Ungarische und österreichische Bischöfe tagen
Mariazell, 19.6.06 (KAP) Erstmals tagen die katholischen Bischöfe Ungarns und Österreichs gemeinsam: am 20. Juni in Mariazell. Die Österreichische Bischofskonferenz hält von 19. bis 21. Juni unter dem Vorsitz von Kardinal Christoph Schönborn in Mariazell ihre Sommervollversammlung ab, der 20. Juni ist der Erörterung gemeinsamer Anliegen der österreichischen und der ungarischen Bischöfe gewidmet. Dabei geht es u.a. um die "Allianz für den freien Sonntag", um die Wallfahrts- und Minderheitenseelsorge in beiden Ländern und um die Seelsorge für die Rom und Sinti.
Um 11.15 Uhr feiern die 21 Bischöfe aus Ungarn und die 15 Bischöfe aus Österreich am Dienstag einen gemeinsamen Festgottesdienst in der Basilika von Mariazell, zu dem die Gläubigen herzlich eingeladen sind. Der ungarische Kardinal-Primas Peter Erdö ist der Hauptzelebrant, er wird auch die Predigt halten. Nach dem Gottesdienst findet um 12.30 Uhr im Superiorat in Mariazell eine gemeinsame Pressekonferenz mit Kardinal Christoph Schönborn und Kardinal Peter Erdö statt. Auch der übliche Bildtermin mit den Bischöfen ist für 20. Juni, unmittelbar im Anschluss an die Pressekonferenz, um 13.20 Uhr angesetzt.
Die gemeinsame Sitzung von ungarischen und österreichischen Bischöfen in Mariazell hat nichts mit "Nostalgie" zu tun, wie Kardinal Schönborn betont. Sie ist vielmehr eine konkrete Konsequenz des Mitteleuropäischen Katholikentags, der mit der "Wallfahrt der Völker" nach Mariazell am 22. Mai 2004 seinen Höhepunkt erreichte. Wenige Tage nach der historischen Erweiterung der Europäischen Union pilgerten damals an die 100.000 Gläubige aus ganz Mitteleuropa - darunter rund 14.000 Ungarn - in den steirischen Marienort.
Mariazell als Gnadenort der "Magna Domina Hungarorum" ist in besonderer Weise mit der ungarischen Geschichte verbunden. Davon zeugt beispielsweise das Tympanonrelief über dem Haupteingang der Basilika: Unmittelbar neben der Schutzmantelmadonna kniet König Ludwig I. von Ungarn mit einem Votivbild, das er 1365 gestiftet hat. Diese berühmte Marien-Ikone, die vermutlich um 1360 von Andrea Vanni, einem Künstler aus Siena, geschaffen wurde, befindet sich in der Schatzkammer von Mariazell und wird noch heute insbesondere von den ungarischen Pilgern sehr verehrt. Eine Statue von König Ludwig I. von Ungarn befindet sich links beim Haupteingang zur Basilika und ein Freskenzyklus an der Innenseite der Kuppel thematisiert in mehreren Darstellungen die Verbindung Ungarns mit Mariazell.
Nach der kommunistischen Machtergreifung in Budapest im Jahr 1947 war Mariazell für Exil-Ungarn der einzige erreichbare "ungarische" Wallfahrtsort. Mariazell wurde so auch zum Symbolort des geistigen Widerstands gegen den Totalitarismus; deshalb fand der Bekenner-Kardinal Jozsef Mindszenty in der Ladislaus-Kapelle der Basilika am 15. Mai 1975 seine letzte Ruhestätte. Kardinal Mindszenty, der 1971 Ungarn verlassen musste und dann die meiste Zeit seines Exils in Wien verbrachte, hatte noch am Vorabend seines Todes am 5. Mai 1975 sein Testament ergänzt: "Sollte ich in der Verbannung sterben, so bestatten Sie mich vorübergehend in der Wallfahrtsbasilika von Mariazell". Nach der "Wende" wurde die sterbliche Hülle des Kardinals am 4. Mai 1991 in seine ungarische Heimat überführt. Seither kommen nach wie vor jährlich tausende Pilger - darunter immer mehr Fußwallfahrer - aus Ungarn nach Mariazell. In der Basilika erinnert ein Stück Stacheldraht aus dem Eisernen Vorhang an der ungarischen Grenze an das Geschenk der wiederewonnenen Freiheit.