Kardinal Schönborn: Christliche Kultur hat Zukunft
Mariazell, 21.6.06 (KAP) Die christliche Kultur hat Zukunft, weil das Geschenk der Gnade immer eine schöpferische Antwort des Menschen herausfordern wird, sagte Kardinal Christoph Schönborn am Mittwochmorgen beim gemeinsamen Gottesdienst der ungarischen und der österreichischen Bischöfe in der Mariazeller Basilika. Diese christliche Kultur der Zukunft werde vielleicht mehr von "Kathedralen der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit" geprägt sein als von eindrucksvollen Gotteshäusern, aber in jedem Fall werde sie Ausdruck einer "schönen" Seelenlandschaft sein.
In seiner Predigt erinnerte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz daran, wie sehr die Prägekraft der Bibel die christliche Kultur Europas geformt hat. Wörtlich sagte Kardinal Schönborn: "Die Heilige Schrift hat durch starke Bilder, starke Symbole und starke Geschichten die Seelenlandschaft Europas geprägt". Hinter den Bildern der Bibel stehe aber nicht nur eine antike Kultur, sondern das "lebendige Wort Gottes". Die christliche Kultur stelle die schöpferische Antwort des Menschen auf das "Spiel der Gnade" dar.
Die ungarischen Bischöfe mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal-Primas Peter Erdö, an der Spitze verabschiedeten sich nach der Messfeier von Kardinal Schönborn und den österreichischen Bischöfen. Kardinal Erdö lud die österreichischen Bischöfe für 2007 zu einem Gegenbesuch in Ungarn ein; Ort der Begegnung könnte die Katholische Universität sein, die neben ihrem Sitz in Budapest über einen eindrucksvollen Campus in Piliscsaba verfügt.
Die Episkopate der beiden Nachbarländer hatten von 19. bis 21. Juni in Mariazell zum ersten Mal seit 150 Jahren wieder gemeinsam getagt. Vor dem "Ausgleich" zwischen der österreichischen und der ungarischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie (1867) hatte es gemeinsame Konferenzen der Bischöfe des Gesamtstaates gegeben. Kardinal Erdö erinnerte in Mariazell daran, dass diese Begegnungen damals von starken Spannungen gekennzeichnet waren. Heute hingegen sei die Situation "freundlich", so der ungarische Primas: "Jeder kann seine Identität bewahren und wir können trotzdem zusammenarbeiten".
Das gemeinsame ungarisch-österreichische Bischofstreffen in Mariazell ist eine Konsequenz des Mitteleuropäischen Katholikentags, der 2004 mit der "Wallfahrt der Völker" in den steirischen Marienort seinen Höhepunkt gefunden hatte.
Die österreichischen Bischöfe setzten am Mittwoch nach der Abreise ihrer ungarischen Mitbrüder ihre Sommervollversammlung fort. Unter anderem wurde über das im kommenden Jahr bevorstehende 850-Jahr-Jubiläum von Mariazell beraten, zu dem Papst Benedikt XVI. erwartet wird. Außerdem ging es auch um die Gestaltung der vier geplanten Pädagogischen Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft in Österreich.