeth begrüßt Maria mit dem
Gruß, mit dem wir sie in jedem "Gegrüßet seist du, Maria" begrüßen: Du
bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines
Leibes.
Zwei schwangere Frauen - Maria und Elisabeth. Oft hat die Kunst diese
Szene dargestellt, wie sie einander umarmen, wie sie einander begegnen,
sich küssen. Es ist ein ganz schlichter, einfacher Vorgang, wie er oft
vorkommt. Und er ist doch etwas ganz Wunderbares. Es ist das Geheimnis
der Schwangerschaft und hier noch mehr das Geheimnis der Menschwerdung
Gottes, der ein Menschenkind im Schoß Mariens wird und seinem
Verwandten, dem noch nicht geborenen Johannes dem Täufer begegnet im
Schoß seiner Mutter Elisabeth.
Mich bewegt der Gedanke, dass wir alle, die wir hier auf den Schiffen
sind oder die Sie jetzt am Ufer sind - alle, ausnahmslos alle - im Schoß
einer Mutter zum Leben gekommen sind. Dass wir alle von einer Mutter
unter dem Herzen getragen wurden. Oder wie man auf Deutsch sagt: dass
unsere Mutter uns "ausgetragen" hat die volle Zeit der Schwangerschaft.
Ist es nicht angebracht, an diesem "Großen Frauentag" unseren Müttern zu
danken? Wir alle verdanken unser Leben dem Ja unserer Mütter. Manche
unserer Mütter haben lange gewartet und gehofft, bis sie ein Kind
bekommen konnten - so wie Elisabeth, die unfruchtbar war und dann doch
ein Kind bekommen hat. Andere wurden unerwartet Mütter, waren
erschrocken, als sie merkten, dass sie schwanger waren. Sie machten sich
Sorgen: Wie wird das gehen? Wie werden wir das schaffen? Aber sie sagten
dann doch ja zum Kind, das sie empfangen hatten. Sie hatten dieses
Vertrauen: Es wird schon gehen. Sie haben auf Gott vertraut. Er wird
schon helfen. Seine Gnade wird nicht fehlen. Und so sagten sie ja zu dem
Kind, das wir waren, und zu ihrer Mutterschaft.
Heute am Fest der Himmelfahrt Mariens dürfen wir wirklich allen unseren
Müttern danken, dass sie zu uns ja gesagt haben, dass sie uns das Leben
geschenkt haben. Ist es nicht ein wunderbares Geheimnis, es gibt keinen
anderen Lebensraum als den Schoß der Mutter, durch den Menschen in diese
Welt kommen können. Und Gott wollte auf diesem Weg Mensch werden. So wie
Elisabeth zu Maria gesagt hat: "Selig, die geglaubt hat, dass sich
erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ", so dürfen wir heute dankbar zu
unseren Müttern sagen: "Selig bist du, die geglaubt hat, die vertraut
hat, die ja gesagt hat zu dem Kind, das du empfangen hast, zu dem Kind,
das ich war".
Liebe Pilgerinnen und Pilger, ich lade Sie heute auch ein, für die
Mütter zu beten, die nicht ja gesagt haben zu dem Kind, das sie
empfangen hatten und die es nicht zur Welt gebracht haben. Es sind in
unserem heutigen Europa sehr viele, und es ist ein tiefes und
schmerzliches Drama, eine Wunde. Und ich sage Ihnen allen: Christus
verurteilt keine Frau, die es nicht über sich gebracht hat, dieses Ja zu
sagen, auch wenn es eine Sünde bleibt. Christus hilft jedem, zu bereuen
und seine Barmherzigkeit und seine Vergebung zu erfahren. Wie viel Not,
wie viel Leid, wie viele seelische Qualen, Selbstvorwürfe gibt es wegen
der Sünde der Abtreibung. Ich lade Sie ein, heute für die Mütter zu
beten, die zu ihrem Kind nicht ja sagen konnten aus Sorge um die
Zukunft, aus Panik, wie das geschehen solle. Aus welchen Gründen auch
immer, immer ist es eine tiefe Wunde, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind
nicht annehmen kann. Immer aber ist Jesus bereit, zu verzeihen, wenn wir
es bereuen und ihn, den barmherzigen Heiland, um Verzeihung bitten.
Maria und Elisabeth hatten tiefe Freude, einander zu begegnen mit ihren
Kindern unter den Herzen. Maria kam eilends zu Elisabeth ins Bergland
von Judäa, um ihrer älteren Verwandten zu helfen. Elisabeth war schon im
6. Monat schwanger. Wie wichtig ist es, dass wir einander helfen. Dass
wir alle helfen, dass Mütter mit dieser Situation zu Rande kommen und
auch die Väter, die Familien, die Nachbarn, die Freunde mithelfen. Viele
Menschen haben heute nicht mehr die Hilfe einer großen Familie, wo es
viele Kinder, Eltern, Großeltern, Verwandte gibt, wo die Familie ein
Sicherheitsnetz ist, das den Einzelnen auffangen kann, wenn es
Schwierigkeiten gibt. Heute leben viele von uns in Klein- und
Kleinstfamilien. Es müssen oft Mütter ihre Kinder allein erziehen mit
der ganzen Arbeitslast und den Sorgen des Alltags. Müssen leben unter
finanziellen Bedingungen, wo wenig Platz für Kinder ist. Meistens müssen
beide arbeiten. Da kann man verstehen, dass eine Schwangerschaft oft
Schrecken auslöst. Wie werden wir es schaffen?
Maria kam, um Elisabeth zu helfen. Und auch wir sind heute
herausgefordert, zu helfen. Zu helfen, wo immer es geht. Es genügt
nicht, einfach nur über die Abtreibung zu schimpfen. Mutter Teresa, die
Selige, hat gesagt: "Tötet die Kinder nicht. Gebt sie mir." Sie hat
nicht verurteilt, sie hat geholfen. Viele Tausende Kinder hat Mutter
Teresa so gerettet und es Eltern in der ganzen Welt, die keine Kinder
haben konnten, ermöglicht, Kinder zu adoptieren. Mein Vorvorgänger,
Kardinal Franz König, hat 1973 den "Hilfsfonds für Schwangere in Not"
gegründet als positive Maßnahme. In den mehr als 30 Jahren der Existenz
dieses Hilfsfonds wurde vielen Tausenden Müttern geholfen, um mit
schwierigen Situationen fertig zu werden. Nicht richten, nicht urteilen,
aber helfen, praktisch helfen - wie Maria zu Elisabeth gegangen ist und
einfach da war, um bei ihr zu sein. Das können wir alle, jeder nach
seinen Möglichkeiten. So können wir das Ja zum Leben ganz praktisch
fördern. Wir wollen heute unseren Müttern danken und allen mit danken,
die ihnen geholfen haben, ihr Ja zu uns zu sprechen. Maria, du Mutter
des Lebens, segne alle Mütter und tröste und stärke alle, die mit ihrer
Schwangerschaft nicht fertig geworden sind. Allen öffne dein
mütterliches, barmherziges, liebendes und weit offenes Herz. Amen.
Ansprache in Velden:
Liebe Pilgerinnen und Pilger auf den Schiffen! Liebe Gäste am Ufer hier
in Velden!
Maria hat bei der Hochzeit zu Kana zu den Leuten ein ganz kurzes und
wesentliches Wort gesagt: "Tut, was er euch sagt." Tut, was Jesus euch
sagt - das ist der Rat, den sie uns gibt. Sie weist ganz auf Jesus hin,
auf ihren Sohn. Und wenn wir als katholische Christen gemeinsam mit den
orthodoxen Christen Maria in besonderer Weise verehren, so tun wir das
nicht, um sie irgendwie vor ihren Sohn zu stellen oder gar über ihren
Sohn, sondern weil sie uns sagt: "Tut, was er, Jesus, euch sagt." Sie
verweist uns auf Jesus.
Viele von Ihnen kennen das Gnadenbild von Mariazell. Es zeigt uns Maria
mit ihrem feinen Lächeln, die mit großer Handgeste auf das Kind zeigt,
auf Jesus. So frage ich heute Abend: Was sagt uns Jesus? Was ist der
Kern seiner Botschaft? Ich möchte ein Wort hervorheben, das der
Evangelist Lukas uns von Jesus berichtet, indem er - fast möchte ich
sagen in einem Wort -zusammenfasst, worum es Jesus geht: Seid
barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Jesus will, dass wir Gottes
Barmherzigkeit kennen und leben. Maria verehren wir als die "Mutter der
Barmherzigkeit". So singen wir im Marienlied "Salve Regina".
Mutter der Barmherzigkeit. Aber was ist Barmherzigkeit? Da gibt es so
manche Missverständnisse. Ist es barmherzig, wenn wir einfach zu allem
ja und Amen sagen? Ist es barmherzig, wenn Eltern ihren Kindern alles
erlauben? Ist es barmherzig, wenn einfach gilt "anything goes"? In den
letzten Jahren hat mich immer diese Frage bewegt, wenn ich das
Evangelium betrachte: Was zeigt uns Jesus als die rechte Haltung der
Barmherzigkeit? Wie machen wir das? Dabei ist mir immer deutlicher
geworden, es gibt keine Barmherzigkeit ohne Wahrhaftigkeit. Wenn Jesus
zornig wird mit den Menschen, dann gibt es eigentlich nur einen Anlass.
Das ist die Heuchelei. Wo immer jemand wahrhaftig, ehrlich, in der
Wahrheit ist, dort kann Jesu Barmherzigkeit gewissermaßen zugreifen,
dort findet sie Platz. Keine Barmherzigkeit ohne Wahrheit. Denn erst die
Wahrheit macht frei und offen für die Barmherzigkeit. Wir können es auch
anders sagen: Wahrheit ohne Liebe ist grausam. Lieblos gesagte Wahrheit
kann erschlagen, kann verletzen. Aber Liebe ohne Wahrheit ist falsch,
ist nicht ehrlich.
In den Evangelien gibt es wunderbare Beispiele für das, was
Barmherzigkeit Jesu bedeutet. Ich denke hier an ein Beispiel - die
Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen in Samarien, die allein um
die Mittagsstunde Wasser schöpfen kommt. Nachdem Jesus eine Weile mit
ihr gesprochen hat, sagt er zu ihr: "Hol deinen Mann." Die Frau
antwortet: "Ich habe keinen Mann", worauf Jesus ihr sagt: "Ja, da hast
du Recht gesagt, du hast keinen Mann. Denn fünf hattest du und der, mit
dem du jetzt lebst, der ist nicht dein Mann." Er sagt ihr die Wahrheit,
aber er verurteilt nicht, er verletzt nicht. Es ist etwas ganz
Eigenartiges in der Art und Weise, wie Jesus uns vor die Wahrheit
unseres Lebens stellt - ohne Anklage, ohne Besserwissen, nicht von oben
herab, sondern voller Verstehen. Und so geschieht etwas ganz
Eigenartiges. Diese Frau, die sich wegen ihres Lebens geschämt und
versteckt hat, auf die alle ihre Mitbewohner gezeigt und sie verachtet
haben wegen ihres Lebenswandels, sie lauft in das Dorf und sagt zu den
Leuten: "Kommt, kommt! Da ist ein Mann, der hat mir alles gesagt, was
ich getan habe." Aber nicht anklagend, sondern befreiend. Und dann
geschieht etwas ganz Unglaubliches. Diese Frau, die so verachtet war,
führt die Menschen zu Jesus. Das ganze Dorf kommt mit und begegnet
Jesus. Diese Frau wird zur Missionarin, zur Verkünderin der
Barmherzigkeit Jesu. Ich glaube, das ist das Geheimnis der
Barmherzigkeit Jesu. Er schaut uns an, er kennt uns, er weiß um uns -
und in diesem Blick ist kein Verurteilen, sondern Annahme, tiefes
Verstehen und Barmherzigkeit.
Was muss das Besonderes sein bei Maria, wenn wir sie "Mutter der
Barmherzigkeit" nennen. Heißt das nicht: Selbst wenn meine Mutter mich
kritisiert und verurteilt, Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, tut es
nicht. Ich kann zu ihr kommen ohne Lüge, ohne Maske, ohne Verstellung.
Ich brauche vor ihr kein Theater zu spielen, ich brauche mich nicht zu
verstecken. Auch meine Not und mein Versagen werden nicht dazu führen,
dass sie sich abwendet von mir. Deshalb bitten wir Maria: Wende deine
barmherzigen Augen uns zu und nach dem Elend dieses Lebens zeige uns
Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes. Amen.
Ansprache in Maria Wörth:
Liebe Gläubige hier auf den Wallfahrtsschiffen! Liebe Gäste am Ufer!
Am heutigen "Großen Frauentag" ist das Tagesevangelium das
Festevangelium der Heimsuchung. Maria eilt ins Bergland von Juda, um
ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen und ihr zu helfen. Maria trägt das
Kind unter dem Herzen, das ihr verheißen ist, der Sohn Gottes, der
Mensch wird in ihr. Und Elisabeth, die unfruchtbar war, hat ein Kind
empfangen in ihrem Alter und ist schon im sechsten Monat. Nun begegnen
einander die beiden Frauen. Es ist das nicht nur etwas besonders
Berührendes, wenn zwei Frauen, die ein neues Leben unter dem Herzen
tragen, einander begegnen. Es ist auch ein Symbol, ein Zeichen für das,
was uns allen aufgetragen ist. "Durch den Glauben", sagt der Apostel
Paulus, "tragen wir Christus im Herzen". Und darin sind wir Maria
vergleichbar.
Sie, die Christus in ihrem Schoß getragen hat, hat ihn als erstes zu
Elisabeth gebracht und damit gewissermaßen die christliche Grundberufung
zum Ausdruck gebracht, Christus zu den Menschen zu bringen,
Christusträger zu sein. Es ist ein Geschenk, diesen Namen tragen zu
dürfen, der mir in der Taufe gegeben wurde - Christophorus -
Christusträger. Maria bringt Jesus zu den Menschen. Und das Echo, das
Elisabeth unter ihrem Herzen spürt, das Kind, das in ihrem Schoß hüpft,
auch diese Erfahrung kennen wir. Die Freude, wenn in einer Begegnung
Christus in der Mitte ist, wenn wir einander in Christus begegnen, wenn
wir erfahren, wir sind nicht allein, sondern Gott ist in unserer Mitte.
Liebe Pilger, ist es nicht etwas Wunderbares, daran zu denken, dass
Maria Christus zu allen Völkern gebracht hat? Sie, die Jesus in
Bethlehem geboren hat, hört nicht auf, als Mutter des Herrn ihren Sohn
zu den Menschen zu bringen. Hier in Maria Wörth, wo sie seit
Jahrhunderten verehrt wird, werden wir daran erinnert, dass Maria Jesus
auch zu uns gebracht hat. An so vielen Orten, in so vielen Häusern und
Familien, in jeder Gemeinde, in jeder Kirche - überall wird Maria
geliebt und verehrt, weil sie Jesus zu uns bringt. Es bewegt mich am
Abschluss dieser Wallfahrt, Maria zu danken, dass sie die
Christusträgerin ist. Wir dürfen ihr, ihrem weiten Herzen, ihrer großen
Liebe, ihrem großen Verständnis für alle Nöte von uns Menschen alle
Sorgen anvertrauen. Und so bitten wir am Schluss, dass Maria unser Land
segne, dieses wunderschöne Kärntnerland, unser Österreich, Europa und
alle Völker dieser Erde. Dass Maria uns helfe, selbst Christusträger zu
sein, Boten der Liebe und der Barmherzigkeit Jesu. Maria mit dem Kinde
lieb, uns allen deinen Segen gib. Amen