"Der Glaube hat mehr zu bieten als die Marktwirtschaft"
Wien, 28.6.06 (KAP) Der Markt kann nicht an die Stelle der Religion treten, denn Religion hat immer ein "Mehr" zu bieten, dass die Marktwirtschaft nicht erfüllen kann. Das war der Tenor einer Veranstaltung im Wiener "Haus der Industrie" am Dienstagabend unter dem Motto "Der Markt als Gott? Ist die Marktwirtschaft an die Stelle der Religion getreten?".
Herbert Beiglböck, Wirtschaftsdirektor der Diözese Graz-Seckau, wies darauf hin, dass es einerseits durchaus Übereinstimmungen zwischen Marktwirtschaft und Religion gibt: Beide seien bestrebt, Sehnsüchte der Menschen zu erfüllen. Der zentrale Unterschied liege aber darin, dass bei der Religion immer eine Dimension dazukomme. Beiglböck: "Wer glaubt und aus der Beziehung zu Gott lebt, hat immer einen gedeckten Scheck bei sich, dass sein Leben zur Fülle geführt wird". Die Kirche müsse sich in diesem Zusammenhang aber die Frage stellen, ob sie dieses "Mehr" auch richtig vermittle. Wie Beiglböck weiter ausführte, habe die Wirtschaft in der Kirche immer eine nachgeordnete Bedeutung und müsse der Seelsorge dienen.
Der Geraser Altabt Joachim Angerer bestätigte Beiglböcks Befund: "Markt und Materialismus befriedigen nicht wirklich. Gesundheit und Zeit kann man nicht kaufen". Bei der Aufgabe der Kirche, ihre Botschaft den Menschen zu vermitteln, ortete Angerer aber einige schwere Defizite.
Christian Friesl von der Industriellenvereinigung ortete im Alltag einige Verbindungslinien zwischen Markt und Religion. So könne man feststellen, "dass Werbung immer spiritueller wird". Zum anderen würden die Kirchen immer marktorientierter werben. Zugleich gelte aber auch: "Wenn es um Glaube und persönliche Beziehung zu Gott geht, dann hat das mit dem Markt nichts zu tun".
Waffen und Kinderspielzeug
Im Rahmen der Podiumsdiskussion in der Industriellenvereinigung wurde auch das im "Styria"-Verlag erschienene Buch "Abendmahl in Teufels Küche" der Kulturhistorikerin und Publizistin Gabriele Sorgo vorgestellt. Gabriele Sorgo geht darin den Beziehungen zwischen Konsumgesellschaft und Religion auf die Spur. Bei der Podiumsdiskussion warnte sie davor, dass unter einer Alleinherrschaft des Götzen Markt alles verloren gehen würde, was nicht käuflich und verkäuflich ist, "und das ist doch eine ganze Menge". Der Markt sei zwar nichts Teuflisches, wie mancherorts auch behauptet wird, er könne aber keinen Sinn liefern. Letztlich liege es am Menschen, wie er den Markt gestaltet: "Der Markt verkauft sowohl Waffen als auch Kinderspielzeug".
Wie Sorgo sagte, habe der Markt als Vermittlungsinstanz aber eines geschafft, was den Religionen bislang verwehrt geblieben sei: die globale Vernetzung.
Sehr kritisch zur gegenwärtigen Globalisierung äußerte sich Alois Schober von der Werbeagentur "Young&Rubicam". Er bezeichnete das globale System von Angebot und Nachfrage als "legalisiertes Faustrecht". Die immer materialistischer werden Gesellschaft mit zugleich erodierenden Werten sei gegenwärtig das zentrale weltweite Probleme.