"Mission muss dem Frieden dienen"
Wien, 20.6.06 (KAP) Sowohl Christen als auch Muslime müssen ihren "Auftrag zur Mission so erfüllen, dass sie dem Frieden und der Gerechtigkeit auf der Welt dient": Das unterstrich der Professor an der katholisch-theologischen Universität Frankfurt und Islamexperte Christian Troll beim abrahamitischen Friedenssymposium in Wien. Mission im kirchlichen Verständnis bedeute, "die Grenzen zu den anderen hin zu überschreiten und ihnen in Respekt vor ihrem Anderssein das Evangelium so zu verkünden, dass sie sich eingeladen wissen, Jesus nachzufolgen und seine Frohbotschaft anzunehmen". Das Eintreten für Menschenwürde, humane Entfaltung und ganzheitliche Befreiung zähle nach dem Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Sendung der Kirche und bestimme daher auch die Mission, sagte Troll. Beim Konzil habe die katholische Kirche erstmals anerkannt, dass auch in anderen religiösen Traditionen "Saatkörner des Wortes" verborgen seien. Das friedliche und dialogische Miteinander der Religionen beinhaltetfreilich auch die Kritik an der Verletzung von Menschenrechten oder vorenthaltener Religionsfreiheit
Troll war einer von mehreren international renommierten Fachleuten, die sich beim kürzlich beendeten ersten abrahamitischen Friedenssymposium um Brückenschläge und Vorurteilsabbau zwischen Christentum, Judentum und Islam bemühten. Unter Federführung des Wiener Instituts "Friede", das sich dem interreligiösen Dialog verpflichtet weiß, wurde dabei der von allen drei monotheistischen Weltreligionen verehrte Stammvater als Symbol der Einheit und Integrationsfigur gewählt.
Nationalrats-Präsident Andreas Khol, der den Ehrenschutz für das Symposion übernommen hat, nannte die Geschichte Abrahams in einem Grußwort als beispielhaft für die Begegnung mit dem Fremden und mit den Anderen: "Abraham ist selbst in ein fremdes Land gezogen, das ihm zur Heimat geworden ist, und er ist uns bis heute ein Vorbild darin, wie wir dem anderen begegnen sollen", so Khol.
"Dschihad" kein Mittel zur "Zwangsbekehrung"
Die aus allen drei Religionen stammenden Referenten beleuchteten sowohl mögliche "Hindernisse" für den Dialog als auch "gangbare Wege". Der Generalsekretär des Instituts "Friede", Arhan Kardas klärte anhand von Texten aus dem Koran über die Bedeutung des Begriffs "Dschihad" auf; dieser sei im ursprünglichen Zusammenhang "kein Mittel zur Zwangsbekehrung" von Nicht-Muslimen, sondern leite sich aus dem arabischen Wort für "sich anstrengen" bzw. "sich für etwas einsetzen" ab.
Thomas Michel SJ, früherer Mitarbeiter im vatikanischen Sekretariat für den interreligiösen Dialog, präsentierte mit dem Gedankengut der Gülen-Bewegung einen möglichen Ansatz zum interreligiösen Austausch. Das in Wien und Innsbruck ansässige Institut "Friede" ist inspiriert von der mittlerweile in vielen Ländern der Erde ansässigen Bewegung rund um den türkischen Gelehrten Fethullah Gülen, der zu einer Symbolfigur des friedlichen und respektvollen Umgangs der Religionen miteinander geworden ist.
Gülen begann seine Predigertätigkeit in den 60er-Jahren in Ostanatolien, erinnerte Michel. Er beschäftigte sich jedoch auch mit sozialen Tätigkeiten, vor allem mit dem Unterricht von Kindern. Gülen begann von Stadt zu Stadt zu reisen und Vorträge zu halten, die Themengebiete übertrafen den Inhalt rein religiöser Predigten und behandelten den Darwinismus, Fragen zur sozialen Gerechtigkeit im Islam und wie gesellschaftliche Konflikte friedlich gelöst werden könnten. Gülen habe erkannt, "dass die Probleme der Moderne nicht nur die Muslime betreffen und dass ihre Lösung einer Zusammenarbeit über gesellschaftliche und konfessionelle Grenzen hinweg bedürfen", resümierte Michel.
Preise für Degasperi, Gleixner, Busek
Im Rahmen der Tagung fand auch eine Verleihung von Friedenspreisen an Persönlichkeiten statt, die sich um Völkerverständigung und interkulturellen Dialog in Österreich verdient gemacht haben. Geehrt wurden der katholische Künstler Ernst Degasperi, Christine Gleixner, die frühere Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Johann Bruckner von der Gruppierung "Kirche aus Verantwortung", Kurt Lauermann, Leiter der Religionsabteilung im ORF-Radio und Erhard Busek, der Vorsitzender des Institutes für den Donauraum und Mitteleuropa.
Kulturelle Akzente wurden mit einer Kurzaufführung aus Lessings "Ringparabel" und mit Besuchen des Friede-Institutes, einer Synagoge und des Stephansdoms gesetzt.
Nächstes Jahr plant das Institut "Friede" erneut ein "abrahamitisches Symposium". Der Veranstalter "Friede - Institut für Dialog" wurde unter anderem von Dechant Martin Ruprecht und der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien beraten. (Informationen im Internet: www.derfriede.at)