Kapellari: Widerstand gegen bloß immanente Weltdeutung
Graz, 21.6.06 (KAP) Christen leisten Widerstand gegen eine Deutung der Welt als "ein sich in Immanenz verschließendes System"; gerade für katholische Studierende und Akademiker und deren Gemeinschaften sei dies eine "intellektuelle Herausforderung", betonte der steirische Diözesanbischof Egon Kapellari beim Festgottesdienst im Grazer Dom zum 60-Jahr-Jubiläum der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Graz. Kapellari hatte vor seiner Bischofsweihe die Grazer KHG 18 Jahre lang geleitet.
Der Bischof erinnerte an den frühchristlichen Diognet-Brief aus dem 2. Jahrhundert, der "bleibend Gültiges über das Katholischsein als Haltung, als Beschreibung dessen, was ernsthafte Christen tun und was sie nicht tun, zur Sprache gebracht" habe. Neben dem Mut zu Kritik und Widerstand zum Beispiel gegen ein Leben und Denken, "als ob es Gott nicht gäbe", gegen die Zerstörung geborenen oder noch ungeborenen menschlichen Lebens und gegen Libertinage gebe es auch andere Verhaltensmuster der Christen bezogen auf ihre Mitwelt. "Die Christen leben in Welt, aber oft auch gegen Welt und jedenfalls über Welt hinaus", so der Bischof; sie seien somit fähig zu Synthese, zu Kritik und zur Transzendenz.
Kapellari erinnerte auch an die auf das 1. Jahrhundert zurückgehende Verständnis des Begriffes "katholisch", dem sich die Katholischen Hochschulgemeinde verpflichtet wisse. Der Bischof und Apostelschüler Ignatius von Antiochien habe betont: "Wo Christus ist, da ist die katholische Kirche." Seither bildeten "christlich" und "katholisch" eine untrennbare Einheit. "Katholisch, allumfassend, allumspannend entsprechend den am Kreuz ausgebreiteten Armen Christi, das war und ist ein Wesensname für die Gemeinschaft von Glaubenden, der eine Botschaft Christi an alle Welt auf den Weg mitgegeben wurde", so Kapellari.
In den vergangenen 60 Jahren habe es in der KHG Graz viele junge Menschen gegeben, die ihre Existenz mehr und mehr auf Gott, auf Jesus Christus setzten, "manche sogar bis zur unverwechselbaren Gestalt der Nachfolge als Priester, als Mönch oder Ordensfrau", so der Bischof. Er erinnerte in seiner Predigt an jene kleine Schar von jungen Katholiken,die während des NS-Regimes im Umkreis der Barbarakapelle neben dem Dom miteinander beteten, die Bibel lasen, die Glaubenslehre bedachten und Eucharistie feierten. Das "Senfkorn" dieser "Gemeinschaft bei der Barbarakapelle" bildete die Vorgeschichte der im Jahr 1946 konstituierten Katholischen Hochschulgemeinde, so Kapellari.
Erster hauptverantwortlicher KHG-Seelsorger war zunächst Georg Hansemann, danach durch 18 Jahre Ludwig Reichenpfader, weitere 18 Jahre Egon Kapellari. Ab 1982 waren Heinrich Schnuderl und Edmund Muhrer Grazer Hochschulseelsorger, derzeit ist es Alois Kölbl.
Der Festgottesdienst mit Bischof Kapellari als offizieller Höhepunkt der Jubiläums-Feierlichkeiten wurde vom KHG-Chor und dem Chor des Musikgymnasiums Dreihackengasse musikalisch gestaltet, mit der Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart. Anschließend luden der steirische Landeshauptmann Franz Voves und der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl zu einem Empfang im ehemaligen Jesuitenkollegium, dem heutigen Priesterseminar.
Dort wurde auch die Jubiläums-Festschrift "au contraire. Glaube, Emotion, Vernunft" mit Essays von Persönlichkeiten des politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens wie Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, Hannes Androsch, Matthias Horx und auch Diözesanbischof Kapellari präsentiert.
"Ort eines zeitsensiblen Katholizismus"
Der Herausgeber des Sammelbandes, der Pastoraltheologe und Dekan der Grazer Theologischen Fakultät, Prof. Rainer Bucher, bezeichnete die Grazer KHG im Gespräch mit "Kathpress" als "hervorragenden Ort eines zeitsensiblen und anspruchsvollen Katholizismus", der eine den katholischen Akademien in Deutschland vergleichbare Bedeutung habe. In der Hochschulgemeinde habe es über die Jahrzehnte hinweg eine Auseinandersetzung mit brennenden Fragen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft auf einem hohen Niveau gegeben, das jetzige Team unter Alois Kölbl setze diese Tradition vor allem auf dem Gebiet der Kunst fort. Bucher erinnerte daran, dass die KHG Generationen von steirischen Intellektuellen prägte, darunter Politiker wie den langjährigen steirischen Landeshauptmann Josef Krainer, aber auch Publizisten wie die derzeitigen Chefredakteure von "Standard" und "Presse", Gerfried Sperl und Michael Fleischhacker, oder den Theaterregisseur Martin Kusej.
Bucher selbst referiert in dem Jubiläumsband eine Studie über die Wahrnehmung der KHG an der Grazer Universität: Ergebnis war ein sehr hoher Bekanntheitsgrad und Profilierung weniger als Gemeinde denn als Ort anspruchsvoller Bildungsarbeit. Die Grazer Universität und auch ihr derzeitiger evangelischer Rektor Alfred Gutschelhofer "wissen, was sie an der Hochschulgemeinde haben", so Bucher.