"Nichts ist verloren mit dem Frieden"
"Nichts ist verloren mit dem Frieden. Der Friedensappell von Papst Pius XII. in Radio-Ansprache war vergebens. Kurz darauf begann am 1. September 1939 mit dem Überfall von NS-Deutschland auf Polen der Zweite Weltkrieg - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Thomas Jansen und Alexander Reiser
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Papst Pius XII. |
Vatikanstadt, 25.08.2009 (KAP) "Nichts ist verloren mit dem Frieden. Alles kann mit dem Krieg verloren sein": Der dramatische Satz von Papst Pius XII. in seiner Radioansprache am 24. August 1939 - wenige Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durch den NS-deutschen Überfall auf Polen - ist unvergessen. Die vatikanische Diplomatie hatte - auch in Zusammenarbeit mit der italienischen Diplomatie, die mehrheitlich dem "Stahlpakt" zwischen Rom und Berlin abgeneigt war - den Papst rechtzeitig darüber informiert, was sich zusammenbraute.
Bis zuletzt hatte Pius XII. die Hoffnung nicht aufgegeben. Er setzte auf eine friedliche Beilegung des seit längerem schwelenden Konfliktes mit dem hitleristischen Deutschland. Noch am 31. August 1939 wandte er sich in einem eindringlichen Appell an die Regierungen in Berlin, Warschau, London, Paris und Rom. Er flehe "im Namen Gottes" die Regierungen von Deutschland und Polen an, alles in ihrer Macht stehende zu tun, "um jeden Zwischenfall zu vermeiden", schrieb Pius XII. Doch seine Worte gingen im Donner der deutschen Geschütze unter, die am 1. September das Feuer auf polnisches Territorium eröffnet hatten. Der Appell des Papstes verhallte wirkungslos. Sechs Jahre später war allen "Neunmalklugen" des Jahres 1939, all den Diplomaten, Politikern und Managern klar, dass der Papst recht gehabt hatte. Europa war zerstört; auch wenn es die westliche Wohlstandshälfte des Kontinents bis heute nicht wahrhaben will, ist Europa in seiner östlichen Hälfte immer noch schwer mitgenommen: Wer denkt an die Kriegsverluste Weißrusslands oder der Ukraine? Und auch im Westen Europas muss man nur die entsprechenden Orte aufsuchen, um noch heute - 70 Jahre später - den Geruch des Todes und der sinnlosen Zerstörung zu atmen.
Schon als Eugenio Pacelli im März 1939 zum Nachfolger Pius XI. gewählt wurde, hatte sich der frühere Apostolische Nuntius in Berlin und spätere Kardinal-Staatssekretär mit der akuten Kriegsgefahr in Europa konfrontiert gesehen. Aus seiner Berliner Zeit machte sich der nüchterne Römer Pacelli keine Illusionen über das menschenverachtende Denken der aus dem wilhelminischen Zeitalter stammenden deutschen "Elite". Er bemühte sich aber von Anfang an um eine Vermittlung zwischen den Fronten: Im April 1939 schlug er etwa Benito Mussolini eine Konferenz vor, um die Streitigkeiten zwischen Deutschland und Polen sowie zwischen Italien und Frankreich einvernehmlich zu beenden. Doch das Vorhaben scheiterte. "Trotz allem Gebrülle" könne er keine Kriegsgefahr erkennen, ließ ein scheinheiliger Hitler den Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo auf dem Obersalzberg wissen.
Überfall auf Polen verurteilt
In seiner ersten Enzyklika "Summi Pontificatus" vom 20. Oktober 1939 verurteilte Pius XII. den deutschen Überfall auf Polen mit unmissverständlichen Worten: "Das Blut unzähliger Menschen - auch von Nichtkämpfern - erhebt erschütternde Klage, insbesondere auch über ein so geliebtes Volk wie das polnische, dessen kirchliche Treue und Verdienste um die Rettung der christlichen Kultur mit unauslöschlichen Lettern in das Buch der Geschichte geschrieben" seien, heißt es darin. Auf eine ausdrückliche Verurteilung des nationalsozialistischen Deutschlands verzichtete der Papst indessen bewusst. Aber Pius XII. verurteilte auch die deutschen Aggressionen gegen Belgien, die Niederlande und Luxemburg in klaren Worten.
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Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Als erste Kampfhandlung wird der Beschuss der Westerplatte durch die "Schleswig-Holstein" bezeichnet |
In seiner Weihnachtsbotschaft von 1941 begründete Pius XII. seine unparteiische Haltung gegenüber den Kriegsparteien vor aller Welt: "Gott ist uns Zeuge, wie sehr Wir alle Völker ohne jegliche Ausnahme mit der gleichen Liebe umfassen. Um auch den Schatten einseitiger
Parteinahme zu meiden, haben wir uns bisher äußerste Zurückhaltung auferlegt". Neben diesen prinzipiellen Erwägungen bestimmten auch die schlechten Erfahrungen mit der letztlich gescheiterten Friedensinitiative von Benedikt XV. während des Ersten Weltkrieges (1917, als der Papst das "unnütze Blutbad" anprangerte) die Haltung des Pacelli-Papstes.
Pius XII. legte jedoch Wert darauf, dass seine Position nicht missverstanden wurde. Dem Münchener Kardinal Michael Faulhaber gegenüber erklärte er, dass er seine Haltung im Zweiten Weltkrieg bewusst stets mit dem Wort "Unparteilichkeit" umschreibe und nicht mit dem Wort "Neutralität". Denn dieses könne im Sinne einer passiven Gleichgültigkeit missverstanden werden, die dem Heiligen Stuhl einem solchen Geschehen gegenüber nicht anstehe.
Rege Diplomatie
Der Papst begnügte sich indessen nicht mit gelegentlichen öffentlichen Aufrufen zum Frieden. Insgeheim entfaltete er schon bald eine rege Diplomatie. Im ersten Kriegswinter vermittelte der Heilige Stuhl etwa Kontakte zwischen dem deutschen Widerstand und der britischen Regierung. Kurz darauf, im März 1940, empfing Pius XII. den deutschen Außenminister Joachim Ribbentrop. Zwar war der Papst sich durchaus bewusst, dass dieses Treffen ihm den Vorwurf einer diplomatischen Aufwertung Hitlerdeutschlands einhandeln würde. Aber er hoffte, so das schwere Los der Katholiken im nationalsozialistischen Deutschland zu lindern.
Pius XII. hielt bis zum Kriegsende 1945 an seiner unparteiischen Haltung fest. Manche Kritiker haben ihm deshalb später zumindest teilweise Sympathien für den Faschismus oder Nationalsozialismus unterstellt. Die meisten ernstzunehmenden Historiker sehen die Haltung des Papstes indessen mittlerweile als Ausdruck seines Amtsverständnisses an. Demnach wollte Pius XII. in erster Linie als oberster Seelsorger aller Katholiken handeln und nicht als "Politiker".