"Die Welt auch mit Augen des Nachbarn sehen"
Mariazell, 20.6.06 (KAP) Den Auftrag der Christen, zur Versöhnung der Völker beizutragen, hat der ungarische Primas und Vorsitzende der Ungarischen Bischofskonferenz, Kardinal Peter Erdö, am Dienstag bei beim gemeinsamen Gottesdienst der Österreichischen und Ungarischen Bischofskonferenz in der Basilika von Mariazell unterstrichen. Bis Mittwoch findet die Vollversammlung der beiden Bischofskonferenzen erstmals gleichzeitig in Mariazell statt.
Wie Kardinal Erdö in seiner Predigt sagte, gebe es einen Frieden in der Welt, der oftmals bloß eine "Ruhe der Oberflächlichkeit und der Gleichgültigkeit" ist: Man kümmere sich nicht um Dinge, damit sie den eigenen Frieden "nicht stören". Und es gebe auch einen Frieden, der nur eine "Ruhe der Eroberung und der Unterdrückung" ist.
Dennoch seien die Zeichen der Zeit nicht nur bedrohlich, so der Kardinal: "Die Versöhnung der Völker und in die Versöhnung der Gesellschaft besonders in unserer Region ist nicht nur notwendig, sondern auch möglich geworden".
Erdö rief dazu auf, die Welt auch "mit den Augen der Nachbarn" sehen zu wollen. Denn viele Ängste entstünden aus der Unkenntnis des anderen und seiner Situation. Einfühlsamkeit sei genauso wichtig wie Statistik. Und das Gefühl der Solidarität könne in der Praxis mehr wiegen als einige Kalkulationen. Dann werde sich zeigen, dass Neid, Misstrauen und Furcht voreinander fehl am Platz sind.
Der steirische Diözesanbischof Egon Kapellari hatte als Ortsbischof zu Beginn des Gottesdienstes die Rolle des Wallfahrtsortes Mariazell als "europäische Adresse" unterstrichen, besonders für den Donauraum. Die dazu gehörenden Länder seien nun durch die EU und durch deren weitere Perspektiven mit all ihren Chancen und Risiken verbunden. "Als Kirche begleiten wir diese Entwicklung mit einer hoffnungsvollen und kritischen Solidarität und bemühen uns darum, diesem Kontinent aus den Quellen christlichen Glaubens Hoffnung und Zukunft eröffnen zu helfen", so Kapellari.
Dass die Vollversammlung der Österreichischen und der Ungarischen Bischofskonferenz zum ersten Mal zur selben Zeit am selben Ort stattfindet, sei -so Kapellari - eine Frucht des Mitteleuropäischen Katholikentages, der vor zwei Jahren in Mariazell seinen Abschluss gefunden hatte.
Schönborn: "Denkwüdiger Moment"
Kardinal Christoph Schönborn bezeichnete die Messfeier in der Basilika in seinem Schlusswort als "denkwürdigen Moment". Die gemeinsame Eucharistiefeier verbinde Ungarn und Österreicher "tiefer als alles andere, was uns trennt und was uns verbindet". Die Freundschaft in Christus sei das "solideste Fundament" der Nähe.
Vor der Messfeier hatten sich die Bischöfe gemeinsam zum Gebet vor dem Gnadenaltar versammelt. Der steirische Altbischof Johann Weber zitierte dabei das marianische Schlussgebet aus der ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. "Deus caritas est".
Der Superior von Mariazell, P. Karl Schauer, verwies darauf, dass Kardinal Erdö als Hauptzelebrant den kulturhistorisch wertvollen gotischen Corvinus-Ornat trug, der ein Symbol der ungarisch-österreichischen Verbundenheit in Mariazell ist.
Für die musikalische Gestaltung sorgte "Ars musica" unter Leitung von Thomas Dolezal. U.a. war auch der eucharistische Hymnus "Tantum ergo" mit der Joseph Haydn-Melodie von 1797 zu hören.