"Immer wussten Verantwortliche, dass es 'Unrecht' war"
Kardinal Schönborn übernahm Ehrenschutz für die am 1. September in Wien beginnende Ausstellung "Was damals Recht war... Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht"
Image (img3) invalid or missing |
|||
Wien, 1.9.09 (KAP) Im Rückblick auf das NS-Terrorregime geht es nicht darum, "die Täter von damals noch einmal zu verurteilen, sondern den Opfern von damals Ehrfurcht zu erweisen - und Mitgefühl den Angehörigen": Das unterstrich Kardinal Christoph Schönborn in einem Statement zur am 1. September im Wiener Nestroyhof beginnenden Ausstellung "Was damals Recht war... Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht", für die er mit anderen Persönlichkeiten den Ehrenschutz übernommen hat.
Der Titel der Ausstellung ist laut dem Wiener Erzbischof "ein Widerspruch in sich": Niemals war das 'Recht', was 'damals Recht' war, immer war es 'Unrecht'. Immer wussten die Verantwortlichen, dass es 'Unrecht' war".
Er habe den Ehrenschutz für die bis 15. Oktober geöffnete Wanderausstellung auch deshalb übernommen, "weil meine Familiengeschichte damit zu tun hat, die 'richtige' Seite zu wählen, trotz aller Probleme und Fragen", schrieb Schönborn in seinem Geleitwort. Und weil der zum Tod verurteilte Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter "seit Jahrzehnten" für ihn ein "Symbol des Vorrangs des Gewissens" sei, so der Kardinal weiter. Dieser "schlichte österreichische Bauer und Mesner" habe die Ereignisse ab dem 1. September 1939 (dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen) "durchschaut", erinnerte Schönborn: "Er hat sein Leben für seine Überzeugung hingegeben, die Kirche hat ihn zur Ehre der Altäre erhoben".
Opfern wie ihm und ihren zum Teil noch lebenden Angehörigen gelte es Respekt zu zollen. "Niemand verurteilt die vielen, die wertvolle Jahre ihres Lebens in einem absurden Krieg opfern mussten", schreibt Kardinal Schönborn wörtlich: "Aber es muss klar sein, dass dieser Krieg mit all seinen Begleiterscheinungen nichts mit Verteidigung usw. zu tun hatte. Es war ein sinnloses Geschehen, vielleicht auch Fortsetzung des ebenso 'unnützen Blutbads' (Papst Benedikt XV.) der Jahre ab 1914".
Opfer eines "verbrecherischen Krieges"
Auch die Mutter des Wiener Erzbischofs, Eleonore Schönborn, äußerte sich schriftlich über die unmittelbare Betroffenheit der Familie: "Im Oktober 1944 ist mein Mann, Hugo Graf Schönborn, in Belgien zusammen mit einem Flamen zu den Engländern übergelaufen. Mich hat dies nicht überrascht; denn vom Tag unserer Heirat 1942 in Prag an hat mein Mann mir gesagt, dass er dies tun werde, wenn die Chance sich ergäbe, eine englische Truppe zu finden. Die Gründe für diese Haltung habe ich mit ihm geteilt: Wir waren schon damals überzeugt, dass Hitler ein Verbrecher war und dass es richtig sei und dass das Gewissen es gebiete, möglichst wenig für diesen Krieg zu tun". Ihr Mann habe deshalb nie deutscher Offizier werden wollen, so Eleonore Schönborn weiter. Er habe als Gefreiter in Stalingrad gekämpft und sei verwundet mit einem der letzten Flugzeuge ausgeflogen worden: "Wie für so viele, die in Stalingrad gewesen sind, blieb bei ihm als beherrschendes Gefühl zurück, dass dieser Krieg nicht nur sinnlos und verloren, sondern verbrecherisch sei".
In der sudetendeutschen, deutschnational gestimmten Gesellschaft sei Hugo Schönborn "mit solchen Ansichten ein Außenseiter" gewesen. Nach seinem Überlaufen zu den Engländern sei er auf seinen Wunsch hin in die britische Armee integriert worden, habe es aber abgelehnt, mit der Waffe gegen seine ehemaligen Kameraden zu kämpfen, und sei als Dolmetscher beschäftigt worden. Eineinhalb Jahre nach Kriegsende sei sie in Graz wieder mit ihrem Mann zusammengetroffen, so Eleonore Schönborn abschließend.
Schau wurde für Österreich aktualisiert
Die Ausstellung "Was damals Recht war" wird in Wien vom Verein "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz" in Zusammenarbeit mit dem Verein "Gedenkdienst" veranstaltet. Die Wanderausstellung wurde bereits in Berlin, Köln, München und zuletzt Hamburg gezeigt, sie ist ein Projekt der Berliner Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" und wurde von den Veranstaltern für die erstmalige Präsentation in Österreich aktualisiert.
Den Ehrenschutz haben mit Kardinal Schönborn u.a. auch der evangelische Bischof Michael Bünker, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek übernommen.
Die Ausstellung behandelt in sieben Teilen die Geschichte der NS-Militärjustiz von ihren Wurzeln vor 1939 bis zum Ende des Krieges, wo sie bis zuletzt ihre verbrecherischen Urteile fällte und vollstreckte. Zentrale Bedeutung kommt dabei den Fallgeschichten der Betroffenen zu. Der wissenschaftliche Leiter, Thomas Geldmacher, wies am Montag im "Kathpress"-Gespräch auf die in der Ausstellung dargestellten Schicksale von Kriegsdienstverweigerern wie Jägerstätter, von Deserteuren, Gehorsamsverweigerern oder Selbstverstümmlern hin, die die unmenschliche Härte der NS-Militärjustiz zu spüren bekamen. Die Beweggründe dieser oft dezidiert christlich gesinnten Männer seien aber meist vielschichtig gewesen; der Fall Franz Jägerstätter sei durch die in den Briefen an seine Frau Franziska genannten christlichen Motive "eher ein Einzelfall", so Geldmacher.
In der Ausstellung werden auch die NS-Richter und Militärjuristen dargestellt. Schließlich widmet sich die Ausstellung der gesellschaftlichen und politischen Ausgrenzung, die den Opfern im Nachkriegsösterreich zuteil wurde. Hier wird auch der lange Kampf um juristische und politische Rehabilitierung nachgezeichnet, der erst 2005 teilweise abgeschlossen werden konnte.
Die Ausstellung "Was damals Recht war... - Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht" ist vom 1. September bis 15. Oktober im Theater Nestroyhof (Nestroyplatz 1, 1020 Wien) zu sehen. Die Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, am Sonntag 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Linktipp: